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Superfood im Check
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Insekten als neue Proteinquelle?

Was in Deutschland eher Ekel und Ablehnung hervorruft, gilt in anderen Teilen der Erde wie Asien oder Australien als »normal« und bisweilen sogar als Delikatesse: Insekten. Das Plus der hüpfenden, fliegenden oder kriechenden wechselwarmen Tiere: Sie liefern viel Protein und ihre Produktion ist im Vergleich zur Fleischproduktion weniger aufwendig und umweltschonender. Aber sind sie eine echte Alternative zu »herkömmlichen« Proteinquellen?
AutorKontaktKerstin Pohl
Datum 06.09.2022  16:00 Uhr
Der gelbe Mehlwurm ist in der EU als Lebensmittel zugelassen. / Foto: Adobe Stock/Robert Leßmann
Die Europäische Wanderheuschrecke in freier Natur. Sie darf in der EU in Lebensmitteln verarbeitet werden. / Foto: Adobe Stock/Petr
In anderen Ländern sind Insekten wie Heuschrecken ein üblicher Snack. / Foto: Adobe Stock/nicemyphoto
Auch in Deutschland sind Insekten als Lebensmittel erhältlich, zum Beispiel Insektenburger. / Foto: Adobe Stock/exclusive-design

Skorpione am Spieß, Nudeln und Brot aus Insektenmehl, Proteinriegel mit Insekten für Sportler oder Burger aus Mehlwürmern: Das Angebot an Speiseinsekten und der Erfindungsreichtum der Produzenten sind groß. Gut 2100 Insektenarten sind für den menschlichen Verzehr geeignet, darunter Käfer, Raupen, Bienen, Wespen, Ameisen, Heuschrecken, Grillen und Mehlwürmer.

In westlichen Ländern noch ein Nischenprodukt, stehen Insekten bei über zwei Milliarden Menschen weltweit auf dem regulären Speiseplan. Der als Entomophagie bezeichnete Verzehr von Insekten gehört in asiatischen Ländern, Afrika, Mittel- und Südamerika sowie Australien zum »Essalltag«. So verzehren beispielsweise die Aborigines, die Ureinwohner Australiens, Honigtopfameisen als Süßigkeit oder dicke, weiße Witchetty-Maden in gerösteter oder roher Form. In Asien sind die Eier der Weberameise, Sagowürmer und Schaben gängige Lebensmittel.

In Deutschland unterliegen Speiseinsekten der Novel-Food-Verordnung, die seit Januar 2018 regelt, dass neuartige Lebensmittel geprüft und zugelassen werden müssen, bevor sie auf den Markt kommen. Das gilt sowohl für ganze Insekten als auch für Insektenteile, die in Lebensmitteln verarbeitet werden.

Seit 2021 sind der gelbe Mehlwurm (Tenebrio molitor) und die Europäische Wanderheuschrecke (Locusta migratoria) für den menschlichen Verzehr zugelassen, seit Anfang 2022 außerdem die Hausgrille (Acheta domesticus). Für den Buffalowurm (Alphitobius diaperinus), die tropische Hausgrille, die Honigbienendrohnenbrut und die Larven der schwarzen Soldatenfliegen (Hermetia illucens) gilt zurzeit eine Übergangsregelung: Diese Insekten dürfen bis zu einer endgültigen Entscheidung weiterhin auf dem Markt angeboten werden.

Gesundheitlicher Mehrwert

Speiseinsekten sind reich an Protein. In Abhängigkeit von der Insektenart, dem Entwicklungsstadium und dem Futter können sie bezogen auf ihre Trockenmasse bis zu 70 Prozent Protein enthalten. Dabei ist die Qualität des Proteins, die sich aus der Zusammensetzung der Aminosäuren ergibt, weitestgehend positiv zu bewerten und entspricht den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für eine gesunde und ausgewogene Ernährung. Das Protein, das beispielsweise aus dem Mehlwurm gewonnen wird, soll vom menschlichen Organismus fast ebenso gut verwertet werden können wie das aus Pflanzen.

Darüber hinaus enthalten Insekten kaum Fett und sind teilweise cholesterinfrei. Die Zusammensetzung der Fette ist mit einem höheren Anteil an mehrfach ungesättigten Fettsäuren günstig. Auch mit Omega-3-Fettsäuren können sie aufwarten, manche Insekten zudem mit größeren Mengen der Mineralstoffe Eisen und Zink.

Mehlwürmer (Larven) Buffalowürmer Grillen Wanderheuschrecken
Brennwert 550 kcal 484 kcal 458 kcal 559 kcal
Fett 37,2 g 24,7 g 18,5 g 38,1 g
Kohlenhydrate 5,4 g 6,7 g 0 g 1,1 g
Eiweiß 45,1 g 56,2 g 69,1 g 48,2 g
Nährwerte von Speiseinsekten je 100 Gramm

Proteinbedarf ist gedeckt

In Deutschland herrscht an dem Nährstoff Protein kein Mangel, ganz im Gegenteil. Die tägliche mittlere Proteinzufuhr liegt in allen Altersklassen über der empfohlenen Proteinzufuhr. Für Erwachsene empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) beispielsweise eine tägliche Zufuhr von 0,8 Gramm je Kilogramm Körpergewicht. Warum also sollten Verbraucher zu Insekten greifen, deren Zucht und Haltung noch nicht geregelt ist, um ihren Proteinbedarf zu decken? Dazu stehen schließlich andere Lebensmittel zur Verfügung – sowohl tierische (Fleisch, Fisch, Milchprodukte) als auch pflanzliche (Soja- und Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte).

Nicht nur Fleisch, auch andere tierische und pflanzliche Lebensmittel liefern je nach Kombination hochwertiges Protein. Dabei kann die sogenannte Ergänzungswirkung zur Steigerung der biologischen Wertigkeit (BW) genutzt werden. Die BW gibt an, wie gut ein Nahrungsprotein in Körperprotein umgewandelt werden kann. So hat Ei in Kombination mit Kartoffeln eine BW von 136, Milch und Weizenmehl von 125 und eine vegane Kombination aus Bohnen und Mais liefert eine BW von 99.

Hinzu kommt der Kostenfaktor: Verbraucherzentralen haben berechnet, dass der Verzehr der Krabbeltiere eine ordentliche Lücke in die Geldbörse reißen kann. Die insektenhaltigen Produkte kosten zwischen 1,60 und 270 Euro pro 100 Gramm, das entspricht einem Durchschnittspreis von über 40 Euro pro 100 Gramm.

Außerdem ist die fehlende Akzeptanz von Speiseinsekten in westlichen Ländern nicht zu unterschätzen. Nur 40 Prozent der Verbraucher wären laut einer Umfrage des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) bereit, Insekten zu verkosten. Diese instinktive Abwehrreaktion hat einen Grund: Ekel und Ablehnung bestimmter Nahrungsmittel haben sich in der Evolution als Schutz vor giftigen und schädlichen Substanzen erwiesen.

Ein Pluspunkt: Im Vergleich zur herkömmlichen Fleischproduktion ist die Insektenzucht ressourcenfreundlicher. Der sogenannte Veredelungsverlust fällt deutlich geringer aus. So braucht man beispielsweise 10 Kilogramm Getreide um 1 Kilogramm Rindfleisch zu erzeugen und 5 Kilogramm Futter für 1 Kilogramm Schweinefleisch. Ein Problem, das bei der Zucht von Insekten nicht auftritt. So benötigen Insektenzüchter lediglich ungefähr 1,5 Kilogramm Futter, um 1 Kilogramm Grillen zu produzieren. Darüber hinaus ist der essbare Anteil bei Insekten mit 80 Prozent doppelt so hoch wie der bei Rindern mit lediglich 40 Prozent. Auch die Treibhausgas-Emissionen fallen deutlich geringer aus als bei herkömmlichen Mast- und Zuchtbetrieben für Rinder, Schweine und Geflügel. So können beispielsweise aus einer 700 Literbox bis zu 15 Kilogramm Grillen im Monat »geerntet werden«, das entspricht etwa 75.000 Tieren.

Auch wenn Insekten in Europa zukünftig keine alternative Proteinquelle für Fleisch und andere Produkte sein werden, ist eine Protein-Ergänzung mit ihnen denkbar. Der Fleischkonsum ist mit 55 Kilogramm pro Kopf und Jahr sehr hoch (Bundeministerium für Ernährung und Landwirtschaft, 2021). Täglich werden in Deutschland mehr als 2 Millionen Tiere geschlachtet. Hier wäre ein Umdenken in Richtung geringerer Fleischkonsum wünschenswert. Alternative Proteinquellen gibt es sowohl aus tierischen als auch pflanzlichen Lebensmitteln.

Verwendung in der Küche

In Deutschland sind verschiedene Insektenprodukte auf dem Markt – meist in verarbeiteter Form –, die sowohl in Discountern, Drogerie- und Supermärkten als auch in Online-Shops erhältlich sind. Dazu zählen Burger aus Insektenmehl (aus Würmern oder Grillen), Insektenriegel oder Proteinriegel aus gemahlenen Insekten (Grillen), die besonders für Sportler ausgelobt werden. Auch in Weizenmehl-Pasta sind mitunter Insekten zu finden. Sie werden den Nudeln in gemahlener Form zugemischt. In der Regel sind es Grillen oder Mehlwürmer, die hier zum Einsatz kommen. Bei der Brotherstellung kann ebenfalls Insektenmehl verwendet werden, zumeist mit der Beimischung von gemahlenen Grillen. Generell gilt für die Hersteller, dass sie die Verwendung von Insekten auf dem Produkt deutlich kennzeichnen müssen.

Auf der Körperoberfläche, den Mundwerkzeugen und auch im Darm von Insekten sind zahlreiche Mikroorganismen zu finden. Damit gehören Speiseinsekten zu den mikrobiologisch empfindlichen Lebensmitteln und sollten auf keinen Fall roh verzehrt werden. In jedem Fall ist Vorsicht geboten, wenn man zum »Selbstversorger« werden möchte. Generell sollten nur Insekten aus Zuchtbetrieben verzehrt werden, die entsprechend verarbeitet wurden, und keine selbstgefangenen Insekten, da es sich hier um Wildtiere handelt. Diese leben von Abfällen und können Parasiten, Bakterien und Viren enthalten und übertragen.

Ebenso wenig geeignet sind Insekten aus Zoofachgeschäften oder Geschäften für Angelbedarf. Solche Insekten sind ausschließlich als Tierfutter gedacht und nicht für den Menschen geeignet, da auch hier die – wenn auch geringe – Gefahr einer mikrobiologischen Verunreinigung und Zoonose besteht.

Es gibt bereits Insektenfarmen in den Niederlanden, Spanien und auch in Deutschland. Aber Vorsicht: Die Herkunft der Speiseinsekten muss nicht auf dem Produkt angegeben sein. Insekten aus deutscher Zucht stammen aus einer kontrollierten Aufzucht und dem Konsumenten wird damit eine gewisse Sicherheit geboten.

Haustiere dürfen mit Insekten gefüttert werden. Insekten sind in Hunde-, Katzen- und auch Reptilienfutter enthalten. Die Hersteller bewerben dieses Futter mit dem Hinweis, dass es besonders für Tiere geeignet ist, die mit Unverträglichkeiten und Allergien auf »normales« Futter reagieren. Für viele Verbraucher, die den Verzehr für den Menschen ablehnen, ist ein Einsatz als Futtermittel für Nutztiere denkbar.

Vorsicht Kreuzallergie

Bei einer bekannten Allergie gegen Schalen- und Krustentiere und Hausstaubmilben ist beim Verzehr von Insekten Vorsicht geboten. Ebenso bei einer Allergie gegen Weichtiere: Hier besteht die Gefahr einer Kreuzallergie. Der Organismus reagiert in diesen Fällen auf die Substanzen Chitin (Stützstruktur von Insekten) oder Tropomyosin (Muskelprotein). Allerdings ist die Gefahr einer allergischen Reaktion auf diese beiden Stoffe nur gering. Vorsicht ist auch angesagt, wenn die gezüchteten Insekten mit Soja oder Weizen gefüttert werden und der Konsument auf diese beiden Stoffe allergisch reagiert. Produkte, die Insekten enthalten, müssen einen Hinweis auf mögliche Kreuzreaktionen bei Allergien auf Krebs- und Weichtiere sowie Hausstaubmilben enthalten.

Viele Fragezeichen

Noch gibt es keine einheitlichen Regelungen für die Anforderungen an Insekten-Futtermittel. Deshalb kommt hier die Futtermittelhygiene-Verordnung zur Anwendung. In der Insektenzucht verboten ist die Verfütterung von Lebensmittelabfällen sowie der Einsatz von Antibiotika, Hormonen und Fungiziden.

Ungeklärt sind auch tierschutzrechtliche Aspekte bezüglich der artgerechten Haltung, der Platzanforderung sowie der Fütterung. Darüber hinaus gibt es noch keine verbindlichen Hygienevorgaben und Vorschriften, was die Zulassung und Identitätskennzeichnung von Betrieben angeht, die Speiseinsekten züchten und verarbeiten.

Zur Tötung von Insekten gibt es in Deutschland noch keine Vorgaben. Anders sieht es im Nachbarland Österreich aus: Zur Tötung der wechselwarmen Tiere stehen hier verschiedene Möglichkeiten zur Auswahl. Die Insekten werden entweder durch Einfrieren bei Temperaturen von mindestens minus 18 Grad Celsius oder durch kochendes Wasser oder Dampf bei mehr als 100 Grad Celsius abgetötet. Diese Variante wird angewendet bei Larven und Mehlwürmern.

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