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Mehr als nur Ballast
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Was macht Kleie so besonders?

Kleie galt lange Zeit als Abfallprodukt der Mehlherstellung. Heute rückt ist sie wieder in den Fokus der Ernährungswissenschaft. Aktuelle Erkenntnisse zeigen, dass die unscheinbaren Randschichten des Getreidekorns eine zentrale Rolle für Darmgesundheit, Stoffwechsel und sogar individualisierte Ernährungskonzepte spielen können.
AutorKontaktAndrea Pütz
Datum 02.03.2026  08:00 Uhr

Historisch betrachtet war Kleie lange kein eigenständiges Lebensmittel. Über Jahrhunderte hinweg wurde Getreide in grober Form verarbeitet, sodass alle Kornbestandteile selbstverständlich in Brot und Brei enthalten waren. Entsprechend finden sich in frühen medizinischen Schriften keine gezielten Empfehlungen für Kleie, wohl aber Hinweise auf die bekömmliche und regulierende Wirkung vollwertiger Getreidekost. Besonders in der Klostermedizin galt naturbelassenes Getreide als ordnend für Verdauung und Stoffwechsel. Die heutige wissenschaftliche Neubewertung der Kleie ist damit weniger eine neue Entdeckung als vielmehr eine Rückbesinnung auf lange selbstverständliche Ernährungsprinzipien.

Mit der Industrialisierung der Lebensmittelproduktion im 19. Jahrhundert setzte sich zunehmend Weißmehl als Ideal durch. Je heller und feiner das Mehl, desto höher sollte seine Qualität sein. Die äußeren Kornschichten – reich an Ballaststoffen, Vitaminen und Mineralstoffen – wurden entfernt, um Haltbarkeit und Backeigenschaften zu verbessern. Die Kleie blieb als Abfallprodukt zurück und fand meist nur noch als Tierfutter Verwendung. Schon früh fiel jedoch auf, dass Bevölkerungsgruppen, die viele Produkte mit hohem Vollkornanteil verzehrten, seltener unter Verdauungsproblemen und bestimmten Zivilisationskrankheiten litten. Erst mit dem wachsenden Verständnis für Ballaststoffe und Darmphysiologie begann man, diesen Zusammenhang wissenschaftlich zu erklären – und Kleie neu zu bewerten.

Als Kleie bezeichnet man die äußeren Schichten des Getreidekorns, darunter Frucht- und Samenschale sowie Teile der Aleuronschicht, die bei der industriellen Mehlherstellung vom Mehlkörper getrennt werden. Je nach Getreide unterscheidet man Weizen-, Hafer-, Roggen- oder Dinkelkleie, deren Nährstoffprofil sich deutlich unterscheidet. Weizenkleie enthält vor allem hohe Anteile unlöslicher Ballaststoffe, die das Stuhlvolumen erhöhen und die Darmtätigkeit anregen. Haferkleie liefert darüber hinaus relevante Mengen löslicher Ballaststoffe, insbesondere Beta-Glucane, die neben ihrer Wirkung auf die Verdauung auch stoffwechselaktive Effekte entfalten.

Neben Ballaststoffen enthält Kleie relevante Mengen an B-Vitaminen, die für den Energiestoffwechsel und das Nervensystem von Bedeutung sind, sowie Mineralstoffe wie Magnesium, Eisen und Zink. Hinzu kommen sekundäre Pflanzenstoffe mit antioxidativen Eigenschaften, die zur zellulären Schutzfunktion beitragen können. Damit zählt Kleie zu den nährstoffreichsten Bestandteilen des Getreidekorns – genau jenen Anteilen also, die bei der Herstellung von Auszugsmehlen weitgehend verloren gehen. Aus ernährungsphysiologischer Sicht erklärt dies, warum Vollkornprodukte und kleiereiche Kost deutlich günstiger bewertet werden als stark ausgemahlene Mehle.

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