| Isabel Weinert |
| 10.02.2026 10:00 Uhr |
Nach wie vor sind es vor allem Frauen, die Teilzeit arbeiten, weil sie immer noch die meiste Familienarbeit leisten. / © Adobe Stock/Racle Fotodesign
PTA-Forum: Was spricht für und was gegen eine eingeschränkte Möglichkeit, Teilzeit zu arbeiten?
Wilkens: Arbeitgebern ist angesichts von Fachkräftemangel daran gelegen, dass mehr Arbeitszeit-Kapazität insgesamt zur Verfügung gestellt wird. Wenn man aber denkt, das gelingt, indem man Teilzeit-Kapazitäten reduziert, dann steht diese Annahme im Widerspruch zur Empirie und ist zu kurz gedacht.
PTA-Forum: Warum ist das womöglich zu kurz gedacht?
Wilkens: Wenn wir uns anschauen, wie die Situation war, als das Recht auf Teilzeit eingeführt wurde, sieht man, dass mehr Arbeitskräfte in den Arbeitsmarkt kamen, weil durch die Teilzeitmöglichkeit die Aufnahme von Arbeit überhaupt erst attraktiv wurde. Das heißt, das verfügbare Arbeitsvolumen wurde dadurch erweitert und nicht etwa verkürzt. Viele Arbeitskräfte, und darunter häufig Frauen, weil sie nach wie vor stärker mit Familienarbeit befasst sind, wurden zusätzlich tätig. Sagt man jetzt, man muss die Möglichkeiten auf Teilzeit einschränken, kann das dazu führen, dass einige Arbeitskräfte gar nicht mehr zur Verfügung stehen, weil sie sagen, unter den Bedingungen möchte ich das nicht leisten. Die Arbeitgeberseite erreicht auf diese Weise also nicht, was sie sich erhofft.
PTA-Forum: Was wäre sinnvoller?
Wilkens: Man muss letztlich Arbeitszeit an den Vorstellungen und Bedürfnissen der Beschäftigten orientieren und es attraktiv machen. Nur dann bekommt man viele Beschäftigte. Deshalb muss man eben immer eine Schleife weiterdenken, was sind die Konsequenzen, wenn man Teilzeit einschränken würde. Es ist sogar so, dass Unternehmen, die neue Arbeitszeitmodelle entwickelt haben, etwa in manchen Bereichen eine 4-Tagewoche auf Vollzeitbasis, besser Fachkräfte gewinnen konnten, weil sie attraktivere Arbeitsbedingungen geschaffen haben.
PTA-Forum: Wo setzt man aus Ihrer Sicht am wirksamsten an, damit mehr Menschen Vollzeit arbeiten?
Wilkens: Wenn man wirklich mehr Arbeitsvolumen aktivieren möchte, dann muss man an das Thema Ehegattensplitting heran und es sukzessive zurückfahren. Dann geht man von einer Ehegattenbesteuerung, wo derjenige, der das geringere Einkommen hat, häufig nur noch sehr wenig das Gefühl hat, es ändert deutlich etwas am Einkommen, wenn man mehr arbeitet, hin zu einer Individualbesteuerung, wie es in Großbritannien und Schweden schon lange der Fall ist.
Dabei wird jedes einzelne Einkommen betrachtet und besteuert. Damit kann man die volle Erwerbstätigkeit – in der Regel ist es die der Frauen, die hinzukommt – sehr viel wirksamer fördern. Das ist eigentlich das Mittel der Wahl, denn dann wird es viel attraktiver, auch längere Arbeitszeit zu leisten, auch für die Person, die zum Familieneinkommen das niedrigere Einkommen beisteuert.
Das verändert die Frauenerwerbstätigkeit deutlich und insbesondere auch die Vollerwerbstätigkeit. Wenn man das Beispiel von Schweden mit hinzunimmt, stimmen natürlich auch die anderen Rahmenbedingungen, nämlich die Form der Kinderbetreuung und so weiter, sodass die erforderlichen Systemkomponenten auch ineinandergreifen und das Ganze funktioniert.
PTA-Forum: Was spricht gegen die Individualbesteuerung?
Wilkens: Aus meiner Sicht nichts. Es wird ja schon sehr lange vorgeschlagen, aber von einigen Parteien abgelehnt. Wenn ich es einordnen soll, sichert das Ehegattensplitting relativ klar ein traditionelles Familienmodell ab, wo der Mann der Allein- oder Hauptverdiener der Familie ist, die Frau, wenn, dann nur gering zum gemeinsamen Einkommen beiträgt. Dadurch, dass sich der Steuersatz daran bemisst, dass der Einkommensdurchschnitt von beiden genommen wird, wird letztlich das Einkommen des Mannes aufgewertet. Er wird ja geringer besteuert, als es bei der Individualbesteuerung wäre.
Das fühlt sich erstmal aus der Logik des Hauptverdieners vorteilhaft an, nicht aus der der zuverdienenden Person, in der Regel der Frau. Für Personen mit dem höheren Anteil am Familieneinkommen wäre ein sukzessiver Abbau des Ehegattensplittings ein Verlust von Privilegien. Diejenigen, die die Entscheidungsträger sind und die jetzt die Vorschläge einbringen, wie man an das Teilzeitthema herangehen sollte, sind häufig diejenigen, die vom Ehegattensplitting persönlich besonders stark profitieren.
Eine positive Wirkung auf die Ausweitung des Arbeitsvolumens wäre beim Abbau des Ehegattensplittings aber sehr viel wahrscheinlicher als bei der Einschränkung von Teilzeitmöglichkeiten. Sie wäre auch ein Weg zu mehr Gleichberechtigung der Frau im Erwerbsleben und auf diese Weise auch förderlich für Ehe und Familie in der heutigen Gesellschaft.
PTA-Forum: Auf was sollten Menschen achten, wenn sie in Erwägung ziehen, Teilzeit zu arbeiten, wenn sie bislang Vollzeit gearbeitet haben?
Wilkens: Man muss immer sehen, dass es weniger Einzahlungen in die eigene Zukunft sind bezogen auf die Rentenanwartschaft. Man muss sich also schon fragen, welche Ansprüche man individuell erwirbt und idealerweise nicht nur vom Hier und Jetzt ausgehen, sondern von dem, was es zukünftig bewirkt. Auf jeden Fall sollte man darauf achten, dass man von Karrieremöglichkeiten und interessanten Projekten nicht ausgenommen ist und auch vereinbaren, wie es um Weiterbildungen bestellt ist. Es ist auch bedeutsam, Bereitschaft zu zeigen, in bestimmten Feldern etwas besonders in das betriebliche Geschehen mit hineinzubringen, das geht ja auch wenn man auf reduzierter Stundenbasis tätig ist.
PTA-Forum: Welche Nachteile kennt man bislang für in Teilzeit arbeitende Menschen, meist Frauen?
Wilkens: Wir stellen fest, dass viele Frauen in Teilzeit gegangen sind, dann aber von den eigentlich betrieblichen Entwicklungsmöglichkeiten etwas stärker abgeschnitten waren. Man ist dann eher die, die ergänzend mitarbeitet und auch nur in der Kernzeit zeitlich begrenzt da ist, aber an vielem, was sonst passiert und sich an Entwicklungsperspektive offenbart, hat man eben keine gleichberechtigte Teilhabe. Man hat geringere Rentenanwartschaft und wenn eine Ehe scheitert, ist man diejenige, die mit einem vergleichsweise geringen eigenen Einkommen und geringen Rentenansprüchen dasteht. Vor dem Hintergrund würde ich raten, dass man etwas zukunftsgerichteter denkt und auf sich als Individualperson schaut.
PTA-Forum: Wie positioniert man sich als Teilzeitarbeitende gewinnbringend für alle Seiten?
Wilkens: Man macht am besten sehr deutlich, zu welchen Zeiten man wirklich voll dabei ist und voll leistet und zu welchen Zeiten es nicht möglich ist, weil man andere Verpflichtungen hat oder anderen Dingen nachgehen möchte.
PTA-Forum: Leisten Teilzeitkräfte in ihrer kurzen Zeit mitunter mehr als jemand, der mehr Zeit zur Verfügung hat?
Wilkens: Es gibt sogar empirische Belege dafür, dass wenn wir etwas verkürzt arbeiten, wir häufig in der Zeit, in der wir arbeiten, sehr produktiv sind - eine Produktivität, die bei längeren Arbeitszeiten nicht auf vergleichbarem Niveau gehalten werden kann. Sie wissen zum Beispiel, dass Sie immer nach sechs Stunden wegmüssen, und in dieser Zeit arbeiten Sie sehr konzentriert. Diese hohe Produktivität hält man über acht oder zehn Stunden in der gleichen Konzentration nicht durch. Da macht man auch Tätigkeiten, die etwas relaxter sind oder man quatscht eben doch mal etwas länger. Das ist für eine Arbeitskultur und den informellen Austausch am Arbeitsplatz auch durchaus von Vorteil, aber an sich ist man in der etwas verkürzten Arbeitszeit auch hochproduktiv.
PTA-Forum: Was wäre Ihre Utopie einer guten Arbeitswelt mit hoher Produktivität?
Wilkens: In meiner idealen Welt wird mindestens sechs Tage die Woche gearbeitet und man ermöglicht den Betrieben längere Öffnungs-, Produktions- und Servicezeiten. Die Arbeitszeitgestaltung nimmt zugleich auf, wo die unterschiedlichen Belange und Interessen der Beschäftigten sind. Im Zusammenhang mit Familienarbeit gibt es dann gute Teilungsmodelle in der Partnerschaft. Damit wird zwar auch nicht unbedingt möglich, dass beide 40 Stunden arbeiten, aber gemeinsam und verteilt über die sechs Tage Woche könnten beide zusammen durchaus 70 Stunden leisten. Dabei werden Familienaufgaben und Arbeitszeiten verteilt. Das heißt jetzt nicht, dass man riesige gemeinsame Freizeitblöcke hat mit der Vorstellung, es wird nur noch Montag bis Donnerstag gearbeitet – das wird nicht funktionieren und würde der Volkswirtschaft schaden und damit zu einem Wohlstandsverlust führen.
PTA-Forum: Welche Vorteile hat Samstagsarbeit?
Wilkens: In dieser Zeit ist die Kinderbetreuung für den arbeitenden Elternteil meist gesichert, weil der andere Partner frei hat. Das schafft zusätzliche Möglichkeiten für die berufliche und familiäre Ausgestaltung und Zukunft für beide. Deshalb ist meine ideale Arbeitswelt vergleichsweise flexibilisiert, nimmt aber individuelle Belange in den Blick und schafft idealerweise sehr gleichberechtigte Konstellationen, was Familienarbeit und Arbeitsbedingungen zwischen den Paaren angeht.
PTA-Forum: Vielen Dank für das Gespräch.