Paracetamol gehört zu den Mitteln der Wahl bei behandlungsbedürftigen Schmerzen oder Fieber während der Schwangerschaft, sollte jedoch nicht leichtfertig oder über längere Zeiträume ohne Rücksprache mit dem Arzt verwendet werden. / © Getty Images/Revolu7ion93
Es gibt keine Evidenz dafür, dass Kinder, deren Mütter in der Schwangereschaft Paracetamol eingenommen haben, ein erhöhtes Risiko für Autismus-Spektrum-Störungen (ASS), Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) oder intellektuelle Beeinträchtigung haben. Das ist das Ergebnis einer neuen Datenauswertung, die im Fachjournal »The Lancet Obstetrics, Gynaecology, & Women’s Health« veröffentlicht wurde. Laut dem Autorenteam um Dr. Francesco D’Antonio von der Universität Chieti in Italien und Dr. Maria Elena Flacco von der Universität Ferrara in Italien handelt es sich bei der Arbeit um die »gründlichste Synthese der aktuellen Evidenz«, die bislang erschienen ist.
Die Publikation stellt eine Reaktion auf Äußerungen des amtierenden US-Präsidenten aus dem September 2025 dar, wonach eine Paracetamol-Anwendung in der Schwangerschaft Autismus verursache. Schon damals hatten Institutionen und Behörden, darunter die Europäische Arzneimittelagentur (EMA), umgehend darauf hingewiesen, dass dieser Zusammenhang nicht belegt ist. Die US-Regierung hatte als Beleg für ihre Behauptung eine Übersichtsarbeit angeführt, die eine Risikoerhöhung für neurologische Entwicklungsstörungen infolge einer Paracetamol-Anwendung nahelegte. Die Qualität der Daten, auf denen diese Arbeit basiert, sei jedoch uneinheitlich, konstatiert jetzt das Team um D’Antonio und Flacco.
Um diesen Fehler zu vermeiden, trafen die Forschenden eine rigorose Auswahl: Sie ließen nur Studien zu, in denen für die Erfassung der Outcomes validierte Fragebögen eingesetzt wurden, Komorbiditäten und Behandlungen der Mutter mit erfasst wurden sowie Schwangerschaften mit und ohne Paracetamol-Anwendung verglichen wurden. Für die systematische Übersichtsarbeit erfüllten 43 Studien diese Anforderungen, für die Metaanalyse 17.
Als am hochwertigsten stuften die Autoren die Evidenz aus Geschwisterstudien ein, in denen die Mutter also in einer Schwangerschaft Paracetamol angewendet hatte und in einer weiteren nicht. Die Auswertungen ausschließlich dieser Untersuchungen sowie auch die aller Studien, die die Kriterien für ein geringes Verzerrungsrisiko erfüllten, zeigten keine Risikoerhöhungen für ASS, ADHS oder intellektuelle Beeinträchtigung infolge einer Anwendung von Paracetamol. Dies änderte sich nicht, wenn Studien einbezogen wurden, deren Ergebnisse adjustiert waren und in denen die Nachbeobachtungszeit mehr als fünf Jahre betrug.
Dass in früheren Untersuchungen teilweise ein Zusammenhang zwischen neurologischen Entwicklungsstörungen und Paracetamol in der Schwangerschaft gesehen worden war, sei somit vermutlich auf andere Faktoren zurückzuführen gewesen, schlussfolgern die Autoren. Als Auslöser infrage kämen etwa Schmerzen, Fieber oder eine genetische Veranlagung der Mutter.
Auch die Autoren eines begleitenden Kommentars betonen, dass die »stärkste epidemiologische Evidenz« gegen eine Risikoerhöhung durch Paracetamol spreche. Die Studie bestätige, dass Paracetamol in der Schwangerschaft eine wichtige und evidenzbasierte Therapieoption bei Schmerzen und Fieber sei – insbesondere in Fällen, in denen ein unbehandelter fiebriger Infekt der Mutter ein Risiko für das ungeborene Kind darstelle.