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Mythos »Blaumachen«
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Faulheit nicht Grund der vielen Fehltage 

Viele Fehltage im Job sind kein Zeichen von Faulheit, sondern die Folge einer wachsenden Belastung in der Arbeitswelt. Wer bei sozialen Errungenschaften kürzen will, bekämpft Symptome – aber nicht die eigentlichen Ursachen.
AutorKontaktMichael van den Heuvel für Adexa
Datum 12.02.2026  10:00 Uhr

In Deutschland kommen Beschäftigte auf mehr Fehltage als in anderen EU-Nationen. Wirtschaftsvertreter und Politik deuten das teils als Beleg für eine sinkende Arbeitsmoral. Aus gewerkschaftlicher Sicht greift ihre Argumentation zu kurz – und lenkt von den eigentlichen Ursachen ab. Weder haben sich die Regeln zur Lohnfortzahlung geändert noch finden sich belastbare Hinweise auf massenhaften Missbrauch.

Schwankungen bei Fehlzeiten gab es schon immer. Was heute als »Rekordkrankenstand« diskutiert wird, ist zu einem erheblichen Teil einer besseren statistischen Erfassung geschuldet, etwa durch die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung.

Es gibt aber auch Indikatoren, die zeigen, dass Beschäftigte real stärker gesundheitlich belastet sind. Psychische Erkrankungen nehmen seit Jahren zu und führen oft zu langen Ausfallzeiten. Gleichzeitig sorgen Personalmangel, Arbeitsverdichtung und ständige Erreichbarkeit für mehr Stress, auch in Apotheken. Hinzu kamen nach der Pandemie außergewöhnlich starke Wellen von Atemwegsinfekten, die zeitweise ganze Teams lahmgelegt haben.

Diese Entwicklungen betreffen nahezu alle Altersgruppen und Branchen – ein Hinweis darauf, dass es sich nicht um individuelles Fehlverhalten, sondern um strukturelle Probleme der Arbeitswelt handelt. Auch steigende Arztbesuche sprechen gegen die These, die meisten Krankmeldungen seien nur »bequeme Auszeiten«.

Präsentismus – verschwiegenes Risiko

In der öffentlichen Debatte wird jedoch ein anderes Phänomen kaum beachtet: Präsentismus. Schon vor Corona gingen viele Beschäftigte krank zur Arbeit, teils aus Pflichtgefühl, teils aus Angst vor Nachteilen.

Das erhöht Unfallrisiken, verschleppt Krankheiten und sorgt dafür, dass sich Infekte schneller verbreiten, gerade bei gefährdeten Menschen, die in Apotheken Hilfe suchen. Eine Kürzung der Lohnfortzahlung oder unbezahlte Karenztage – wie aktuell gefordert – würden genau diesen gefährlichen Trend verstärken. Kurzfristig mag das die Fehlzeiten statistisch drücken, langfristig steigen aber Krankheitszeiten, Folgeschäden und Belastungen für die Belegschaften.

Wer Krankenstände nachhaltig senken will, muss bei den Ursachen ansetzen. Wichtig wären ausreichend Personal, verlässliche Arbeitszeiten, echte Pausen zur Erholung, ergonomische Arbeitsplätze und wirksame Gefährdungsbeurteilungen. Investitionen in bessere Arbeitsplätze schützen Beschäftigte und stabilisieren die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit. Hohe Fehlzeiten sind deshalb kein Beweis für mangelnde Disziplin, sondern ein Alarmsignal dafür, dass die aktuellen Arbeitsbedingungen krank machen.

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