Schätzungsweise ein Drittel der gebärfähigen Frauen haben Monat für Monat sowohl somatische als auch psychische Beschwerden. / © Adobe Stock/leszekglasner
Während Mönchspfeffer (Vitex agnus castus) im Mittelalter im Ruf stand, die »fleischliche Lust« zu vertreiben und somit Mönchen ein keusches Leben zu erleichtern, werden heute Trockenextrakte aus seinen Früchten gegen Beschwerden des Prämenstruellen Syndroms (PMS) wie Brustspannen, Kopfschmerzen, Schlafstörungen bis hin zu Stimmungsschwankungen und Ängstlichkeit eingesetzt.
Der Extrakt, der sich in Studien besonders effektiv zeigte, stammt ursprünglich aus der Schweiz. Dabei wurden Tagesdosierungen von 20 mg Trockenextrakt verwendet. Aufgrund der guten Studienlage haben die Autoren der HMPC-Monographien der europäischen Arzneimittelagentur EMA diesem Extrakt den Status well-established use verliehen. 4-mg-Präparate sind nach HMPC-Monographie dagegen nur als »traditional use« eingestuft.
Mit Kadezyklus® kommt nun im Januar in Deutschland ein zweites Mönchspfeffer-Präparat mit einer Extrakt-Tagesmenge von 20 mg auf den Markt. Damit ist es ebenso wie Agnucaston® 20 mg fünffach höher konzentriert als andere in Deutschland erhältliche Phytopharmaka und entspricht damit quasi genau der Well-established-use-Monografie. Agnolyt®, Femicur® oder Agnus sanol® enthalten zwar ähnliche Trockenextrakte (zum Beispiel mit einem DEV von 6-12:1, Ethanol 60 Prozent, oder DEV 7-11:1, Ethanol 70 Prozent), allerdings weiterhin eine niedrigere Extrakt-Tagesmenge von 4 mg. Wegen der schwächeren Studienlage rechnet sie die EMA dem traditional use zu.
Die tägliche Einnahme von 20 mg des Vitex-agnus-castus-Trockenextrakts über drei Monate führt zur signifikanten Besserung typischer PMS-Symptome wie Reizbarkeit, Stimmungsschwankungen, Kopfschmerzen und Brustspannen – und das bei sehr guter Verträglichkeit und günstiger Ansprechrate, hieß es bei der digitalen Einführungspressekonferenz von Kadezyklus. »In einer randomisierten, doppelverblindeten, placebokontrollierten klinischen Studie mit 170 PMS-Patientinnen berichteten 52 Prozent der Frauen unter Verum über eine mindestens 50-prozentige Symptomreduktion, gegenüber 24 Prozent unter Placebo«, berichtete Dr. Reinhild Georgieff, Gynäkologin und Leiterin der komplementärmedizinischen Spezialsprechstunde an der Universitätsklinik Leipzig.
Zudem habe eine Dosis-Wirkungs-Studie mit 160 Betroffenen bestätigt, dass 20 mg des Trockenextrakts zu einer klinisch relevanten Symptomlinderung führen, während niedrigere Dosierungen keinen Effekt zeigten und höhere wie 30 mg keinen Zusatznutzen brachten.
Es ist schon eine Crux: Für rund 30 Prozent der gebärfähigen Frauen gleicht der allmonatliche Zyklus einer Belastungsprobe. Dabei sind die genauen Ursachen des Syndroms noch nicht vollständig geklärt. Georgieff sprach von einem »multifaktoriellen Geschehen«, was sich auch in der Vielzahl der verschiedenen körperlichen und psychischen Symptome zeige. »Die Mehrheit der Hinweise deutet darauf hin, dass normale Hormonschwankungen im weiblichen Zyklus bei manchen Frauen stärkere Auswirkungen auf das Gehirn und das Nervensystem haben, besonders in der zweiten Zyklushälfte. Dafür spricht, dass bei einer Unterdrückung der Hormone etwa durch Ovulationshemmer die Symptome fast vollständig verschwinden.«
Viele Patientinnen fragten in ihrer Sprechstunde nach hormonfreien und gut verträglichen Behandlungsoptionen. Sie sieht in Mönchspfeffer ein gut etabliertes Phytopharmakon. »Nicht nur die klinische Wirksamkeit ist gut belegt, sondern auch molekulare Wirkmechanismen sind mittlerweile bekannt.« Untersuchungen zeigten, dass die hypophysäre Prolaktinausschüttung über einen dopaminergen Effekt gesenkt wird. Erhöhte Prolaktinspiegel sind mitverantwortlich für die zyklusabhängigen Beschwerden im Rahmen des PMS, da Prolaktin die Sekretion von GnRH (Gonadotropin-Releasing-Hormon) hemmt. Unter den Inhaltsstoffen sind es vermutlich Diterpene, die für die prolaktinsenkende Wirkung der Extrakte verantwortlich sind. Sie zeigen eine Affinität zum Dopaminrezeptor D2. »Deshalb ist bei Patientinnen mit Hyperprolaktinämie – nach entsprechender Abklärung eines Prolaktinoms – der Mönchspfeffer ebenfalls eine Option.«
Die Gynäkologin machte klar, dass es sich bei PMS-Beschwerden nicht nur um eine Befindlichkeitsstörung handelt. Dazu zitierte sie eine aktuelle Kohortenstudie mit 99.411 Patientinnen, deren Ergebnisse im Herbst in »Nature Cardiovascular Research« erschienen sind. Diese Untersuchung legte nahe, dass Frauen mit PMS im späteren Leben ein um 10 Prozent erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen haben. Besonders auffällig war das erhöhte Risiko für Herzrhythmusstörungen von 31 Prozent gegenüber der Allgemeinbevölkerung. Als besonders schwerwiegende Risikofaktoren identifizierten die Forschenden eine PMS-Diagnose vor dem 25. Lebensjahr sowie Frauen mit postpartalen Depressionen und PMS.