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Verharmlosung & Fehlinformation
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Warum Experten Solarien verbieten wollen

Solarien wirken auf den ersten Blick harmlos. Und tun Wärme und Licht nicht gerade im Winter der Seele gut? Ebenso der Haut? Verschwinden durch einen Gang auf die Sonnenbank nicht Pickel und die Haut nimmt im Gegenzug eine schonende Bräune an? Experten schlagen spätestens hier die Hände über dem Kopf zusammen. Wie sehr sie vom Gegenteil überzeugt sind, zeigt sich in ihrer Forderung nach einem Solarienbetriebsverbot – zumindest zu rein kosmetischen Zwecken.
AutorKontaktKatja Egermeier
Datum 05.02.2024  10:00 Uhr

»Jede einzelne Solariennutzung erhöht das Hautkrebsrisiko. Eine Verharmlosung dieses Sachverhalts ist nicht länger hinnehmbar. Deutschland benötigt ein Betriebsverbot von Solarien zu kosmetischen Zwecken«, erklärt Gerd Nettekoven, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krebshilfe, in einer gemeinsamen Pressemitteilung mit der Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Prävention (ADP).

Mit Verharmlosung ist die »unvollständige, irreführende und falsche« Kommunikation von Sonnenstudio-Ketten gegenüber den Verbrauchern gemeint. Dieser sei die ADP nun in einer Studie, veröffentlicht in der Zeitschrift »Prävention und Gesundheitsförderung«, auf die Schliche gekommen. Exemplarisch wurden dazu die Internetauftritte von zehn Sonnenstudio-Ketten in Deutschland untersucht. Sie gelten als wesentliche Informationsquelle für potenzielle Solariennutzer. Die Stichprobe repräsentiere 325 Studios, so die ADP, was 80 Prozent der zu Ketten gehörigen Betriebsstätten entspreche. Das Ergebnis: eklatante Fehler bei der Gesundheitskommunikation. Verbrauchern werde es unmöglich macht, Nutzen und Risiken fundiert gegeneinander abzuwiegen.

Hautkrebsrisiko verschwiegen und verneint

So sei auf neun von zehn Websites zwar darauf hingewiesen worden, dass UV-Strahlung auf die Haut wirkt. Keiner der Internetauftritte habe jedoch darüber informiert, dass ein Besuch auf der Sonnenbank das Hautkrebsrisiko erhöhe. Drei der zehn Sonnenstudio-Ketten bestritten das sogar und schrieben: »Kein erhöhtes Hautkrebsrisiko bei dosierter Nutzung moderner Sonnenbänke! Die positive Wirkung von künstlichem Sonnenlicht ist 10-mal größer als das Risiko möglicher UV-Schäden!«

Diese Aussage ist laut Professor Dr. Eckhard Breitbart schlichtweg falsch. »Die Weltgesundheitsorganisation WHO stuft künstliche und natürliche UV-Strahlung seit 2009 in die höchste Kategorie krebserregender Faktoren ein«, erklärt der Dermatologe und Vorsitzende der ADP. Bereits eine regelmäßige monatliche Solariennutzung erhöhe das Risiko für maligne Melanome, eine besonders gefährliche Hautkrebsart, um 60 Prozent.

Gefahr für Augen verschleiert

Bezüglich der Augen ist bekannt, dass ein Solarienbesuch ohne die Verwendung einer speziellen UV-Schutzbrille zu massiven Augenschäden führen kann. Das wurde der Studie zufolge jedoch von nur drei Ketten kommuniziert. Eine Kette habe zumindest das Austrocknen der Netzhaut als mögliche spezifische Folge genannt. Alle weiteren UV-bedingten Schäden, wie Binde- und Hornhautentzündungen, frühzeitige Trübung der Augenlinse (Grauer Star) oder okuläre Tumore, seien auf allen Websites unerwähnt geblieben.

Ein weiterer Kritikpunkt: Drei der zehn Ketten warben mit einer Stärkung des Immunsystems durch die UV-Strahlung in Solarien – allerdings ohne eine wissenschaftliche Evidenz anführen zu können. Lediglich eine Sonnenstudiokette habe richtigerweise darüber informiert, dass intensive UV-Strahlung die körpereigenen Immunabwehr kurzfristig schwäche.

Anti-Aging vorgegaukelt

Wie Breitbart erklärt, dringt die in Solarien verwendet UV-A-Strahlung tief in die Haut ein und schädigt die elastischen Fasern des Bindegewebes. Die Folge: Die Haut altert schneller und bildet vermehrt Falten.

Auch diese Risiken seien bei den untersuchten Solarienketten verschwiegen worden – im Gegenteil sei bei zweien sogar ein Anti-Aging-Effekt versprochen worden. Sechs Ketten warben zudem mit UV-Strahlen in Kombination mit »Collagen-Licht« – Wärmestrahlen im Infrarotbereich –, das vorgeblich die Kollagenfasern der Haut stimulieren und für straffere Haut sorgen soll.

Den Effekt der beschleunigten Hautalterung habe UV-Strahlung auch, wenn sie mit anderen Lichtquellen kombiniert wird, so Breitbart. »Zudem gibt es keinen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass Infrarotlicht dem UV-strahlungsbedingten Altern der Haut entgegenwirken kann.«

Konsequenz: Solarienverbot

Für die ADP und die Deutsche Krebshilfe verstoßen einige dieser Aussagen auf den Solarien-Plattformen gegen § 5a des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG), der den Sachverhalt der »Irreführung durch Unterlassen« behandelt. Demnach »handelt unlauter, wer dem Verbraucher eine wesentliche Information vorenthält, die der Verbraucher benötigt, um eine informierte Entscheidung zu treffen.« Das ist laut Yvonne de Buhr, stellvertretende Vorsitzende der ADP und Initiatorin der Studie, bei einigen der untersuchten Internetdarstellungen der Fall. »Risiken werden gar nicht, unvollständig oder verharmlosend dargestellt. Nutzen werden propagiert, die einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht standhalten.«

Der Betrieb von Solariengeräten wird in Deutschland durch das Gesetz zum Schutz vor nichtionisierender Strahlung der Anwendung am Menschen (NiSG) und die UV-Schutz-Verordnung (UVSV) reguliert. Letztere verpflichtet Solarienbetriebe dazu, ihre Kunden über die gesundheitsschädliche Wirkung von UV-Strahlung zu informieren. Da diese Vorgaben nicht griffen, sollte aus Sicht von Nettekoven die Konsequenz daraus ein Betriebsverbot von Solarien zu kosmetischen Zwecken sein. Gemeinsam mit der ADP fordere die Deutsche Krebshilfe bereits seit 2020 ein solches Verbot.

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