Meist kommt irgendwann der Punkt, an dem alles zu viel wird, wenn man zu Aufgaben nicht Nein sagen kann. / © Getty Images/AndreyPopov
Alle Aufgaben übernehmen, immer aufmerksam und für andere da sein. So wohltuend die folgende Dankbarkeit des Gegenübers sein kann: Mit so einem starken Verantwortungsgefühl durchs Leben zu gehen, kostet Kraft. Die Ärztin und Therapeutin Mirriam Prieß arbeitet immer wieder mit Menschen, die »sich erschöpfen, sich verbrennen, weil sie sich überhaupt nicht um sich kümmern, sondern immer nur um andere«. Betroffen sind vor allem Frauen.
Was also tun, wenn man in dieser Verhaltensweise feststeckt, aber etwas ändern möchte? Hier kommen vier Schritte:
Da lohnt ein Blick in die eigene Biografie – gut möglich, dass diese Verhaltensweise in der Kindheit wurzelt. Womöglich hat man sie von der eigenen Mutter abgeschaut, der es immer wichtig war, dass alle zufrieden waren. Womöglich hat in der Familie die bedingungslose Liebe gefehlt: Anerkennung gab es immer nur für gute Noten oder dafür, dass man für andere Verantwortung übernommen hat.
»So lernt ein Kind: Wenn ich für Harmonie sorge und wenn ich viel leiste, dann werde ich geliebt«, sagt Prieß. Tückisch: Wer mit dieser Überzeugung durchs Leben geht, verliert mit der Zeit das Gefühl für sich selbst und die eigenen Bedürfnisse.
Ob im Freundeskreis, im Job oder in der Beziehung: Es geht darum, Geben und Nehmen wieder mehr in Balance zu bringen. Ohne eine vorherige Bestandsaufnahme geht das nicht. Orientierung kann die sogenannte »Drittel-Regel« geben. »Eine gesunde Beziehung heißt: Ein Drittel komme ich vor, ein Drittel kommst du vor, ein Drittel kommt unser Miteinander vor«, sagt Mirriam Prieß.
Ein wichtiger Indikator, wie gut Geben und Nehmen ausbalanciert sind, ist das Bauchgefühl – also die Frage: »Fühle ich mich gut?« Menschen, die zu viel geben, haben häufig den Eindruck: »Ich funktioniere nur noch«. Da grummelt es im Bauch, weil die eine Freundin nichts in die Freundschaft hineingibt? Oder weil sich der Partner darauf verlässt, dass Arzttermine und neue Gummistiefel für das Kind schon organisiert werden? Das ist ein Zeichen, dass die Verantwortung nicht gerecht aufgeteilt ist.