Volkskrankheit »Handynacken«: Durch das häufige Nach-unten-schauen auf Smartphone oder Tablet können Schmerzen im Nacken- und Schulterbereich sowie Haltungsstörungen entstehen. / © Adobe Stock/RFBSIP
Der eine hat nachts schlecht gelegen, die andere zu viel am Bildschirm gesessen. Die meisten haben sich oft und lange über ihr Smartphone gebeugt – in der Regel stecken Muskelverspannungen dahinter, wenn der Nacken schmerzt. Laut der Krankheitslaststudie BURDEN 2020 des Robert-Koch-Instituts hatten 45,7 Prozent von rund 5000 Befragten im zurückliegenden Jahr mindestens einmal Nackenschmerzen.
Meist seien solche Beschwerden harmlos und verschwänden nach einer Weile von selbst wieder, berichtet Professor Dr. Thomas Kötter vom Institut für Allgemeinmedizin der Universität Lübeck. Um derlei Schmerzen und Verspannungen entgegenzuwirken, sei es vor allem wichtig, Betroffene zu aktivieren. Er rät: »Bei unspezifischen Nackenschmerzen hilft Bewegung in aller Regel – bloß keine Schonhaltung!«
Dies gilt natürlich nur dann, wenn die Nackenschmerzen – wie in den meisten Fällen – keine gefährliche Ursache haben. Um die wenigen Fälle herauszufiltern, bei denen tiefgreifendere Ursachen dahinterstecken könnten, sollten PTA solche Kunden, die in der Apotheke »etwas gegen Nackenschmerzen« haben möchten, zunächst fragen, ob sie ein Kribbeln oder Taubheitsgefühl oder gar Lähmungserscheinungen im Arm spüren, was auf einen Bandscheibenvorfall hinweisen könnte. In diesem Fall sei ein Arztbesuch angezeigt, betont der Facharzt für Allgemeinmedizin mit der Zusatzbezeichnung Chirotherapie. Ebenso, wenn die Betroffenen eine Schwellung am Nacken hätten, denn die könnte auf eine Entzündung hindeuten. Wer wiederum kurz zuvor einen Unfall hatte oder auch mit Osteoporose oder einer Krebserkrankung zu tun hat, sollte die Nackenschmerzen ebenfalls medizinisch abklären lassen.
Für alle anderen aber gilt die Aussage der kürzlich aktualisierten S3-Leitlinie »Nicht-spezifische Nackenschmerzen«, an der Kötter federführend mitgewirkt hat. »Am wirksamsten ist Bewegung. Überschätzt werden hingegen die Effekte von Analgetika, passiven Therapien wie Massage, Akupunktur, physikalische Methoden, Taping sowie die Rolle von bildgebenden Verfahren.« Demzufolge betonen die Leitlinienautoren die Kernrolle der Kommunikation mit Betroffenen. Um Patienten dazu zu motivieren, Bewegung nicht zu meiden, sondern aktiv einzusetzen, braucht es laut Kötter ein gutes, wertschätzendes Gespräch.
»Viele Betroffene fürchten, dass Bewegung schaden könnte. Eine gute Kommunikation bedeutet, diese Ängste ernst zu nehmen. Es ist wichtig, über individuelle Krankheitsvorstellungen, Sorgen und Erwartungen offen zu sprechen und verschiedene Ansätze vorzustellen, um Bewegung zu ermöglichen.« Es gelte, den Betroffenen zu erläutern, dass ein Verspannungsschmerz im Nacken nicht davon herrührt, dass »etwas kaputt« ist, und dass Bewegung Verspannungen lösen kann, indem sie die Durchblutung fördert, den Stoffwechsel in den Muskeln ankurbelt und Abbauprodukte abtransportiert. An dieser Stelle sei es auch wichtig und angebracht, auf entsprechende Schmerzmittel hinzuweisen, die dabei helfen können, den Teufelskreis von (verkrampfter) Schonhaltung und Verspannung zu durchbrechen.
Akute Schmerzen lassen sich mit teils rezeptfreien Schmerzmitteln aus der Gruppe der nicht steroidalen Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen oder Diclofenac lindern, manchen Betroffenen hilft auch Paracetamol. Zur Wirkung dieser Medikamente bei Nackenschmerzen gibt es allerdings bislang kaum gute Studien – ob und wie gut sie jeweils helfen, lässt sich deshalb nach Informationen des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) nicht sicher sagen.
NSAR können Nebenwirkungen haben, insbesondere im Magen-Darm-Bereich; sie eignen sich zudem nicht für bestimmte Personengruppen, etwa Menschen mit Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwüren oder schweren Nierenfunktionsstörungen. Paracetamol ist gut verträglich, aber für Menschen mit eingeschränkter Leberfunktion ungeeignet, da es über die Leber abgebaut wird.
Diclofenac und Ibuprofen werden oft als Gele zum Auftragen auf die Haut eingesetzt. Ein Vorteil der örtlichen Anwendung der Mittel ist, dass seltener Nebenwirkungen auftreten als bei systemischer Gabe. Manchmal treten Hautirritationen wie Rötungen, trockene Haut oder Juckreiz auf.
In manchen Fällen verschreiben Ärzte auch Muskelrelaxanzien; diese können ebenfalls einige Nebenwirkungen haben, darunter zum Beispiel Benommenheit. Wichtige Hinweise für die Beratung: In diesen Fällen kann es nötig sein, auf das Autofahren zu verzichten und keine gefährlichen Maschinen zu bedienen, um Unfälle zu vermeiden.
Bei älteren Menschen erhöhen diese Mittel außerdem das Risiko für Stürze. Grundsätzlich sollten Schmerzmittel und Muskelrelaxanzien nicht dauerhaft, sondern nur zur kurzfristigen Behandlung eingesetzt werden. Die Deutsche Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (DEGAM) rät bei unspezifischen Nackenschmerzen prinzipiell von Schmerzmitteln und Muskelrelaxanzien ab.
Auch Wärmeanwendungen können dazu beitragen, eine schmerzverstärkende Schonhaltung zu vermeiden – etwa als wärmende Schals, Wärmekissen oder -packungen. Bringen sie keine Entspannung, kann auch eine Kühlpackung wohltun. Wichtig ist, dass die Packung weder zu heiß noch zu kalt ist. Ein Tuch um die Packung schützt die Haut vor Verletzungen.
Dehn- und Kräftigungsübungen können die Muskulatur entspannen, stärken und (weiteren) Beschwerden vorbeugen. Wer sie mit ärztlicher oder physiotherapeutischer Anleitung gelernt hat, kann sie auch selbst zu Hause durchführen und dem Nacken damit regelmäßig Gutes tun.
Am wirksamsten ist Bewegung, so die Botschaft der neuen Leitlinie. / © Getty Images/Luis Alvarez
Ein Beispiel für eine statische Übung ist, sich mit geradem Rücken an eine Wand zu stellen und den Hinterkopf für etwa 20 Sekunden so fest gegen die Wand zu drücken, wie es noch angenehm ist. Bei dynamischen Übungen werden die Muskeln aktiv bewegt – etwa beim langsamen »Pendeln« des Kopfes von Seite zu Seite mit dem Kinn an der Brust.
Therapeutische Massagen können kurzfristig die Muskulatur lockern und Schmerzen lindern. Insgesamt fehlen aber laut IQWiG gute Studien zur Wirksamkeit von Massagen bei Nackenschmerzen. Dasselbe gilt für Physikalische Therapie, also für Behandlungen, bei denen physikalische Reize wie Wärme, Kälte, Strom und Licht eingesetzt werden. Auch zur Akupunktur gibt es keine umfassenden Studien, die belegen, dass die Behandlung aus der traditionellen chinesischen Medizin Nackenschmerzen lindern kann. Das Risiko von Nebenwirkungen ist hierbei allerdings gering.
Was heute bei Nackenschmerzen so gut wie gar nicht mehr zum Einsatz kommt, ist die früher vor allem nach einem Schleudertrauma häufig verordnete Halskrause – denn sie schwächt die Nackenmuskeln und kann Probleme sogar noch verstärken. Nur bei sehr starken Schmerzen werden Halskrausen manchmal noch für kurze Zeit eingesetzt, um den Nacken zu entlasten oder den Schlaf zu erleichtern. Auch dann sollte die Halskrause aber nur wenige Stunden am Tag und nicht länger als ein bis zwei Wochen getragen werden.
Auf die Dauer können auch ergonomische Veränderungen am Arbeitsplatz helfen, beispielsweise eine bessere Anpassung der Sitzhöhe an den Schreibtisch, die Position der Stuhllehne, die Entfernung vom Stuhl zur Tastatur oder die Höhe des Bildschirms. Allerdings gehen Fachleute für Arbeitsgesundheit davon aus, dass es vor allem darauf ankommt, die eigene Sitzposition möglichst häufig zu wechseln und zwischendurch immer mal wieder aufzustehen. Bewegung fördert die Durchblutung von Muskeln, Bandscheiben und anderem Gewebe und kann auch einer Ermüdung der Muskeln durch starre und einseitige Positionen und damit verbundenen Problemen vorbeugen.
Nicht zuletzt weil viele Menschen mittlerweile viel zu viele Stunden auf ihre Smartphones und Tablets starren, hätten Verspannungen infolge einer vornübergebeugten Haltung in der Bevölkerung zugenommen, berichtet Kötter – und bekräftigt, wie wichtig es ist, die Körperposition regelmäßig zu variieren: »Die beste Haltung ist die nächste!«