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Markteinführungen im Juni

Eine Handvoll Neues

Datum 20.06.2016  10:28 Uhr

Von Sven Siebenand / Zum Sommeranfang kamen fünf neue Arzneistoffe auf den deutschen Markt. Darunter befinden sich ein Medikament zur Behandlung von Lungenhochdruck sowie zwei neue Wirkstoffe für Patienten mit einem Multiplen Myelom. Hinzu kommen ein Mittel zum Einsatz bei Hämophilie B und ein neues Gentherapeutikum für Hautkrebspatienten.

Die pulmonale arterielle Hypertonie (PAH) ist eine lebensbedrohliche Erkrankung, die mit einer krankhaften Druckerhöhung in den Lungengefäßen einhergeht. Seit Mitte Juni ist mit Selexipag (Uptravi® Filmtabletten, Actelion) eine neue Therapieoption verfügbar. Im Vergleich zu Gesunden produzieren PAH-Patienten weniger gefäßerweiterndes Prostacyclin. Damit ist das Gleichgewicht zwischen gefäßerweiternden und gefäßverengenden Substanzen bei ihnen zugunsten Letzterer gestört, was zu den Symptomen der Erkrankung führt.

Der IP-Rezeptor ist der Zielrezeptor von Prostacyclin. Bindet es daran, kommt es zur Erweiterung der Gefäße. Daher ist es ein wichtiges Ziel in der PAH-Therapie, den IP-Rezeptor medikamentös zu aktivieren. Bislang standen dazu Epoprestenol und die Prostacyclin-Analoga Treprostinil und Iloprost zur Verfügung. Diese stimulieren jedoch nicht nur den IP-Rezeptor, sondern auch andere Rezeptoren mit zum Teil entgegengesetzten Wirkungen. Ein weiterer Nachteil ist, dass sie intravenös beziehungsweise subkutan injiziert beziehungsweise mehrmals täglich inhaliert werden müssen. Selexipag ist dagegen die erste orale Substanz, die auf den Prostacyclin-Signalweg abzielt. Der Wirkstoff und sein aktiver Metabolit wirken als selektive IP-Rezeptor-Agonisten.

Die empfohlene Anfangsdosis beträgt zweimal täglich 200 µg. Für jeden Patienten sollte bis zur höchsten individuell verträglichen Dosis hochtitriert werden. Diese kann zwischen 200 und 1600 µg zweimal täglich liegen. Um die Verträglichkeit zu verbessern, können PTA und Apotheker dazu raten, die Tabletten zu den Mahlzeiten einzunehmen. Die Verträglichkeit der Behandlung kann möglicherweise auch dadurch verbessert werden, indem die erste Tablette nach einer Dosiserhöhung am Abend und nicht am Morgen eingenommen wird. Wenn der Arzt entscheidet, die Behandlung mit Selexipag abzusetzen, muss dies schrittweise erfolgen.

Zugelassen ist Selexipag für die Langzeitbehandlung bei erwachsenen Patienten der WHO-Funktionsklasse II bis III, entweder als Kombinationstherapie mit anderen PAH-Medikamenten oder als Monotherapie, wenn die anderen Mittel nicht infrage kommen. Die häufigsten Nebenwirkungen von Selexipag waren in Studien – wie von anderen Medikamenten, die im Prostacyclin-Signalweg wirken, bekannt – Kopfschmerzen, Diarrhö und Übelkeit sowie Kieferschmerzen.

Patienten mit schwerer Beeinträchtigung der Leberfunktion sollten den neuen Arzneistoff nicht erhalten. Bei Patienten mit mittelschwerer Beeinträchtigung der Organfunktion sollte die Anfangsdosis 200 µg einmal täglich betragen.

Kontraindiziert ist Selexipag bei Patienten, die in den voran­gehenden sechs Monaten einen Herzanfall hatten oder bei denen eine schwere koronare Herzkrankheit oder eine instabile Angina pectoris vorliegt. Zudem ist es tabu bei Patienten mit Schlaganfall in den vorangehenden drei Monaten, mit schweren Arrhythmien oder mit Defekten der Herzklappen. Bei Patienten mit anderen Herzproblemen darf das neue Medikament nur unter engmaschiger medizinischer Überwachung zum Einsatz kommen. Stillenden Frauen sollten Ärzte dieses Präparat nicht verordnen. Ebenso gibt es dafür keine Empfehlung bei Schwangeren.

Elotuzumab

Das Multiple Myelom ist eine Blutkrebserkrankung, die im Knochenmark entsteht, wenn eine Plasmazelle entartet und sich unkontrolliert vermehrt. Häufige Symptome des Multiplen Myeloms sind Knochenschmerzen, Erschöpfung, Beeinträchtigungen der Nierenfunktion und Infektionen. Trotz zahlreicher Fortschritte in der Therapie überlebt weniger als die Hälfte der Patienten nach Diagnose fünf Jahre oder länger. Daher besteht weiter Bedarf an neuen Therapien. Gleich zwei neue Wirkstoffe kamen zur Behandlung dieser schweren Krebserkrankung nun neu in den deutschen Handel.

Die erste Substanz ist Elotuzumab (Empliciti® Pulver für ein Konzentrat zur Herstellung einer Infusionslösung, Bristol-Myers Squibb). Der Antikörper ist in Kombination mit Lenalidomid und Dexamethason zugelassen zur Behandlung des Multiplen Myeloms bei Erwachsenen, welche mindestens eine vorangegangene Therapie erhalten haben.

Elotuzumab ist ein sogenannter immunaktivierender Antikörper. Das heißt, dass dieser Immunzellen des Körpers aktiviert, damit diese die Krebszellen angreifen. Dazu bindet der Wirkstoff an ein Protein mit der Bezeichnung SLAMF7 auf der Oberfläche der Immunzellen, wodurch diese gegen die Krebszellen aktiv werden und den Krankheitsverlauf verlangsamen. Ferner bindet der Antikörper auch an SLAMF7 auf den Krebszellen, wodurch diese gegenüber den Angriffen durch die Immunzellen anfälliger werden.

Empliciti wird intravenös infundiert. Die Behandlung erfolgt in 28-tägigen Zyklen, wobei der Antikörper in den ersten beiden Zyklen einmal wöchentlich an den Tagen 1, 8, 15 und 22 sowie in den darauffolgenden Zyklen einmal alle zwei Wochen an den Tagen 1 und 15 verabreicht wird. Die Dosis beträgt 10 mg pro Kilogramm Körpergewicht.

Die Anwendung von Elotuzumab in Kombination mit Lenalidomid und Dexamethason ist laut Fachinformation mit besonderen Warnhinweisen und Vorsichtsmaßnahmen assoziiert. Diese betreffen zum Beispiel das erhöhte Auftreten von Infektionen sowie infusionsbedingte Reaktionen. Aufgrund des Risikos für Letztere muss vor jeder Infusion eine vorbeugende Behandlung mit einem Entzündungshemmer, einem Antihistaminikum und Paracetamol erfolgen.

Sehr häufige Nebenwirkungen von Empliciti, die bei mehr als 10 Prozent der Patienten beobachtet wurden, sind Infusionsreaktionen mit Symptomen wie Fieber und Schüttelfrost, Durchfall, Gürtelrose, Halsschmerzen, Husten, Lungenentzündung, Erkältungen, eine niedrige Konzentration weißer Blutkörperchen und Gewichtsverlust.

Elotuzumab wird unter anderem mit Lenalidomid kombiniert, welches bei Schwangeren kontraindiziert ist. Daher scheidet die Anwendung des neuen Antikörpers in dieser Patientengruppe aus. In der Stillzeit sieht es ähnlich aus. Aufgrund der Kombination mit Lenalidomid sollten Frauen auf das Stillen verzichten.

Daratumumab

Der zweite neue Wirkstoff zur Behandlung des Multiplen Myeloms ist der Antikörper Daratumumab (Darzalex® Konzentrat zur Herstellung einer Infusionslösung, Janssen-Cilag). Dieser darf als Monotherapeutikum verwendet werden, wenn die Erkrankung nach einer Behandlung mit einem Proteasom-Inhibitor und einem Immunmodulator wieder aufgetreten ist oder sich durch diese Arzneimittel nicht gebessert hat. Daratumumab bindet an das Protein CD38, das sich in hoher Konzentration auf der Oberfläche der Tumorzellen des Multiplen Myeloms befindet. Dadurch wird das Immunsystem aktiviert, um die Krebszellen abzutöten.

Wie Elotuzumab wird auch Daratumumab infundiert. Die empfohlene Dosis beträgt 16 mg pro Kilogramm Körpergewicht, die in den ersten acht Wochen einmal pro Woche verabreicht werden. Ab Woche neun bis Woche 24 wird Darzalex alle zwei Wochen und danach alle vier Wochen verabreicht. Die Behandlung wird so lange fortgesetzt, wie der Patient daraus therapeutischen Nutzen zieht. Vor und nach der Infusion sollten die Patienten Arzneimittel erhalten, um das Risiko infusionsbedingter Reaktionen zu senken. Der Arzt kann im Falle schwerer infusionsbedingter Reaktionen die Infusionsrate senken oder die Behandlung beenden.

Neben infusionsbedingten Reaktionen traten als Nebenwirkungen unter anderem Fatigue, Übelkeit, Rückenschmerz sowie Anämie, Neutropenie und Thrombozytopenie sehr häufig auf. Schwangere dürfen den neuen Antikörper nicht erhalten, es sei denn, der Nutzen für die Frau überwiegt die Risiken für den Fetus. In der Stillzeit ist zu entscheiden, ob das Stillen oder die Behandlung mit Daratumumab zu unterbrechen ist. Dabei sind sowohl der Nutzen des Stillens für das Kind als auch der Nutzen der Therapie für die Frau zu berücksichtigen.

Daratumumab wurde von der europäischen Arzneimittelbehörde EMA unter Auflagen zugelassen. Die EMA fordert weitere Nachweise für das Arzneimittel. Neue Ergebnisse wird sie jährlich prüfen und gegebenenfalls im Anschluss die Fach-und Gebrauchsinformation des neuen Präparats aktualisieren lassen.

Eftrenonacog alfa

Mit Eftrenonacog alfa (Alprolix® Pulver und Lösungsmittel zur Herstellung einer Injektionslösung, Biogen Idec) gibt es nun einen weiteren Wirkstoff zur Behandlung und Prophylaxe von Blutungen bei Patienten mit der Hämophilie B. Dabei handelt es sich um eine Blutungsstörung, die durch den Mangel an Gerinnungsfaktor IX verursacht ist und von der fast ausschließlich Männer betroffen sind. Eftrenonacog alfa wirkt im Körper auf die gleiche Weise wie der humane Faktor IX. Er ersetzt den fehlenden Faktor IX und unterstützt damit die Blutgerinnung und ermöglicht eine vorübergehende Kontrolle von Blutungen. Der Wirkstoff darf bei Patienten jeden Alters zum Einsatz kommen. Bei zuvor unbehandelten Patienten wurden Sicherheit und Wirksamkeit des neuen Medikaments bisher allerdings noch nicht nachgewiesen.

Dosis und Häufigkeit der Behandlung mit Alprolix sind vom Körpergewicht abhängig und davon, ob das Mittel zur Behandlung oder zur Vorbeugung einer Blutung angewendet wird. Zudem richten sie sich nach dem Schweregrad des Mangels an Faktor-IX-Faktor, dem Ausmaß und Ort der Blutung sowie dem Alter und der Gesundheit des Patienten. Nach entsprechender Schulung können Patienten sich Eftrenonacog alfa selbst injizieren.

In seltenen Fällen wurden in Studien allergische Reaktionen auf das neue Medikament beobachtet, zum Beispiel Schwellungen, brennendes und stechendes Gefühl an der Injektionsstelle, Schüttelfrost, Hitzegefühl, juckender Hautausschlag, Kopfschmerzen, Nesselsucht, niedriger Blutdruck, Lethargie, Übelkeit und Erbrechen, Unruhe, beschleunigter Herzschlag, Engegefühl im Brustbereich und keuchende Atmung. In einigen Fällen können diese Reaktionen schwerwiegend werden. Zudem entwickeln einige Patienten, die Faktor-IX-Arzneimittel anwenden, Antikörper gegen den Faktor IX. Dies führt dazu, dass das Arzneimittel nicht mehr wirkt und es zu einem Verlust der Blutungskontrolle kommt.

Talimogen laherparepvec

Mit Talimogen laherparepvec (Imlygic®, Amgen) kam Mitte Juni zudem ein neues Gentherapeutikum auf den deutschen Markt. Zugelassen ist das Präparat zur Behandlung von Erwachsenen mit Melanomen, die operativ nicht entfernt werden können und die bereits in andere Körperbereiche gestreut haben, allerdings nicht in Knochen, Lunge, Gehirn oder andere innere Organe. Es enthält genetisch veränderte Viren, die spezifisch Tumorzellen angreifen und gleichzeitig das Immunsystem für den Kampf gegen den Krebs aktivieren. Diese Kombination wird auch als onkolytische Immuntherapie bezeichnet.

Es handelt sich bei Talimogen laherparepvec um ein gentechnisch verändertes Herpes-simplex-Virus, das bei Hautkrebs-Patienten direkt in die Hautläsionen gespritzt wird. Das Virus wurde so modifiziert, dass es sich in den Krebszellen vermehren kann. Es »überschwemmt« diese letztendlich, bis sie platzen und damit zerstört werden. Diese sogenannte Lyse der Krebszellen setzt Tumorantigene sowie das Protein GM-CSF frei. Es wird angenommen, dass hierdurch eine systemische Antitumor-Immunantwort ausgelöst wird, im Rahmen derer weiße Blutkörperchen in der Lage sind, Krebszellen, die sich im Körper ausgebreitet haben, aufzuspüren und zu bekämpfen.

Die erste Dosis Imlygic wird in einer geringeren Konzentration verabreicht. Nach drei Wochen erfolgte die zweite Behandlung in einer höheren Konzentration. Danach sollte die Behandlung über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten alle zwei Wochen fortgeführt werden. Das zu injizierende Volumen hängt von der Größe und der Anzahl der Tumorläsionen ab.

Sehr häufige Nebenwirkungen von Imly­gic, von denen mehr als ein Viertel der Patienten in Studien betroffen ­waren, sind Müdigkeit, Schüttelfrost, Fieber, Übelkeit, grippeähnliche Erkrankungen und Schmerzen an der Injek­tionsstelle. Da Imlygic ein Herpesvirus beinhaltet, kann es später erneut aktiv werden und Infektionen wie Lippenherpes verursachen. Bei Patienten mit geschwächtem Immunsystem, etwa HIV-Patienten, kann das neue Gen­therapeutikum zur Krankheitsausbreitung führen. Bei stark beeinträchtigtem Immunsystem ist Imlygic kontra­indiziert. /

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