| Isabel Weinert |
| 25.02.2026 14:00 Uhr |
Mit einem Gestationsdiabetes der Mutter steigt auch das Risiko des Kindes, im Laufe seines Lebens an Typ-2-Diabetes zu erkranken. / © Getty Images/dragana991
Professorin Dr. med. Julia Szendrödi, Präsidentin der DDG, ging auf den Verlust weiblicher Sexualhormone in der Perimenopause ein. Das erhöhe das Risiko für Typ-2-Diabetes und besonders für Herz und Kreislauf, wenn weitere Faktoren wie Diabetes in der Familie, Adipositas, hoher Blutdruck oder eine Fettstoffwechselstörung hinzukämen. Das Problem liege darin, dass Frauen in dieser Lebensphase häufig zwischen Familie, Pflege der Eltern und Arbeit jonglieren müssten und sich deshalb weniger um sich selbst kümmerten. Das könne dazu führen, dass die Entwicklung eines Typ-2-Diabetes in der Phase übersehen werde, in der man das Fortschreiten noch bremsen könne.
Dieses Problem zeige sich auch schon viel früher, nämlich in der Schwangerschaft. 15 von 100 schwangeren Frauen entwickeln einen Schwangerschafts- oder auch Gestationsdiabetes. Das ist keineswegs eine Bagatelle, sondern kann Mutter und Kind akut während der Schwangerschaft gefährden und erhöht zudem das Diabetesrisiko für beide nach der Schwangerschaft. Zwar verschwinde bei vielen Frauen mit Gestationsdiabetes die Erkrankung nach der Geburt des Babys wieder, entwickele sich dann aber im späteren Leben mit einer hohen Wahrscheinlichkeit erneut, so die Expertin. Deshalb müssten diese Frauen auch nach der Schwangerschaft weiterhin im System der Vorsorge erfasst und betreut werden.
Szendrödi nannte einen Oralen Glucosetoleranztest (OGTT) in den ersten fünf Jahren nach der Geburt des Kindes als Methode der Wahl, um einen sich anbahnenden, beziehungsweise zurückkehrenden Typ-2-Diabetes so früh zu erfassen, dass man mit entsprechender Schulung der Frau zu Lebensstilmaßnahmen das Präventionsfenster offen halte.
Auch die Kinder der Frauen mit Gestationsdiabetes tragen lebenslang ein erhöhtes Risiko. Deshalb müssten die strukturellen Voraussetzungen geschaffen werden, bereits in Kita und Schule einen präventiv wirksamen Lebensstil zu etablieren. Auf diese Weise könnte eine Generation heranwachsen, die schon früh verinnerlicht hat, wie man möglichst lange stoffwechselgesund bleiben kann.
Dafür sei es auch von Bedeutung, dass die Politik mitziehe und zudem Gesundheitspersonal entsprechend bezahlt würde. Man müsse davon wegkommen, nur die bereits ausgebrochenen Krankheiten zu behandeln und stattdessen mehr in die Prophylaxe investieren, betonte Professor Dr. med. Baptist Gallwitz, Mediensprecher der DDG, auf der Veranstaltung. Als essenziell betrachten die Experten und Expertinnen eine Steuer auf stark zuckerhaltige Getränke und zuckerhaltige Fertiglebensmittel. Dem stünden zum einen die Interessen der entsprechenden herstellenden Industrien entgegen, aber auch die Tatsache, dass das Thema nicht im Gesundheits-, sondern im Landwirtschaftsministerium angesiedelt ist, wo widerstreitende Interessen diese sowohl einfach umzusetzende als auch wirksame Maßnahme torpedieren.
Gallwitz spricht sich zudem für eine verpflichtende Lebensmittelkennzeichnung aus, wie sie derzeit nur freiwillig der Nutri-Score bietet, mit dessen Hilfe Verbraucherinnen und Verbraucher etwa den gesundheitlichen Wert eines Lebensmittels einschätzen können. Das System birgt noch Tücken, es ist aber ein Anfang.
Ebenso wichtig: In bestimmten Zeiten keine Werbung im Fernsehen, um Kinder zu schützen. Großbritannien habe das umgesetzt, von 17 Uhr bis 21 Uhr sei werbefreie Zeit, damit Kinder nicht mit für sie schädlichen Lebensmitteln werbend konfrontiert werden.
Alle Maßnahmen sind umso dringlicher, weil Typ-2-Diabetes vor allem in sozial schwächeren Schichten massiv um sich greift, häufiger dort, wo Menschen auf dem Land leben, häufiger im Osten Deutschlands in Gebieten mit einer hohen Arbeitslosenquote. Genau diese Menschen, die eigentlich am meisten in ein System der Prophylaxe eingebunden werden müssten, sind die Benachteiligten bei der wichtigen und rasch fortschreitenden Digitalisierung im Gesundheitswesen. Das beginne schon damit, dass Menschen mit niedrigeren Einkommen in vielen Fällen nicht die modernen Endgeräte hätten, die es bräuchte, um an einer digitalisierten Diabetestherapie und weiteren Aspekten des Gesundheitswesens teilnehmen zu können, so Dr. med. Tobias Wiesner, Vizepräsident der DDG. Und auch ein modernes Gerät bedeute noch nicht gleichberechtigte Teilhabe, denn gerade älteren Menschen mit einer geringeren Schulbildung fehle die Kenntnis darüber, wie man die Geräte bedient und Apps richtig nutzt.
Als entscheidend sehen die Experten und Expertinnen, dass alle Daten in der elektronischen Patientenakte (ePA) gespeichert sind und Ärzten verschiedener Fachrichtungen darüber ein Informationsaustausch gelingt, der in einer möglichst individualisierten Therapie mündet. Die Menschen, die sich der App nicht bedienen könnten, müssten automatisch erfasst werden, damit auch ihnen die Therapien zuteil werden könnten, die Menschen höheren Bildungsgrads wie selbstverständlich erhalten, weil sie wissen, wie man die digitalen Tools nutzt.
Die Digitalisierung im Gesundheitswesen sieht Wiesner als große Chance, weil die Daten zu einer personalisierten Versorgung beitrügen, Forschende unterstützten und Evidenz für die Argumentation im Gesundheitswesen lieferten.