Bewertet wird jede Leistung in der Schule. Nur bei den Bundesjugendspielen führt das System zu Diskussionen. / Foto: Adobe Stock/Maria Sbytova
Seit 1951 laufen, springen und werfen Jungen und Mädchen jedes Jahr im Rahmen der Bundesjugendspiele. Am Ende gibt es eine Urkunde. Für die guten Sportler eine Ehrenurkunde mit der Unterschrift des amtierenden Bundespräsidenten ( circa 20 Prozent). Leistungen im normalen Mittelfeld werden mit einer Siegerurkunde bedacht ( circa 50 Prozent). Seit 1991 gibt es für alle Schüler, die unterhalb der Mindestpunktzahl liegen, eine Teilnehmerurkunde ( circa 30 Prozent). Im Prinzip ein ähnliches Vorgehen wie bei der Leistungsbewertung in anderen Schulfächern auch, und doch erhitzen die Abläufe und Ergebnisse der Bundesjugendspiele die Gemüter wesentlich mehr als eine eins oder fünf in Mathe oder Deutsch.
Das zeigt sich nicht nur an Familientischen. 2015 hat Christine Finke, Autorin und Stadträtin aus Konstanz, eine größere Diskussion angestoßen. Sie hat die Bundesjugendspiele ihres Sohnes zum Anlass genommen und eine Petition gegen den Wettbewerb gestartet. In dieser forderte sie, die Bundesjugendspiele ganz abzuschaffen oder zumindest auf Freiwilligkeit umzustellen. Sport sollte Spaß machen und ein positives Körpergefühl vermitteln. Aber die Bundesjugendspiele leben von Wertung: Aufwertung und Abwertung einzelner auf Kosten anderer, schrieb sie damals auf ihrem Blog »Mama arbeitet«. Und weiter heißt es: »Die Bundesjugendspiele sind nicht mehr zeitgemäß. Der Zwang zur Teilnahme (Anmerkung: Seit 1979 ist die Teilnahme für alle Schüler bis zur 10. Klasse verpflichtend) und der starke Wettkampfcharakter sorgen bei vielen Schülern für das Gefühl, vor der Peergroup gedemütigt zu werden.« Mehr als 20.000 Menschen sahen das ähnlich und unterstützten die Petition. In den Kommentaren fanden sich Begriffe wie Demütigungsritual, Dokumentation des Versagens oder langweilige Warteveranstaltung mit weniger als eine Minute Bewegungszeit.
Die Reaktion der Gegenseite ließ nicht lange auf sich warten. Eine Petition zum Erhalt der Bundesjugendspiele wurde gestartet und in einer You Gove Umfrage ermittelt, dass die Mehrheit der Bevölkerung die Abschaffung der Bundesjugendspiele nicht befürworten würde. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, die Kultusministerkonferenz und der Deutsche Olympische Sportbund nahmen die Diskussion zum Anlass, um das Ziel der Bundesjugendspiele noch einmal in einer gemeinsamen Stellungnahme zu verdeutlichen. Demnach soll die Kombination von Sport, Spiel und Spaß allen jungen Menschen eine positive Gemeinschaftserfahrung ermöglichen. Sie sollen für Schülerinnen und Schüler eine Chance sein, durch gemeinsames Erleben und Wettbewerbsstreben die verbindende Kraft von Fairplay, Engagement und Gemeinschaftsgeist zu erfahren. Die Erfahrung der eigenen Leistung, das Vertrauen in die eigenen Fertigkeiten ebenso wie die Selbsteinschätzung der eigenen Möglichkeiten – all dies seien wichtige Lernschritte auf dem Weg zu einer erwachsenen Persönlichkeit. Genauso wichtig sei es, mit den unterschiedlichen Begabungen in der Gruppe fair umgehen zu lernen. Die Bundesjugendspiele würden dabei konsequent einem pädagogischen Ansatz folgen, der die Wertschätzung aller teilnehmenden Kinder und Jugendlichen entsprechend ihrem individuellen Leistungsvermögen zum Ziel hat.
Auch Fachverbände gaben Stellungnahmen ab. So verwies Martin Schönwandt, Geschäftsführer der Deutschen Sportjugend, darauf, dass sich die Bundesjugendspiele erheblich weiter entwickelt haben. Ähnlich äußerte sich der Deutsche Sportlehrerverband e.V. (DSLV). Neben dem klassischen Wettkampf sind die Formen Wettbewerb und Mehrkampf hinzugetreten. Während der Wettkampf ganz klar darauf ausgerichtet ist, sich mit anderen zu messen, fokussieren sich die Übungen des Wettbewerbs auf grundlegende Bereiche wie motorische Koordination, Ausdauer oder die Kooperation mit einem Partner. Der Mehrkampf wiederum ist auf Vielseitigkeit ausgerichtet. Neben den klassischen Leichtathletikdisziplinen – Laufen, Springen, Werfen – zählen nun auch Turnen und Schwimmen zu den Anforderungen. Zudem wurden die Bundesjugendspiele inklusiv gestaltet, sodass auch Kinder mit Behinderungen teilnehmen können.
Die Fachverbände sahen das Problem mehr im pädagogischen Umgang mit den Kindern. Für Schönwandt zum Beispiel war der Umgang mit Schwächen und Misserfolgserlebnissen ein wichtiger Aspekt der Diskussion. Lehrer und Eltern sollten Kinder unterstützen, auch nicht so gute Ergebnisse zu akzeptieren und zu respektieren. Diese sollten eher als Anreiz gesehen werden, öfter Sport zu treiben, um durch Üben besser zu werden. Der DSLV erklärte, dass Sport auf eine sehr direkte, unmittelbare Weise Rückmeldung über die eigene Leistung in Relation zu anderen geben kann. Doch Sieg oder Niederlage seien nicht eigentlich demütigend. Erst die Bewertung über die Leistung hinaus führe zur Demütigung und diese dürfe niemals Bestandteil einer Leistungsbewertung sein. Auch für die Notengebung sei nicht nur die im Wettkampf erzielte Leistung zu berücksichtigen. Die in Vorbereitung auf die Spiele gezeigte Leistung, die Anstrengungsbereitschaft, die Kompetenz in Kooperation, die persönliche Entwicklung und vieles mehr seien ebenfalls Leistungsfaktoren, die eine Wettkampfleistung erheblich relativieren könnten. In diesem Zusammenhang wies der DSLV darauf hin, dass es ganz wesentlich sei, die Bundesjugendspiele im Sportunterricht angemessen vorzubereiten. Wie jeder sportliche Wettstreit im Kontext des Schulsports bedürften sie einer pädagogischen Hinführung, Begleitung und Nachbereitung.
Ob nun einige Schüler einfach Pech bei der Umsetzung durch ihre Schule und Lehrkräfte hatten, besonders sensibel sind oder die Bundesjugendspiele eigentlich doch für die meisten einfach nur toll sind, ließ sich im Rahmen der Diskussion von 2015 nicht klären. Sie ist irgendwann verebbt und die Petition blieb erfolglos. Eine neue Diskussion würde vermutlich ein ganz ähnliches Ergebnis bringen. Zu subjektiv sind die Eindrücke und Erfahrungen, die in 70 Jahren Bundesjugendspielen gesammelt wurden.
Selbst die Wissenschaft kann wenig zur Pro und Kontra Debatte beitragen. Obwohl jedes Jahr geschätzte fünf Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland und an deutschen Schulen im Ausland an den Bundesjugendspielen teilnehmen, wurden sie bisher nicht systematisch untersucht. Es gibt keine Daten zur Akzeptanz und Motivation bei Schülern und Lehrern. Schätzungen zufolge führen etwa 20 Prozent der Schulen die eigentlich verbindliche Veranstaltung nicht regelmäßig durch. Aus den Erfahrungen von Lehrern ist zudem bekannt, dass vor allem Mädchen der höheren Klassen oft nicht mehr an den Bundesjugendspielen teilnehmen und sich entschuldigen lassen. Hier könnte mit der Einführung attraktiverer Sportformen durchaus gegengesteuert werden, kritisieren Sportpädagogen.
Auch die von Fachverbänden angesprochene Modernisierung der Bundesjugendspiele wird von Sportpädagogen und Sportwissenschaftlern mitunter kritisch gesehen. So haben nur wenige Schulen Zugang zu einer Schwimmhalle und können diese Disziplin bestreiten. Die Erweiterungen erfordern mehr Personal, was einige Schulen ebenfalls nicht leisten können. Und die Kategorie Wettbewerb wird bisher kaum als gleichwertig angesehen. Für viele Schüler bestehen die Bundesjugendspiele damit weiterhin nur aus wenigen Minuten Laufen, Springen, Werfen und viel Wartezeit. Dass dennoch ein positives sportpädagogisches Erlebnis daraus wird und allen Kindern angenehm in Erinnerung bleibt, liegt somit in den Händen der Sportlehrer und Schulen.