Was tun bei unberechtigten Beschwerden? |
| 20.06.2016 10:28 Uhr |
Von Britta Odenthal / Wenn Kunden sich in der Apotheke beschweren, ist das immer ärgerlich. Ist die Reklamation ungerechtfertigt, umso mehr. Mit etwas Geschick und Übung lässt sich eine solche Situation aber souverän meistern – selbst wenn der Kunde ausfallend wird.
Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie haben am Vortag für einen Patienten ein Rezept bearbeitet. Sie erinnern sich noch gut an die Situation, weil Sie dazu Rücksprache mit einer Apothekerin gehalten haben. Danach haben Sie alles in eine Tüte gepackt und an den Kunden gegeben. Jetzt ruft er bei Ihnen an und startet ohne Gruß mit dem lautstarken Vorwurf: »Da fehlt etwas!«
Die erste natürliche Reaktion: »Das kann nicht sein, ich habe es selbst eingepackt!« In den wenigsten Fällen wird Ihr Gegenüber dann verständnisvoll »Ach so, dann schaue ich noch einmal genau nach«, antworten. Der Kunde fühlt sich im Recht, sonst hätte er nicht angerufen. Und leicht lässt er sich nicht abwimmeln, das hat er sich vorgenommen, bevor er zum Hörer gegriffen hat. Da hat er nämlich den Konflikt mit Ihnen schon begonnen, ohne dass Sie dabei waren. Er hat in die Tüte geschaut und einen Schreck bekommen: Es fehlt etwas oder das falsche Medikament ist in der Tüte – zumindest seiner Meinung nach.
Der Kunde ist enttäuscht. Er erinnert sich womöglich an eine Situation, in der ihm etwas Ähnliches passiert ist, nicht unbedingt in der gleichen Apotheke. Damals waren alle unhöflich und haben ihm nicht geglaubt. Angst und Wut wallen in ihm auf. Dieses Mal lässt er sich nicht so leicht abwimmeln, nimmt er sich vor, und greift zum Hörer. Er ist dann bereits mitten im Prozess des Konflikts. Sie konnten nicht zu Anfang mit einer Klärung einwirken und bekommen nun das Ergebnis ab. Er hat die erste Stufe, in der sich ein Konflikt am einfachsten klären lässt, schon verlassen.
Der Kunde ist also auf Angriff programmiert. Auch wenn Sie wissen, dass es nicht sein kann, dass ein Medikament fehlt, sollten Sie zunächst das Gefühl des Kunden annehmen, zum Beispiel mit einem einfachen »Oh«. Ein »Oh« ist kein Schuldeingeständnis, es ist lediglich eine Form psychologischer Anteilnahme. Es zeigt, dass Sie keinen Gegenangriff starten. Vielmehr geht es darum, dem Kunden ein »Beruhigungszuckerl« anzubieten. Keinen weiteren Aufreger bitte! Es ist leichter, wenn Sie vorher kurz atmen. Am besten Ausatmen, denn Ausatmen ist eine Information für unseren Körper, dass alles in Ordnung ist. Bei heftigem Einatmen und Luft anhalten schüttet er dagegen Adrenalin aus.
Kleine Aufgaben
Geben Sie einem Menschen, der sich aufregt, immer kleine, leicht zu lösende Aufgaben, oder stellen Sie einfache Fragen. Sie gehen so auf sein Anliegen ein und übernehmen gleichzeitig wieder die Führung des Gesprächs. Fragen Sie weiter: »Herr Müller, haben Sie die Tüte mit den Medikamenten vor sich liegen?« Geht er sofort wieder in den Kampfmodus über und bellt: »Was tut das hier zur Sache?«, braucht es noch etwas Mitgefühl. Zum Beispiel: »Ich kann mir vorstellen, dass es ärgerlich ist, wenn man nicht alles in der Tüte findet, was man erwartet.«
Das ist immer noch kein Schuldeingeständnis, nur Mitgefühl. Bei einem Angriff haben wir drei Möglichkeiten zur Verfügung: Gegenangriff, »toter Mann/tote Frau« spielen oder Erstarrung. Das sind natürliche Reaktionen. Dem Angriff standzuhalten ist dagegen eine Reaktion, die lange und immer wieder trainiert werden muss. Weder Flüchten noch Angreifen ist die absolute Königsdisziplin.
Der Kunde am Telefon antwortet also: »Ja, liegt alles hier vor mir auf dem Tisch.« Ein kleines Lob, dass er unserer Frage gefolgt ist: »Das ist gut.« Jetzt können Sie zur sachlichen Klärung übergehen. »Herr Müller, ich schaue parallel in den PC, so können wir klären, was passiert ist. Sind Sie so nett und legen die Medikamente dann zur Seite, die okay sind. Ich fange jetzt an: »ASS?« Antwort von Herrn Müller: »Ja.« Sie: »Prima, bitte zur Seite legen. Er: »Aber es fehlt doch nur das XY« Sie: »Ja, aber lassen Sie uns bitte alle fünf Medikamente prüfen, das ist mir wichtig.«
Alles prüfen
Wahrscheinlich wird er die Ich-Botschaft von Ihnen akzeptieren. Dann lesen Sie das Medikament vor, das angeblich fehlt: Der Betablocker XY. »Ja, genau das fehlt!«, wird er da wieder lauter. »Was haben Sie stattdessen bekommen?« »Ein komisches gelbes Zeug, sieht aus wie ein Vitaminpräparat. Das hab ich sonst nie!« »Ja, das stimmt«, antworten Sie. Hier sollten Sie ihn emotional wieder abholen. »Herr Müller, was hatten Sie bisher immer?« Wir gehen in diesem Beispiel davon aus, dass er kein Stammkunde ist. Ab diesem Zeitpunkt schließlich gilt es – wie so oft – dem Kunden Verständnis für die Rabattverträge zu vermitteln.
Der Kunde hat während des Gesprächs genug Zeit, seine Emotionen in den Griff zu bekommen. Durch Ihr Mitgefühl und dadurch, dass Sie nicht sofort einen Gegenangriff starten, das Ganze persönlich nehmen oder leugnen, ist es selbst in diesem fortgeschrittenen Prozess noch möglich, den Konflikt zu lenken.
Hat der Kunde erkannt, dass er im Unrecht ist, sollten Sie nicht unbedingt auf einer Entschuldigung bestehen. Er kann sein Gesicht wahren, der Sachverhalt ist geklärt. »Herr Müller, es ist wirklich kompliziert mit den Rabattverträgen und Änderungen. Da blickt man als Patient kaum durch.« So ist sein Ego wiederhergestellt, und er wird Kunde der Apotheke bleiben. Und Sie können sich auf die Schulter klopfen: Ihnen ist es gelungen, den Konflikt zu lösen!
Fair bleiben
Manche Kunden sind nicht nur emotional aufgebracht, sie vergreifen sich im Ton und werden beleidigend, entweder gegenüber der Apotheke (»Saftladen«), oder sie greifen Sie persönlich an. Bei solchen Beleidigungen haben sich verschiedene Formulierungen bewährt.
Kunde: »Das hier ist ein Saftladen und Sie persönlich sind ein …!« PTA: »Das habe ich jetzt überhört.« Durch die Bemerkung haben Sie dem Kunden zu verstehen gegeben, dass Sie es natürlich gehört haben. Aber auch, dass Sie bereit sind, so zu tun, als ob er es nicht gesagt hätte. Es signalisiert so zugleich Ihre Bereitschaft, weiter zu helfen und dass Sie auch Grenzen aufzeigen können. Für Sie selbst kann es wichtig sein, dass Sie darauf reagiert haben, sonst fühlen Sie sich vielleicht unterlegen. Noch besser ist die Formulierung: »Das habe ich jetzt überhört. Was ist Ihr Anliegen?« Auch hier zeigen Sie, dass Sie mitbekommen, was los ist, aber sich nicht alles gefallen lassen. Durch die Frage nach dem Anliegen zeigen Sie deutlich, dass Sie im Gespräch bleiben wollen und führen den Kunden in eine sachliche Richtung.
»Warum sagen Sie das?« oder: »Was hat Sie so verärgert?« Damit holen Sie den Kunden zunächst komplett auf der Beziehungsebene ab. Sie gehen auf sein Gefühl ein und wollen wissen, was ihn bewegt. Bei dieser Frage ist zu erwarten, dass der Kunde die Schleusen öffnet und alles rauslässt. Ob Sie das gut aushalten und moderieren können, kommt darauf an, wie geübt Sie darin ist. Der Vorteil für die Beziehung zwischen dem Kunden und Ihnen ist, dass der Ärger raus kann und bestenfalls danach nichts mehr zwischen Ihnen steht. Im Gegenteil, im Idealfall ist die Beziehung danach stabiler als zuvor, hat sie doch einen Sturm überlebt. Das Vertrauen ist gefestigt. Eher auf der sachlichen Ebene reagieren Sie so: »Was konkret meinen Sie?« So gehen Sie stark auf den Inhalt des Konflikts ein. Sie steuern den Kunden, dass er sein Ärgernis möglichst sachlich mitteilt.
Grenzen setzen
PTA: »Ich helfe Ihnen gerne weiter.« Kleine Pause, damit das wirken und ankommen kann. »Bitte keine Beleidigungen. Was ist Ihr Anliegen?« So ziehen Sie deutlicher eine Grenze. Das ist je nach Mensch und Situation durchaus nötig. Sie können diese Sätze auch als Reserve behalten, und es erst mit längeren Zügeln versuchen. Merken Sie, dass der Kunde weiter ausfallend wird, haben Sie noch eine Möglichkeit, ihm deutlicher seine Grenzen aufzuzeigen. Und schließlich ein Satz, der immer und überall geht: »Bitte fair bleiben!« /