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Immunseneszenz
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Bis jetzt kaum Influenzaviren-Aktivität

Die gute Nachricht: Derzeit gibt es nur wenige Grippeinfektionen zu verzeichnen. Die schlechte: Die Influenza wird wiederkommen und dann mit einer großen Welle. Dieser Meinung war zumindest Professor Dr. Thomas Weinke bei einer Fortbildungsveranstaltung der Landesapothekerkammer Hessen. Und: Die Grippe-Impfquoten seien alles andere als beruhigend.
AutorKontaktElke Wolf
Datum 29.03.2022  13:00 Uhr

Bereits den zweiten Winter hintereinander ist die Grippesaison nahezu komplett ausgefallen. »Bis jetzt war nahezu keine Influenza-Aktivität zu verzeichnen«, stellte der Infektiologe vom Ernst-von-Bergmann-Klinikum in Potsdam aktuelle Daten vor. Die Situation in Deutschland deckt sich mit der auf der gesamten Nordhalbkugel. Etwas anders stellt sich die Lage laut Weinke auf der Südhalbkugel dar: »Während im ersten Pandemiejahr auch in Australien die Influenzasaison komplett ausfiel, verläuft derzeit eine milde Saison mit kleineren Gipfeln – und zwar zu einem verschobenen Zeitpunkt. Statt in den Sommermonaten wurden im Januar und Februar vermehrt Infektionen gemeldet.«

Weinke ist sich sicher, dass die Influenza auch hierzulande irgendwann wieder kommen wird – und dann mit einer heftigen Welle. »Wenn Viren lange keine Rolle gespielt haben, dann kommen sie stärker zurück, da die meisten Menschen aufgrund der Schutzmaßnahmen gegen SARS-CoV-2 auch keinen Kontakt mit dem Grippevirus hatten und so keinen Immunschutz etwa durch eine durchgemachte Infektion aufbauen konnten und empfänglicher dafür sind.« Das gleichzeitige Zirkulieren von Influenza- und Coronaviren könnte die Lage verschärfen und zu einem verstärkten Krankheitsgeschehen führen.

Von RSV lernen

Dass sich der fehlende Immunschutz durch ständiges Maske-Tragen, Kontaktbeschränkungen und Reiseverbote auch hinsichtlich anderer Erkrankungen rächen könnte, zeigte sich in den vergangenen Monaten in der Altersgruppe der Säuglinge und Kleinkinder bezüglich des Respiratorischen Syncytial-Virus (RSV). Bereits im vergangenen Juli kamen Kinderkliniken und Kinderabteilungen an ihre Belastungskapazität, erst im Dezember 2022 ist die Kurve wieder abgeflacht. »Die Zahl und die Schwere der Krankheitsverläufe stellte die Kliniken vor große Herausforderungen.« Im Jahr davor zirkulierten RSV dagegen deutlich schwächer. Weinke stellte zudem Beobachtungen aus den USA vor, nach denen sich folgender Zusammenhang ergibt: Je länger die Kontaktbeschränkungen, desto größer der Ausbruch nach den Lockerungen.

»Wir sollten auf die nächste Influenzawelle vorbereitet sein. Das Entscheidende dabei sind hohe Impfraten. Doch dabei ist auch in den Hochrisikogruppen noch deutlich Luft nach oben«, mahnte der Referent die mangelnde Impfbereitschaft der Deutschen an. »Im Bestreben, die Impfquoten zu erhöhen, ist jedes Mittel recht. Deshalb kann ich Apothekenimpfungen auch gegen Influenza nur unterstützen. Andere Länder machen es vor, dass die Apotheken ein niederschwelliges Angebot schaffen.«

Immunseneszenz

Weinke: »Influenza wird in unserer Gesellschaft unterschätzt. Es handelt sich dabei nicht um ein bisschen Gliederschmerzen und Fieber, sondern um eine Systemerkrankung.« Es sind vor allem die Senioren, die eine Influenza stark trifft. Krankenhauseinweisungen und ernste Komplikationen betreffen vor allem diese Altersgruppe, die Mortalitätsrate ist erhöht. Studien zeigen: Eine Influenza erhöht das Herzinfarkt-Risiko um das 10-Fache und das Schlaganfall-Risiko um das 8-Fache.

Im nachlassenden Immunsystem, der sogenannten Immunseneszenz, sieht Weinke einen wesentlichen Grund für die gehäuft bei den über 60-Jährigen auftretenden Komplikationen und Todesfälle. Ab 60 nimmt das Infektionsrisiko an Fahrt auf. Sowohl die zellvermittelte Immunität als auch die Antikörperbildung gehen dann zurück. Im Erkrankungsfalle könne dann das Immunsystem auch schlechter reagieren, weil die Abwehr schlechter funktioniert. Bei ihnen ist nicht nur die Immunantwort bei Exposition mit dem Erreger, sondern auch die auf Impfungen vermindert. Der Hochdosis-Impfstoff mit 60 µg Antigen, den die STIKO seit vergangenem Winter für Senioren ab 60 Jahre empfiehlt (Efluelda®), hat laut Weinke seine Überlegenheit eindeutig gezeigt.

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