Irgendwann kann die Augenlinse nur noch schwer nah akkommodieren: Dann werden die Arme immer länger, um die Zeitung scharf lesen zu können. / © Getty Images/Prostock-Studio
Fast jeder Mensch bekommt im Alter eine sogenannte Alterssichtigkeit. Dieser Zustand, auch Presbyopie genannt, erschwert das Scharfstellen auf nahe Objekte und Texte. Die Schwierigkeiten bei der Nahakkommodation setzen häufig schon ab Mitte 40 ein. »Diese Situation verschärft sich bis etwa Mitte 50, bis dann mehr oder weniger der finale Nahbedarf von 3 Dioptrien erreicht ist«, machte Professor Dr. Gerd-Uwe Auffarth von der Universitätsaugenklinik Heidelberg bei einer digitalen Pressekonferenz der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft deutlich.
Neben den klassischen Lese- oder Gleitsichtbrillen haben sich in den vergangenen Jahren dauerhaft implantierte sogenannte Trifokallinsen etabliert. Laut dem Ophthalmologen zählen sie mittlerweile zum Standardrepertoire, um Presbyopie zu beheben. Bei dem chirurgischen Eingriff können gleichzeitig Kurz- oder Weitsichtigkeit sowie Hornhautverkrümmungen korrigiert und somit eine Brillenunabhängigkeit erreicht werden.
Auffarth sensibilisierte dafür, derartige Kunstlinsen nicht zu früh zu implantieren. »Eine solche Operation ist erst dann zu empfehlen, wenn eine altersbedingt ohnehin ablaufende hintere Glaskörperabhebung abgeschlossen ist. Dabei löst sich der Glaskörper, der das Auge ausfüllt, von der Netzhaut. Das ist aber erst mit 50 oder Mitte 50 der Fall. Wird der Eingriff zu früh durchgeführt, drohen Netzhautablösungen und andere schwerwiegende Komplikationen«, warnte er. Demzufolge bestehe in den ersten zehn Jahren der Alterssichtigkeit »eine gewisse Lücke, die Betroffenen zufriedenstellend zu versorgen«.
In den USA gewinnt die pharmakotherapeutische Korrektur der Alterssichtigkeit zunehmend an Beliebtheit. Mit Pilocarpin (Vuity®) – schon lange aus der Glaukomtherapie bekannt – kam 2021 ein erstes Präparat mit der Indikation Presbyopie auf den Markt. In die Augen getropft, wirkt das Alkaloid als direktes Parasympathomimetikum miotisch, verengt also die Pupille. »Durch diesen Pinhole-Effekt, auch Türschlosseffekt genannt, verbessert sich die Tiefenschärfe, also die Nahsicht. Teilweise kann auch noch eine Restakkommodation der Augenlinse positiv beeinflusst werden«, erklärte der Referent.
Nach demselben Wirkprinzip arbeiten Augentropfen mit Aceclidin (Vizz™) und die Wirkstoffkombination aus Carbachol und Brimonidintartrat (Yuvezzi™) – beide wurden erst vor Kurzem von der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde (FDA) für die Indikation Presbyopie zugelassen. Die beiden letztgenannten Arzneistoffe sind als Monopräparate ebenfalls schon lange in der Glaukomtherapie zu Hause.
Auffarth verwies auf mögliche Nebenwirkungen, die aus der miotischen Wirkung der Arzneistoffe resultieren: Der Lichtverlust führt zu eingeschränktem Sehvermögen, vor allem bei schlechten Lichtverhältnissen. Daraus folgt Fahruntüchtigkeit in der Dunkelheit. Daneben könnten die aus der Glaukomtherapie bekannten Augenreizungen, Rötungen und Schmerzen zumindest zu Beginn der Therapie auftreten.