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Nicht nur Rauchen und Bluthochdruck
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Diese Umweltfaktoren belasten das Herz

Ein weiteres Jahr mit Hitzewellen und verheerenden Waldbränden in Europa hat gezeigt: Nicht nur die Lebensgewohnheiten der Menschen hierzulande gehören in den Fokus der Herzmedizin – auch die Umweltrisiken müssen endlich ernst genommen werden. Darauf weisen Experten der Deutschen Herzstiftung in einer Pressemeldung hin.
AutorKontaktKatja Egermeier
Datum 07.10.2026  15:00 Uhr

»Denn Umwelteinflüsse wie Feinstaub, Lärm, Hitze und Umweltgifte können das Risiko, eine Herz-Kreislauf-Erkrankung zu erleiden, deutlich erhöhen oder eine bestehende Erkrankung zusätzlich befeuern«, erklärt der Kardiologe Professor Dr. Thomas Meinertz. Die Herzmedizin verlasse damit zunehmend den engen Raum der Klinik und richte den Blick auch auf die Umweltbedingungen, unter denen Menschen krank werden, ergänzt Professor Dr. Thomas Münzel, ebenfalls Kardiologe und Umweltmediziner vom Wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung. Die Experten sprechen deshalb von einem echten »Paradigmenwechsel«.

»Heimliche Akteure« endlich ernst nehmen

Die klassischen persönlichen Risikofaktoren – Rauchen, Bluthochdruck, Diabetes mellitus, Übergewicht und erhöhte Cholesterinwerte – blieben bei der Diagnose und Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen zentral. Herzgesundheit beginne jedoch nicht erst beim EKG und ende nicht mit der Verordnung einer Tablette.

»Herzgesundheit beginnt mit der Luft, die wir atmen, der Nacht, in der wir schlafen, der Straße, an der wir wohnen, der Hitze, der wir ausgesetzt sind, und den Schadstoffen, die wir kaum wahrnehmen.«
Professor Dr. Thomas Münzel, Seniorprofessor für Kardiologie, Umwelt- und Präventionsmedizin an der Universitätsmedizin Mainz

Für den Experten ist es höchste Zeit, diese von ihm als »heimliche Akteure der Herzmedizin« bezeichneten Faktoren endlich ernst zu nehmen. Wie wichtig es ist, neben den individuellen Risikofaktoren auch die Umwelt stärker in den Fokus zu rücken, zeigte bereits Anfang 2026 ein gemeinsamer »Call to Action« führender kardiologischer Fachgesellschaften weltweit, der zeitgleich in drei renommierten Fachjournalen veröffentlicht wurde (»European Heart Journal«, »Journal of the American College of Cardiology (JACC)«, »Circulation«).

Lärm und Luftverschmutzung besonders gefährlich

Am dringendsten sei der Handlungsbedarf bei Lärm und Luftverschmutzung. Sie seien unter den Umweltfaktoren die stärksten Treiber für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, erklärt Professor Dr. Thomas Lüscher vom Imperial College London.

»Das betrifft uns ungefähr so, als würden wir alle rauchen.«
Professor Dr. Thomas Lüscher, Imperial College London, Past President der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC)

Aktuelle Berechnungen anhand von Daten der weltweiten »Global Burden of Disease«-Studie haben gezeigt: Tabakrauchen verkürzt die mittlere Lebenserwartung um rund 2,2 Jahre, Luftverschmutzung sogar um etwa 2,9 Jahre weltweit. »Schmutzige Luft fordert jedes Jahr mehr Menschenleben als Verkehrsunfälle, Aids, Tuberkulose und Malaria zusammen«, sagt auch Professor Münzel.

Der zweite wichtige Risikofaktor – Lärm – schädigt das Herz über das Gehirn. Dauerhafter Verkehrslärm setzt laut Herzstiftung unter anderem vermehrt Stresshormone frei und kann Schlafstörungen, erhöhten Blutdruck, oxidativen Stress und Entzündungsprozesse auslösen. Hauptquelle des Lärms ist dabei der Straßenverkehr.

Dieser geht zudem häufig mit beiden Risikofaktoren einher: Lärm und Luftverschmutzung. Tückisch ist laut Herzstiftung, dass sich die beiden Belastungen in ihrer schädlichen Wirkung gegenseitig verstärken können. Die Kombination beider Faktoren fördert Entzündungen in den Gefäßen und damit die Atherosklerose. Menschen, die sowohl Lärm als auch Luftverschmutzung ausgesetzt sind, haben dadurch ein fast dreifach höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Ereignisse als Menschen mit geringerer Belastung.

Wie Umweltfaktoren dem Herzen zusetzen

Wie genau die verschiedenen Umweltfaktoren dem Herz-Kreislauf-System zusetzen, erklärt Professor Münzel anhand des Endothels. Es bildet die innerste Zellschicht der Blutgefäße und reguliert unter anderem den Blutdruck, Entzündungsprozesse, die Blutgerinnung und die Gefäßweite – und damit auch die Durchblutung der Organe. »Wenn das Endothel gestört ist, beginnt häufig der Weg in Richtung Atherosklerose, Herzinfarkt und Schlaganfall.«

Dass erhöhtes Cholesterin, Rauchen, Bluthochdruck und Diabetes das Endothel beeinträchtigen, sei hinreichend bekannt. Doch laut Münzel dürfe nicht nur auf das individuelle Verhalten geschaut werden: »Herz-Kreislauf-Erkrankungen entstehen nicht nur durch den Lebensstil, sondern auch durch die Lebensbedingungen – wo jemand wohnt, welche Luft er atmet, wie laut es nachts ist, ob es im Sommer unerträglich heiß wird, ob es Grünflächen gibt, ob der Straßenverkehr dominiert, ob er sozial benachteiligt wird.«

Ein entscheidender Punkt dabei: Diese Umweltbelastungen suche sich niemand aus, so Münzel. »Niemand entscheidet sich bewusst dafür: Heute atme ich Feinstaub ein, heute schlafe ich schlecht wegen Fluglärm, heute nehme ich Mikroplastik oder Schadstoffe auf.« Das seien aufgezwungene Risikofaktoren.

Lärm und Luftverschmutzung: Wie schützen?

Die Experten empfehlen, in der Beratung gezielt nach Wohnort, Schlafqualität sowie Lärm- und anderen Umweltbelastungen zu fragen. Zudem sollten folgende Maßnahmen empfohlen werden:

  • an Tagen mit hoher Schadstoffbelastung körperliche Anstrengung im Freien reduzieren,
  • Holz- und Pelletöfen als relevante innerhäusliche Feinstaubquelle möglichst sparsam nutzen,
  • mit geschlossenen (Schallschutz-)Fenstern schlafen oder Ohrstöpsel verwenden.

Der entscheidende Hebel liege jedoch auf politischer Ebene. Münzel: »Herzgesundheit ist nicht nur eine Frage von Medikamenten, Lebensstil und erblicher Veranlagung. Sie ist auch eine Frage politischer Entscheidungen, der Stadtplanung, der Energiepolitik, des Verkehrs, der Industrie und der sozialen Gerechtigkeit.«

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