Der bewusste Verzicht auf Alkohol, Social Media oder Süßes stärkt Selbstvertrauen, Selbstwirksamkeit und Resilienz. / © Getty Images/Westend61 / OneInchPunch
Am Aschermittwoch beginnt für viele Christen die 40-tägige Fastenzeit bis Ostern. Doch ganz unabhängig von der Religion sind diese Wochen inzwischen für manche ein Anlass, bewusst auf alltägliche Annehmlichkeiten oder Gewohnheiten zu verzichten.
So beschließen Menschen etwa, sich für die Zeit von Genussmitteln wie Alkohol, Zigaretten und Süßigkeiten oder auch von Gewohnheiten wie dem Dauerscrollen in den sozialen Medien zu verabschieden. Warum uns dieser bewusste Verzicht guttut und was hilft, die Fastenzeit positiv wahrzunehmen, erklärt Steffen Häfner, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und ärztlicher Direktor der Klinik am schönen Moos, im Interview.
Warum nehmen Menschen die Fastenzeit als Anlass, um bewusst zu verzichten?
Steffen Häfner: Die Fastenzeit bietet vielen einen guten Rahmen, weil sie ritualisiert ist. Klassisch ist das die Zeit nach Karneval bis Ostern – das kennen viele, auch ohne religiösen Hintergrund. Solche festen Zeiträume helfen, um einen bewussten Schnitt zu machen und zu sagen: »Jetzt probiere ich mal etwas anderes« oder »Ich möchte jetzt wieder mehr Kontrolle in bestimmten Bereichen.«
Manche sehen die Zeit auch als eine Art Prüfung, um zu sehen, wie stark sie im Umsetzen von bestimmten Vorhaben sind. Teils spielt da auch die Anerkennung von außen eine Rolle – man merkt, dass man sich durch den bewussten Verzicht als willensstark darstellen kann.
Welche Effekte hat ein solcher bewusster Verzicht auf die Psyche?
Häfner: Der wichtigste Effekt ist, dass Menschen wieder erleben: Ich kann mit weniger auskommen. In unserer Wohlstands- und Konsumgesellschaft ist das für viele Menschen gar nicht mehr selbstverständlich. Wir haben uns daran gewöhnt, dass alles ständig verfügbar ist. Wenn man dann bewusst verzichtet, merkt man: Es geht auch ohne.
Damit verbunden ist Selbstwirksamkeit. Wer es schafft, fast sieben Wochen auf Alkohol, Social Media oder etwas anderes zu verzichten, erlebt: Ich habe Kontrolle über mein Verhalten. Das ist ein sehr stärkendes Gefühl. In der Psychotherapie kennen wir das auch aus der Angstbehandlung: Wenn Menschen schrittweise erleben, dass sie etwas schaffen, trauen sie sich danach mehr zu.
Langfristig kann Verzicht sogar die Resilienz stärken. Wer gelernt hat, mit Druck oder Entbehrung umzugehen, kann später auch besser mit Belastungen oder Krisen umgehen, weil er merkt: Ich habe Strategien, um mit diesen Herausforderungen zurechtzukommen.
Wie geht man den Verzicht am besten an, um eine positive Erfahrung zu machen?
Häfner: Entscheidend ist, dass man realistisch startet und sich nicht überfordert. Für viele ist ein Verzicht auf Social Media oder bestimmte Konsumgewohnheiten alltagstauglicher als klassisches Fasten beim Essen.
Wichtig ist auch, dass man den Verzicht positiv gestaltet. Hilfreich sind zum Beispiel Belohnungen – aber sinnvoll. Wenn ich während der Fastenzeit auf Alkohol verzichte, sollte die Belohnung nicht sein, dass ich danach exzessiv trinke. Sondern etwas, das mir wirklich guttut. Auch kleine Highlights während der Zeit können helfen, damit es nicht nur nach Entbehrung aussieht.
Außerdem sollte man das Umfeld einbeziehen. Wer vorher kommuniziert: »Ich bin jetzt weniger erreichbar« oder »Ich schaue nur noch einmal am Tag aufs Handy«, nimmt Druck raus und verhindert Missverständnisse. Oft reagieren andere sogar positiv, weil viele insgeheim denken: Eigentlich müsste ich das auch mal machen.
Hilfreich kann es sein, in einer Gruppe oder gemeinsam in der Familie zu verzichten. Das kann dabei helfen, Herausforderungen besser zu bewältigen und die Motivation aufrechtzuerhalten.