Nach Sonnenuntergang begehen Muslime während des Ramadans das Fastenbrechen »Iftar«. Dieses lässt sich mit viel gedünstetem Gemüse, Geflügel, Fisch und Vollkorngetreide gesund gestalten. / © Getty Images/Maria Fedotova
Die 40 Tage von Aschermittwoch bis Ostern, Sonntage ausgenommen, entsprechen der Zeit, die Jesus fastend in der Wüste verbrachte. Auch heutzutage sollten Katholiken vor allem an den Fast- und Abstinenztagen Aschermittwoch und Karfreitag kein Fleisch essen und sich auf eine Hauptmahlzeit beschränken.
Doch neben dem klassischen Verzicht auf Fleisch, Süßigkeiten, Alkohol oder Nikotin, gehen Gläubige in der Zeit vor Ostern inzwischen eher alternative Wege: Beide Konfessionen stellen beim jährlichen »Klimafasten« den achtsamen Umgang mit Gottes Schöpfung in den Mittelpunkt. Mit ihrer langjährigen Aktion »7 Wochen ohne« lädt die evangelische Kirche unter wechselnden Leitgedanken die Menschen ein, ihren Lebensstil zu überdenken.
Im Islam ist Fasten auch heutzutage hoch aktuell und beruht auf der Überzeugung, dass es die Seele reinigt sowie die Verbindung zu Gott vertieft. Ab der Pubertät ist es für gesunde, gläubige Musliminnen und Muslime eine der fünf verpflichtenden Säulen ihrer Religion, während des Ramadans ab der Morgendämmerung auf Essen, Trinken, Rauchen und Sex zu verzichten. Ein typischer Fastentag beginnt mit der Mahlzeit vor Sonnenaufgang, die arabisch »Sahūr« oder persisch »Sehri« genannt wird. Nach Sonnenuntergang folgt das Fastenbrechen »Iftar«, das traditionell mit dem Essen einer Dattel begonnen wird.
Der Ramadan findet im neunten Monat des 355-tägigen islamischen Mondkalenders statt und beginnt im hierzulande gültigen gregorianischen Kalender daher jedes Jahr 10 bis 11 Tage früher als im Vorjahr. Daraus ergibt sich, dass die Anzahl der Stunden, in denen gefastet wird, je nach Jahreszeit und Aufenthaltsort stark variiert: in Deutschland von 9 Stunden im Januar bis zu 19 Stunden im Juli.
Hierzulande begehen über fünf Millionen Muslime den Fastenmonat, der in diesem Jahr am 18. Februar begonnen hat – also genau am gleichen Tag wie die christliche Fastenzeit, am Aschermittwoch. Nach Abschluss findet ab 20. März das Fest des Fastenbrechens statt, auch als Ramadan- oder Zucker-Fest bezeichnet. Dann beten und essen die Gläubigen drei Tage gemeinsam.
Durch Umstellung des Mahlzeitenrhythmus und nächtliches Essen verändern sich Tagesablauf, Schlafverhalten und körperliche Aktivität. nur Man sollte meinen, dass die veränderte Rhythmik sich nicht unerheblich auf Stoffwechsel und Lebensqualität auswirkt. Doch zahlreiche Analysen und Übersichtsarbeiten aus verschiedenen Ländern zeigen, dass die Beeinflussung alles in allem gesehen nur marginal ist.
Das gilt besonders für gesunde Personen. Unter dem Strich war kein Einfluss des Fastens im Ramadan auf die Funktion von Herz, Lunge, Nieren, Augen, Blutbild, Immunsystem, endokrine und neuropsychiatrische Funktionen feststellbar. Auch was Erschöpfung, Stimmung oder Tagesmüdigkeit angeht, bestanden bei jungen Männern, die am Ramadan teilnahmen, keine Unterschiede zu nicht fastenden. Andere Studien dokumentieren durchaus nachlassende Konzentration und Müdigkeit durch den Verzicht auf Flüssigkeit, bei starkem Flüssigkeitsmangel auch Schwindel und Desorientierung.
Wie sind die Auswirkungen auf das Gewicht? Beobachtete Einflüsse auf das Körpergewicht waren multifaktoriell, freilich spielten Faktoren wie Ernährungsverhalten, körperliche Aktivität, genetische Faktoren und Länge der Fasttage eine Rolle. Personen, die mit Normalgewicht in den Ramadan starteten, zeigten entweder keine Gewichtsreduktion oder bei reduzierter Energiezufuhr einen moderaten Gewichtsverlust, Übergewichtige konnten Körperfett verlieren.
War beim Fastenbrechen der Verzehr von süßen oder fetten Speisen erhöht, kam es zu kurzfristigem Anstieg des Body Mass Index BMI. Dieser kehrte jedoch schon kurz nach Ende des Ramadans wieder auf das Ursprungsniveau zurück, zeigen Untersuchungen. Interessant: Bei langem Tageslichtfasten in den Sommermonaten verliert der Skelettmuskel leicht an Masse, da diese bei Entleerung der Glykogenspeicher zur Energiegewinnung in der Glukoneogenese herangezogen wird. Ernährungsexperten empfehlen deshalb für sportliche Tätigkeiten folgendes Vorgehen:
Obwohl der Islam unter anderem Schwangere, Stillende und kranke Menschen – mit der Maßgabe, das Fasten, sobald es ihnen möglich ist, nachzuholen – vom Ramadan befreit, möchten viele dennoch den Fastenmonat gemeinsam mit Familie und Freunden begehen. Es ist deshalb am medizinischen Fachpersonal und Ernährungsfachkräften, nach Abwägung individueller Risiken praktikable Lösungen anzubieten.
Laut Angaben des bundesweiten Netzwerks Gesund ins Leben zeigen Studien, dass Ramadan-Fasten während der Schwangerschaft ein höheres Risiko berge, als Kind kognitive Leistungseinbußen zu haben oder im Erwachsenenalter eher einen Typ 2 Diabetes oder koronare Herzkrankheit zu bekommen.
Das Wissen von in Deutschland lebenden Muslima über Ramadan-Fasten während der Schwangerschaft und Ratschläge von medizinischem Fachpersonal sind ausbaufähig, hat eine Umfrage unter muslimischen Schwangeren oder frisch Entbundenen in Mainzer Krankenhäusern ergeben. Das hat eine Forschergruppe der Universität Mainz dokumentiert.
Danach hatten nur wenige über ihr Verhalten im Ramadan mit ihren Gynäkologinnen und Hebammen gesprochen. Diese hätten zwar mehrheitlich vom Fasten in der Schwangerschaft abgeraten, doch nur rund einem Viertel der Frauen wären auch die negativen Auswirkungen erläutert worden.
Auch stillende Frauen gelten als vulnerable Gruppe, da das Fasten Veränderungen im Wasserhaushalt und der Zusammensetzung der Muttermilch bewirken kann. Auf der Website des Europäischen Instituts für Stillen und Laktation gibt Kinderärztin Professorin Dr. Gihan Fouad stillenden Mitgläubigen für das Ramadan-Fasten folgende Tipps:
Zudem wird stillenden Müttern nahegelegt, während der Zeit des Fastens ihr Kind gut zu beobachten und sicherzustellen, dass die Milchmenge nicht zurückgeht. Die Mutter selbst solle sich wohl fühlen sowie auf starken Durst und dunkel gefärbten Urin als Zeichen einer Dehydrierung achten.
Obwohl jüngere Schulkinder bis zur Pubertät im Ramadan ebenfalls nicht fasten müssen, möchten sie es oft ihren Eltern gleichtun. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte (BVKJ) rät davon jedoch ab: Aus medizinischer Sicht sei das Fasten für Kinder und Jugendliche ungesund und schädlich: Vor allem unzureichendes Trinken könne zu mangelnder Konzentrationsfähigkeit führen und auch das Schlafverhalten verändern. Auch die Krankenkasse AOK informiert darüber, dass Kleinkinder besser nicht fasten sollen. Bei ihnen könne ein Flüssigkeitsmangel schnell gefährlich werden.
Der Kinderschutzbund (DKSB) wirbt für eine gute Kommunikation und gegenseitiges Verständnis. Muslimische Familien sollten in ihrem Wunsch unterstützt werden, ihre Religion auszuüben. Eltern werden jedoch aufgerufen, die Risiken für die Gesundheit ihrer Kinder im Blick zu behalten und Lehrer oder Erzieher darüber zu informieren, sofern ihre Kinder fasten.
In der interdisziplinären Adipositas-Sprechstunde der Charité Berlin werden muslimische Jugendliche betreut, die während des Ramadans fasten.
Unter Berücksichtigung kultureller Besonderheiten sind dort folgende neun Tipps für eine ausgewogene Ernährung in der Fastenzeit formuliert worden, die auch mit Familie und Freunden umgesetzt werden können.
Chronisch Kranke möchten sich häufig nicht vom gemeinschaftlichen Fasten der Gläubigen ausschließen, zumal für sie kaum die Möglichkeit besteht, das Fasten nachzuholen. Die Apothekerkammer Niedersachsen empfiehlt Patienten mit fortgeschrittener Herz- und chronischer Niereninsuffizienz jedoch, nicht zu fasten; die gesundheitlichen Risiken seien zu hoch. Menschen mit starker Thromboseneigung sollten wegen des langen Verzichts auf Flüssigkeit ärztlichen Rat einholen.
Da das Fasten den Stoffwechsel verändert, kann das auch die Wirkung von Medikamenten beeinflussen. Eine Dosisanpassung kann erforderlich werden. Als Beispiel nennt die Kammer Diuretika, die ansonsten schnell zu einer Dehydration führen können.
Auch dass tagsüber perorale Arzneiformen untersagt sind, weil sie die Fastenregeln brechen, kann problematisch werden. Aufklärung durch den behandelnden Arzt oder in der Apotheke sind für Betroffene deshalb enorm wichtig. Oft kann die Pharmakotherapie mit alternativen Darreichungsformen beziehungsweise durch Verschieben des Einnahmezeitpunkts weitergeführt werden. Oder man weicht auf einen Arzneistoff aus, der seltener eingenommen werden muss. Die Anwendung von transdermalen Systemen, Inhalativa, Salben und Augentropfen ist erlaubt.
Die Mehrzahl der in Deutschland lebenden muslimischen Diabetikerinnen und Diabetiker entscheidet sich, den Ramadan gemeinsam mit ihren stoffwechselgesunden Mitgläubigen zu begehen. Die AG Diabetes und Migration der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) rät Menschen mit Typ-1-Diabetes wegen des fünffach erhöhten Risikos für schwere Unterzuckerungen aber vom Fasten ab. Zumindest sollte es unter engmaschiger ärztlicher Kontrolle und kontinuierlichem Glukosemonitoring erfolgen.
Typ-2-Diabetiker können laut DDG dann fasten, wenn ihr gesundheitliches Risiko niedrig ist und sie ihren Stoffwechsel genau im Blick haben. In folgenden Fällen rät die DDG, das Fasten sofort zu unterbrechen:
Welche Diabetes-Medikamente und Einnahmezeiten sich bestmöglich in den veränderten Essensrhythmus einfügen und wie engmaschig der Blutzucker zu kontrollieren ist, sollte ärztlich abgeklärt werden.
Der Ramadan Nutrition Plan der Diabetes and Ramadan International Alliance kann helfen, möglichst ohne Hypoglykämien tagsüber und Hyperglykämien abends durch die Fastenwochen zu kommen: