Die transdermale Gabe der Hormonsatztherapie ist etwa im Hinblick auf das Thrombose- und Herz-Kreislaufrisiko risikoärmer als die orale. / © Getty Images/Anchiy
Was genau versteht man denn eigentlich unter bioidentischen Hormonen? Der Begriff mag auf den ersten Blick den Eindruck von Natürlichkeit und Bioprodukten erwecken, doch das ist nicht ganz richtig. Die Wirkstoffe werden im Labor hergestellt aus dem Grundbaustein Diosgenin, der meist aus Pflanzen wie Yams oder Soja gewonnen wird. Durch chemische Umwandlung entsteht daraus ein Molekül mit derselben Struktur wie das entsprechende körpereigene Hormon. Daher passen bioidentische Hormone genau zu den jeweiligen Rezeptoren und entfalten hierüber dieselben Wirkungen wie die körpereigenen Hormone.
Andere, nicht als bioidentisch bezeichnete Hormonderivate entsprechen in ihrer Struktur dagegen nicht exakt den körpereigenen Hormonen. Beispiele sind die konjugierten Estrogene aus dem Urin trächtiger Stuten, die früher zur Hormonersatztherapie (HRT) verwendet wurden, und auch synthetische Gestagene wie Progestine. Die Wirkstoffe können dann neben den eigentlichen Zielrezeptoren auch zusätzlich an andere Rezeptoren binden, etwa an Androgen-, Glucocorticoid- oder Mineralocorticoid-Rezeptoren. Die Bindung von Hormonderivaten an die jeweiligen Rezeptoren kann auch länger und/oder stärker sein als die des natürlichen Hormons – erwünscht ist das etwa bei der Antibabypille.
Bioidentische Hormone gelten oft als besser verträglich als Hormonderivate. »Das unterschiedliche Bindungsverhalten an die Rezeptoren erklärt, warum Hormonderivate wie etwa synthetische Gestagene häufiger Nebenwirkungen verursachen als bioidentische Hormone«, sagt Dr. Marike Albrecht, Bad Hersfeld, gegenüber PTA-Forum. Die Ärztin und Mitautorin des Ratgebers »Hormonpower« (Trias-Verlag, 2026) hat sich auf die Behandlung mit bioidentischen Hormonen spezialisiert.
Im Rahmen der HRT werden heute überwiegend bioidentische Hormone gegen klimakterische Beschwerden eingesetzt. Sie sollen den Hormonmangel ausgleichen, um etwa vasomotorische Symptome wie Hitzewallungen sowie Schlafstörungen, depressive Verstimmungen, urologische Beschwerden und weitere wechseljahresbedingte Symptome zu lindern.
In Deutschland wird in der HRT schon seit vielen Jahren vorwiegend das bioidentische 17β-Estradiol (E2) eingesetzt, eine bioidentische Estrogenkomponente ist hier also Standard. Bei Frauen mit Gebärmutter wird diese mit bioidentischem Progesteron – das für eine bessere Resorption mikronisiert wird – oder mit einem synthetischen Gestagen wie Norethisteronacetat, Levonorgestrel oder Dienogest kombiniert. Vaginal wird meist bioidentisches Estriol (Östriol, E3) angewendet.
»Hormone sind quasi die Instrumente in einem Orchester, miteinander verbunden wie Figuren in einem Mobile«, verbildlicht Albrecht. »Das Ziel der Gabe bioidentischer Hormone ist es, einen Mangel oder ein Ungleichgewicht der Hormone untereinander auszugleichen«, erklärt die Ärztin. Zwar übe jedes Hormon individuelle Funktionen aus, regle aber einen Vorgang oft mit anderen Hormonen zusammen, etwa in den Bereichen Sexualität/Fortpflanzung, Energiestoffwechsel oder Stimmung/Schlaf.
Die steroidalen Sexualhormone haben neben ihren Hauptfunktionen unter anderem auch Einfluss auf die Psyche, Gehirnfunktionen, Knochendichte, Gefäßstabilität, Hautstruktur, Fettgewebe und Muskelmasse. Ein Mangel oder eine Imbalance könnten somit eine Reihe von Krankheiten und Befindlichkeitsstörungen verursachen, so Albrecht.
Neben der HRT gibt es der Expertin zufolge weitere Einsatzgebiete. Bioidentisches Progesteron zum Beispiel wird neben der HRT auch zur Behandlung von Unregelmäßigkeiten der Monatsblutung gegeben, wenn die Zyklusstörungen durch Progesteron-Insuffizienz verursacht werden. Auch im Rahmen einer assistierten Reproduktionstherapie (ART) kommt mikronisiertes Progesteron zum Einsatz.
Ärzte verordnen ab und an auch Individualrezepturen mit bioidentischen Hormonen, auch »compounded bioidentical hormone therapy« genannt. Diese werden dann in einer spezialisierten Apotheke individuell für die Patientin hergestellt, je nach Bedarf als Creme, Gel, Kapseln oder Vaginalzäpfchen. Die Hormone können dabei individuell dosiert und kombiniert werden und sind frei von teils umstrittenen Zusatzstoffen wie Titandioxid. Einige Mediziner halten die Rezepturherstellung bei bioidentischen Hormonen allerdings für überflüssig und weisen darauf hin, dass die individuellen Rezepturen anders als zugelassene Fertigpräparate nicht in groß angelegten Studien auf Wirksamkeit und Sicherheit untersucht wurden.
Verena Schmidt / Scheidentrockenheit, Brennen, Juckreiz, wiederkehrende Harnwegsinfekte und Schmerzen beim Geschlechtsverkehr machen vielen Frauen in der Menopause zu schaffen. Schuld ist der sinkende Estrogenspiegel, der dazu führt, dass Kollagensynthese und Elastizität des Gewebes abnehmen und die Durchblutung und die vaginale Sekretion sinken. Dadurch verändert sich die Vaginalschleimhaut und atrophiert.
Dazu kommt: Durch einen Rückgang der Laktobazillen verändert sich das vaginale Mikrobiom. Vor der Menopause dominieren die Laktobazillen, in den Wechseljahren nimmt ihre Zahl dann ab und andere Bakterienarten breiten sich aus – einige werden mit vaginalen Infektionen in Verbindung gebracht.
Neben dem Genitaltrakt betrifft die Atrophie der Schleimhäute auch Harnröhre und Blase. Die Folgen können Schmerzen beim Urinieren, gesteigerter Harndrang und häufigere Toilettengänge sein. Aufgrund des Estrogenmangels treten auch vermehrt Blasenentzündungen oder Harnwegsinfekte auf.
Was hilft? Je nach Ausprägung der Beschwerden kommen nicht hormonelle Methoden zum Einsatz wie vaginale Gleitmittel oder Moisturizer mit Hyaluron- oder Milchsäure. Auch die Gabe von Laktobazillen kann versucht werden. Hormonell können lokal Estrogene in Form von Creme, Ovula oder Zäpfchen appliziert werden. Manche Präparate enthalten zusätzlich Milchsäurebakterien.
Albrecht zufolge ist die individuelle Beratung und eine engmaschige Begleitung durch einen Arzt wichtig für den Therapieerfolg und auch, um Nebenwirkungen bei nicht optimal angepasster Dosierung zu vermeiden. Dazu gehören etwa Brustspannen, Schmierblutungen, Müdigkeit oder Schwindel sowie lokale Hautreizungen bei Pflaster oder Gel.
Bezüglich eines leicht erhöhten Thrombose- und Brustkrebsrisikos ist das Abwägen von Risikofaktoren wie Genetik, Brustdichte, Vorerkrankungen, Alter und Lebensstil (viszerale Körperfettmasse, Bewegung, Alkohol- und Nikotinkonsum) wichtig bei der Entscheidung, ob eine HRT begonnen werden soll.
Stichwort Krebsrisiko: Nach aktueller Studienlage kann eine kombinierte systemische HRT das Risiko für Brustkrebs leicht erhöhen. Die absoluten Zahlen sind jedoch im Vergleich zu anderen beeinflussbaren Risikofaktoren, etwa Übergewicht und Rauchen, nicht hoch. Der Lebensstil hat also einen stärkeren Einfluss auf das Brustkrebsrisiko als die heute oft niedrig dosierten Hormongaben. Auch die Behandlungsdauer spielt eine Rolle: Eine HRT von bis zu einem Jahr steigert das Risiko nicht. Bei einer Dauer von mehr als zehn Jahren ist es etwa doppelt so hoch wie bei fünf Jahren.
Das Risiko für ein Ovarialkarzinom erhöht sich unter der HRT geringfügig. Bei Darmkrebs scheint die HRT dagegen einen schützenden Effekt zu haben. Präventiv einsetzen sollte man eine HRT deswegen aber nicht.
Wichtig: Frauen mit Gebärmutter benötigen neben einem Estrogen immer auch ein Gestagen, um die Gebärmutterschleimhaut vor dem wachstumsfördernden Effekt des Estrogens und damit vor einem Endometriumkarzinom zu schützen – wenngleich das Risiko bei einer Therapiedauer von mehr als sechs Jahren leicht steigen kann. Frauen ohne Gebärmutter erhalten eine Estrogen-Monotherapie. Diese erhöht das Brustkrebsrisiko – wenn überhaupt – in weitaus geringerem Maß als die kombinierte HRT. Vaginal angewandtes Estrogen scheint nach aktuellem Wissensstand keinen Einfluss auf das Krebsrisiko zu haben.
Die HRT sollte so kurz wie möglich und so lange wie nötig durchgeführt werden – eine pauschale zeitliche Begrenzung gibt es heute nicht mehr. Ein früher Beginn der Therapie, möglichst vor dem 60. Lebensjahr, scheint am risikoärmsten zu sein. Einige Studien haben auch ein erhöhtes Risiko für einen ischämischen Schlaganfall bei Frauen über 60 Jahren gezeigt, wenn sie zehn Jahre nach Beginn der Menopause mit der Therapie begonnen haben.
Als Gel, Pflaster oder Spray können Hormone auch transdermal gegeben werden – und das hat einige Vorteile gegenüber der oralen Anwendung. Man umgeht so etwa den First-Pass-Metabolismus in der Leber. Das erhöht die Bioverfügbarkeit; daher sind transdermal meist deutlich geringere Dosierungen wirksam. Die französische E3N-Studie hat zudem gezeigt, dass transdermale Estrogene im Gegensatz zu oralen Präparaten das Risiko für venöse Thromboembolien nicht erhöhen. Diese Applikationsart ist daher besonders interessant für Patientinnen mit kardiovaskulären Risiken wie Adipositas, Migräne mit Aura, vorherigen Schlaganfällen oder Thrombosen, einem Alter über 60 Jahre oder Bluthochdruck.