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»Zerbrechlicher Zwischenerfolg«
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Der aktuelle Stand der Corona-Krise und die Risiken der Lockerung

Deutschland habe einen »zerbrechlichen Zwischenerfolg« im Kampf gegen die Pandemie erreicht, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel am 15. April im Zuge der Ankündigung erster Lockerungen bei den Corona-Maßnahmen. Sie machte jedoch deutlich: Schon vermeintlich kleine Änderungen der sogenannten Reproduktionszahl können erhebliche Folgen haben.
AutorKontaktdpa
Datum 16.04.2020  15:40 Uhr

Die Reproduktionszahl gibt an, wie viele Menschen eine erkrankte Person im Durchschnitt infiziert. Bei einem Reproduktionswert von 2 – ein Coronavirus-Infizierter steckt im Durchschnitt zwei weitere Menschen an – würden aus 500 Fällen nach nur zehn Ansteckungsrunden mehr als eine Million Fälle. Schon eine Veränderung von 1,1 auf 1,2 kann bedeuten, dass die Intensivversorgung Monate früher an ihre Kapazitätsgrenzen kommt. Derzeit kommt nach Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI) etwa jeder sechste Infizierte (16 Prozent) wegen schwerer Symptome ins Krankenhaus.

Ansteckungsrate eingependelt – auf hohem Niveau

Um eine Epidemie auf natürliche Weise – also ohne Impfstoff – auslaufen zu lassen, müsste der Reproduktionswert über längere Zeit hinweg bei unter 1 liegen, ein Infizierter also im Mittel weniger als einen anderen anstecken. Das gilt nicht nur in Deutschland als derzeit kaum erreichbar – zumal bei den gerade angestoßenen, fortschreitenden Lockerungen.

Die Ansteckungszahlen hätten sich – regional unterschiedlich – insgesamt auf einem hohen Niveau eingependelt, hieß es vor zwei Tagen vom RKI. Man müsse schauen, wie sich die jetzt beschlossenen Schritte auswirkten, erklärte die Kanzlerin nun. Das sei in etwa 14 Tagen, drei Wochen zu sehen. Dass es so lange dauert, liegt unter anderem an der Inkubationszeit, der Zeit für Test und Testergebnis sowie Meldeverzögerungen.

Jede Infektionskette verfolgen

Für die weitere Entwicklung ist Merkel zufolge ein Punkt entscheidend: »Wenn wir jetzt mehr öffentliches Leben zulassen, in kleinen Schritten, dann ist es ganz wichtig, das wir noch besser die Infektionsketten verfolgen können«, sagte sie. »Es muss unser Ziel sein, jede Infektionskette verfolgen zu können.« In den öffentlichen Gesundheitsdiensten sollen dafür zusätzliche Personalkapazitäten geschaffen werden – mindestens ein Team von 5 Personen pro 20.000 Einwohner.

Die Gesundheitsämter in die Lage zu versetzen, möglichst viele Kontaktpersonen von Erkrankten zu identifizieren und diese sachgerecht zu betreuen, sei entscheidend, betonte auch Gérard Krause, Epidemiologe am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. Von Nutzen könne dabei das Interventionsmanagement-System »Sormas« sein, das von einigen deutschen Gesundheitsämtern bereits genutzt werde. »Wenn es gelingt, die Erfassung und enge Betreuung von Kontaktpersonen massiv zu verbessern, kann man vereinzelt neu auftretende kleinere Ausbrüche sofort eindämmen.«

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