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Chronische Ohrgeräusche
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Warnung vor falschen Heilsversprechen bei Tinnitus

Es rauscht, pfeift, dröhnt, brummt oder zischt in einem oder beiden Ohren: Rund 10 Millionen Erwachsene in Deutschland leiden zeitweise unter Ohrgeräuschen. Bei etwa 1,5 Millionen Betroffenen ist der Tinnitus chronisch, besteht also bereits seit mehr als drei Monaten.
AutorKontaktChristiane Berg
Datum 01.11.2021  16:00 Uhr

Manche Patienten beschreiben den »Terror« im Kopf oft als unerträglich und berichten von Angstzuständen, Schlaf- und Konzentrationsstörungen sowie Depressionen. Von Mitmenschen und selbst von Ärzten nicht zuletzt aufgrund Hilflosigkeit häufig nur unzureichend ernst genommen, greifen sie nach jedem Strohhalm, um den inneren Lärm zu lindern.

»Doch Vorsicht: Nicht zuletzt im Internet wird eine Vielzahl von Maßnahmen angeboten, die nicht nur nicht zielführend, sondern zudem gefährlich sind«, sagt Professor Birgit Mazurek in einem Statement zur Veröffentlichung der aktualisierten S3-Leitlinie »Chronischer Tinnitus« der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie (DGHNO-KHC).

Als eine der federführenden Autorinnen dieser Leitlinie warnt Mazurek vor Quacksalberei und falschen Heilsversprechen – egal ob in Form ominöser Kräuter und Tinkturen oder dubioser technischer Verfahren wie App-gestützten Soundtherapien oder Neuromodulationen wie zum Beispiel transkranielle Magnetstimulation.

Derartige Verfahren hätten sich als nicht evident erwiesen. Auch gäbe es keine Hinweise darauf, dass Nahrungsergänzungsmittel oder spezifische Phytotherapeutika eine nachgewiesene Wirksamkeit auf den Tinnitus haben. Derzeit existieren keinerlei Medikamente, die den chronischen Tinnitus ursächlich heilen können, ergänzt Mazurek.

Angst, Depressionen und innere Unruhe individuell therapieren

Anders sähe es bei der Behandlung von Begleiterkrankungen wie Schlaflosigkeit, innere Unruhe, Angststörungen, Burn-out und Depressionen aus, die als »Lärm der Seele« wiederum den Lärm im Kopf verstärken können – ein Teufelskreis. Diese Komorbiditäten sollten und müssten daher individuell und gegebenenfalls medikamentös therapiert werden, unterstreicht die Leiterin des Tinnitus-Zentrums der Berliner Charité.

Hier könnten moderne Antidepressiva wie unter anderem Selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Inhibitoren (SSRI) und Anxiolytika zum Einsatz kommen, wobei im Vorfeld mittels fachärztlicher Anamnese und Differentialdiagnose einschließlich gründlicher Hörprüfung stets der Schweregrad des chronischen Tinnitus erfasst werden müsse. Bei einem gleichzeitig bestehenden Hörverlust könne die Versorgung mit Hörgeräten den Tinnitus durch die Teilmaskierung in Folge der besseren Wahrnehmung von Umgebungsgeräuschen positiv beeinflussen.

Die Therapieempfehlungen bei chronischem Tinnitus zielten generell darauf ab, Verbesserungen durch die Veränderung von Denk- und Verhaltensweisen sowie dysfunktionalen Bewertungsmustern zu erreichen, betont Professor Gerhard Hesse, Bad Arolsen, gleichermaßen einer der federführenden Autoren der neuen Leitlinie. Basis jeder Therapie müsse daher das sogenannte Tinnitus-Counselling (counselling = engl.: Beratung), also die Aufklärung über Möglichkeiten sein, die akustischen Belastungen erträglich zu gestalten. Auch verhaltens- und psychotherapeutische Interventionen sowie die Unterstützung durch Selbsthilfegruppen könnten sinnvoll sein. Im Sinne einer sogenannten »kognitiven Desensibilisierung« existierten die Ohrgeräusche zwar noch, würden jedoch weniger wahrgenommen.

Psychosoziale und hier auch seelische und körperliche Belastungen können die Tinnitus-Intensität und -Frequenz begünstigen. Zur Identifikation von Stress-Faktoren sei es daher oftmals sinnvoll, ein Tagebuch zu führen. Muss es darum gehen, den chronischen Tinnitus ins Leben zu integrieren, so könne es hilfreich sein, ihn nicht als Feind, sondern als »inneren Seismographen« und somit inneren Berater im »Wust« des Alltags zu betrachten.

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