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Multiple Sklerose
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Wenn das Schlucken schwerfällt

Bis zu 2000 Mal schluckt jeder von uns am Tag – zumeist ganz automatisch. Bei Menschen mit Multipler Sklerose (MS) kann dieser zentrale Vorgang jedoch massiv gestört sein. Dann leidet nicht nur die Lebensqualität. Das zeitige Erkennen des Problems ist für die Prognose der Erkrankung enorm wichtig. Die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) informiert, wie dies gelingen kann und gibt Hinweise zum Umgang mit Dysphagien.
AutorKontaktWiebke Gaaz
Datum 25.01.2023  16:00 Uhr

Eine Schluckstörung ist »ein Symptom, das, wenn es auftritt, sehr ernstzunehmen ist«, sagt Professor Dr. Thomas Henze, Neurologe. Wie viele andere Symptome der Multiplen Sklerose (MS) entstehen Schluckstörungen überwiegend durch entzündliche Herde im Gehirn, vor allem im Hirnstamm. Schlucken ist ein hochkomplexer Vorgang, der von mehr als 25 Muskelpaaren in Hals und Rachen gesteuert und koordiniert wird. Die Erkrankung beeinträchtigt sowohl die Mund- und Rachenmotorik als auch die Sensibilität im Bereich der Stimmlippen.

»Schluckstörungen kündigen sich langsam an«, erklärt Henze. Es sei nicht ungewöhnlich, dass Patienten erste Anzeichen von Schluckproblemen lange Zeit nicht bemerken oder sie falsch deuten. Mit ein paar wenigen konkreten Fragen könnten Ärzte und pharmazeutische Fachkräfte in der Apotheke abschätzen, ob eine weitergehende Diagnostik angebracht ist.

Beispielsweise: Klingt Ihre Stimme nach dem Schlucken anders, oder macht sie gurgelnde Geräusche? Müssen Sie mehrmals schlucken zur Entleerung des Rachens? Sind die Bissen und Schlucke kleiner geworden? Müssen Sie sich nach dem Schlucken räuspern oder husten? Verschlucken Sie sich häufiger? Vermeiden Sie bestimmte (zu weiche, zu harte) Speisen, oder beißen Sie sich beim Kauen auf die Zunge oder in die Wange? Können solche Fragen bejaht werden, sollte eine weitere Abklärung beim Arzt erfolgen.

Es liegt auf der Hand, dass Essen und Trinken unter diesen Umständen kein wirklicher Genuss mehr sind; der Patient vermeidet gemeinsame Mahlzeiten und zieht sich sozial zurück. Auf Dauer kann eine nicht ausreichende Trinkmenge zu Austrocknung und eine zu geringe Nahrungsaufnahme zu Mangelernährung und Abmagerung führen. »Am gefährlichsten wird es jedoch, wenn Flüssigkeiten oder Nahrung aspiriert werden, also unbeabsichtigt nicht in die Speiseröhre, wo sie hingehören, sondern in die Luftröhre abgeschluckt werden. Daraus kann sich eine gefährliche Lungenentzündung entwickeln«, warnt der Neurologe. Es komme auch vor, dass die Aspiration aufgrund der Sensibilitätsstörungen nicht bemerkt wird («stumme Aspiration«). Dann könne sich eine potenziell tödliche Aspirationspneumonie entwickeln, die sich allenfalls in unklaren Fieberschüben äußert. »Das muss unbedingt vermieden werden«, mahnt der Arzt.

In der Allgemeinbevölkerung ist rund jeder Fünfte über 50 Jahre von Schluckstörungen betroffen, bei Menschen im Seniorenheim ist es jeder zweite. Auslöser können neben MS auch Schlaganfälle, Morbus Parkinson, Hirntumore, Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) und Alzheimer-Demenz sein.

Zwei Drittel unbehandelt

Bei MS sind Schluckstörungen zunächst ein eher seltenes Symptom: Circa 4 Prozent der im MS-Register der DMSG erfassten Personen leiden darunter. Die Daten des Registers zeigen auch, dass in etwa zwei Dritteln der Fälle das Symptom jedoch unbehandelt bleibt. Knapp ein Drittel der Betroffenen wird nicht-medikamentös therapiert, etwa mit einem funktionellen Schlucktraining. Dieses wird zu circa 90 Prozent von einem Logopäden mit Zusatzausbildung durchgeführt. Eine kleine Minderheit wird entweder rein medikamentös therapiert (1,6 Prozent), oder erhält eine Kombination aus medikamentöser und nicht-medikamentöser Therapie (0,7 Prozent). Schluckstörungen stellen im Laufe der Erkrankung ein immer größeres Problem dar. Sie gehen im höheren Alter und bei fortgeschrittener Erkrankung deutlich seltener zurück.

Die Behandlungsmöglichkeiten seien vielfältig, sagt Henze. Ziel einer Physiotherapie ist die Schluckrehabilitation. Sie beschäftigt sich damit, bestimmte Muskeln oder Muskelgruppen wie beispielsweise die Wangenmuskulatur zu trainieren und den Lippenschluss oder das Kauen zu üben. Die funktionelle Schlucktherapie umfasst außerdem vielfältige Bewegungsübungen, Stimulationen, Änderungen der Kopfhaltung und Verhaltensänderungen.

Verhaltenstipps und Hilfsmittel

Zu den Verhaltensmaßnahmen zählt laut Henze, dass der Patient beim Essen und Trinken aufrecht sitzt, der Rücken angelehnt ist (eventuell an ein Kissen) und die Arme angewinkelt auf dem Tisch liegen. Er sollte sich Zeit lassen, sich konzentrieren können und nicht abgelenkt werden. Es könne außerdem helfen, den Kopf leicht nach vorne zu beugen und das Kinn nach unten Richtung Brust zu senken («Chin-Tuck-Methode«). Spezielle Hilfsmittel sind Dysphagie-Tassen und -Löffel. Die Tassen sind so geformt, dass sie die Flüssigkeit in die Mitte des Mundes leiten und ausreichend Platz für die Nase lassen. Der Patient kann dadurch trinken, ohne den Kopf in den Nacken legen zu müssen. Die flexiblen Löffel (zum Beispiel Flexy®) werden im Mund von der Zunge an den Gaumen gedrückt und stülpen sich um. So wird der Nahrungsbrei seitlich in die Mundhöhle gedrückt und daraufhin der Schluckreflex ausgelöst.

Nahrung kann bei ausgeprägter Schluckstörung püriert, Flüssigkeiten können angedickt werden (zum Beispiel mit Thick & Easy®, ThickenUp®). Mithilfe von speziellen Silikonformen (zum Beispiel Pürform) ist es möglich, Püriertem die ursprüngliche Form annähernd wiederzugeben.

Wo möglich, sollten Speisen mit Zitronensaft angereichert werden, denn dieser regt die Speichelbildung an und löst den Schluckreflex aus. Auch die Temperatur spielt eine Rolle: so können kühle und sehr warme Speisen leichter geschluckt werden als lauwarme. Ein gehäufter Teelöffel (circa 5 ml) gilt als Volumen, das am leichtesten zu schlucken ist. Bei Patienten mit neurogener Dysphagie sollte zur Reduktion des Pneumonierisikos eine gute Mundgesundheit etabliert und eine konsequente Mundhygiene durchgeführt werden.

Gibt es Probleme beim Schlucken von Medikamenten, können PTA und Apotheker eine Schluckhilfe für Tabletten und Kapseln empfehlen (zum Beispiel MedCoat®). Der Überzug macht die Tablette nicht nur gleitfähiger, sondern überdeckt auch einen möglicherweise bitteren Geschmack des Wirkstoffs. Manche Wirkstoffe werden außerdem in einer flüssigen Darreichungsform angeboten. Ansonsten kann ermittelt werden, ob eine Tablette mörserbar ist, zum Beispiel auf pharmatrix.de. Dies ist außerdem relevant, wenn bei sehr ausgeprägter Schluckstörung eine Sonde durch die Bauchdecke in den Magen gelegt werden muss (PEG-Sonde). »Bei Menschen mit MS ist dies aber die absolute Ausnahme«, sagt der Neurologe.

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