| Isabel Weinert |
| 09.03.2026 12:00 Uhr |
Was Menschen regelmäßig essen, macht einen Teil der seelischen Verfassung aus. / © Adobe Stock/Yulia Furman
PTA-Forum: In Deutschland steigen die Diagnosen psychischer Erkrankungen verschiedener Art. Ist es denkbar, dass ein Teil der Erkrankungen auch mit der Ernährungsweise zu tun haben könnte?
Riedl: Ja, es ist wissenschaftlich plausibel, dass ein Teil der steigenden Diagnosen psychischer Erkrankungen in Deutschland mit der Ernährungsweise zusammenhängt. Ernährung gilt zwar nicht als alleinige Ursache psychischer Störungen, wird jedoch zunehmend als relevanter Einflussfaktor betrachtet. Studien zeigen, dass sich Ernährungsgewohnheiten in den letzten Jahrzehnten deutlich verändert haben, mit einem höheren Konsum stark verarbeiteter Lebensmittel und einer geringeren Aufnahme nährstoffreicher Kost. Zahlreiche Beobachtungsstudien und Übersichtsarbeiten finden Zusammenhänge zwischen einer unausgewogenen Ernährung und einem erhöhten Risiko für Depressionen, Angststörungen und psychischen Belastungen. Umgekehrt ist eine ausgewogene Ernährung häufig mit besserer psychischer Gesundheit assoziiert. Diese Zusammenhänge bleiben auch nach Berücksichtigung sozialer und demografischer Faktoren bestehen, wenngleich sie überwiegend korrelativ sind.
Zudem zeigen erste Interventionsstudien, dass eine Verbesserung der Ernährungsqualität depressive Symptome reduzieren kann. Insgesamt spricht die Studienlage dafür, dass Ernährung ein mitwirkender, veränderbarer Faktor für psychische Gesundheit ist. Die Zunahme psychischer Erkrankungen lässt sich zwar nur durch ein Zusammenspiel vieler Faktoren erklären, dennoch ist es plausibel, dass Ernährungsgewohnheiten einen Teil dieser Entwicklung beeinflussen.
PTA-Forum: Welche Form der Ernährung beeinflusst die Psyche negativ und über welche physiologischen Mechanismen funktioniert das?
Riedl: Bestimmte Ernährungsformen stehen in der Forschung klar mit einer schlechteren psychischen Gesundheit in Zusammenhang. Vor allem eine Ernährung mit vielen stark verarbeiteten Lebensmitteln wirkt sich negativ aus. Dazu gehören stark zucker- und fettreiche Produkte, Weißmehlprodukte, Fertiggerichte und stark gesüßte Getränke. Studien zeigen, dass Menschen, die solche Lebensmittel häufig konsumieren, häufiger unter Depressionen, Angstzuständen und allgemeiner psychischer Belastung leiden als Menschen mit einer ausgewogeneren Ernährung.
Ein wichtiger Erklärungsansatz ist der Darm. Die Ernährung beeinflusst die Zusammensetzung der Darmflora. Eine ballaststoffarme und stark verarbeitete Kost kann das Gleichgewicht der Darmbakterien stören. Dadurch werden Entzündungen begünstigt und die Kommunikation zwischen Darm und Gehirn verschlechtert. Diese Verbindung, die als Darm-Hirn-Achse bezeichnet wird, spielt eine wichtige Rolle für Stimmung, Stressverarbeitung und emotionale Stabilität.
Auch die Botenstoffe im Gehirn werden durch Ernährung beeinflusst. Für die Bildung von Serotonin und Dopamin braucht der Körper bestimmte Nährstoffe wie Aminosäuren, B-Vitamine, Eisen, Zink und Omega-3-Fettsäuren. Fehlen diese über längere Zeit, kann sich das negativ auf Stimmung, Antrieb und Konzentration auswirken. Zusätzlich führen stark zuckerhaltige Mahlzeiten zu schnellen Schwankungen des Blutzuckerspiegels, was Müdigkeit, Reizbarkeit und innere Unruhe begünstigen kann.
Ein weiterer Faktor sind Entzündungsprozesse. Eine ungesunde Ernährung fördert dauerhafte, leichte Entzündungen im Körper. Solche Entzündungen werden in vielen Studien mit depressiven Symptomen in Verbindung gebracht. Auch sehr große und schwere Mahlzeiten können das Wohlbefinden beeinträchtigen, da sie den Stoffwechsel belasten und zu einem Gefühl von Trägheit und Erschöpfung führen. Stärkere Blutzuckerschwankungen können sich ebenfalls negativ auswirken.
PTA-Forum: Welche Rolle mittelbar und unmittelbar spielt Adipositas in diesem Zusammenhang?
Riedl: Adipositas spielt in diesem Zusammenhang sowohl eine unmittelbare als auch eine mittelbare Rolle. Direkt zeigt die Forschung, dass starkes Übergewicht mit einem erhöhten Risiko für psychische Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen und eine verminderte Lebensqualität verbunden ist. Dieser Zusammenhang wird in großen Bevölkerungsstudien immer wieder beobachtet. Dabei verstärken sich Adipositas und psychische Belastungen häufig gegenseitig.
Unmittelbar wirkt Adipositas über biologische Mechanismen. Fettgewebe ist hormonell aktiv und fördert bei starkem Übergewicht chronische Entzündungsprozesse im Körper. Diese Entzündungen stehen in engem Zusammenhang mit depressiven Symptomen und Veränderungen in der Stressregulation. Zudem beeinflusst Adipositas den Hormonhaushalt und den Stoffwechsel, was sich auf Energielevel, Schlaf und Stimmung auswirken kann. Auch Insulinresistenz und starke Blutzuckerschwankungen werden mit Konzentrationsproblemen, Erschöpfung und Stimmungstiefs in Verbindung gebracht.
Mittelbar wirkt Adipositas über psychosoziale Faktoren. Menschen mit starkem Übergewicht sind häufiger von Stigmatisierung, sozialer Ausgrenzung und Diskriminierung betroffen. Diese Erfahrungen können das Selbstwertgefühl beeinträchtigen, chronischen Stress fördern und das Risiko für Depressionen und Angststörungen erhöhen. Zusätzlich können körperliche Einschränkungen, Schmerzen und reduzierte Leistungsfähigkeit zu sozialem Rückzug und geringerer Lebenszufriedenheit beitragen.
Adipositas ist zudem eng mit Ernährungsgewohnheiten verbunden, die selbst einen Einfluss auf die Psyche haben. Eine langfristig ungünstige Ernährung kann sowohl zur Gewichtszunahme als auch zu psychischer Belastung beitragen, wodurch Adipositas häufig Teil eines komplexen Wechselwirkungsprozesses ist und nicht als isolierter Faktor betrachtet werden sollte.
PTA-Forum: Wie sieht eine Ernährung aus, mit der man die »Seele gesund essen« kann? Und in welchem Maße ist das möglich?
Riedl: Eine Ernährung, die die psychische Gesundheit unterstützt, ist ausgewogen, nährstoffreich und weitgehend unverarbeitet. Studien zeigen, dass eine Kost mit viel Obst, Gemüse, Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten, Nüssen, Samen, fettarmen Milchprodukten, Fisch und hochwertigen Pflanzenölen wie Olivenöl positive Effekte auf Stimmung und Stressresistenz haben kann.
Solche Ernährungsformen enthalten viele Ballaststoffe, Vitamine, Mineralstoffe, Omega-3-Fettsäuren und sekundäre Pflanzenstoffe, die für die Funktion des Nervensystems, die Bildung von Neurotransmittern und die Regulierung von Entzündungsprozessen wichtig sind.
Epidemiologische Untersuchungen weisen darauf hin, dass Menschen, die sich überwiegend mediterran oder insgesamt ausgewogen ernähren, seltener unter Depressionen und Angststörungen leiden. Auch Interventionsstudien zeigen, dass eine Umstellung auf eine nährstoffreiche, entzündungsarme Ernährung depressive Symptome reduzieren kann. Die Effekte sind jedoch individuell unterschiedlich und hängen von genetischen, psychosozialen und Umweltfaktoren ab. Ernährung allein kann psychische Erkrankungen nicht verhindern oder heilen, sie kann aber die Resilienz stärken, Symptome abschwächen und den Behandlungserfolg von Therapie und Medikamenten unterstützen.
Wichtig ist eine langfristige, konsequente Ernährungsweise. Kurzfristige Umstellungen zeigen meist nur geringe Effekte. Wer regelmäßig frische, nährstoffreiche Lebensmittel bevorzugt und stark verarbeitete, zuckerreiche Kost meidet, unterstützt nachweislich das Gehirn, das Mikrobiom und die hormonellen sowie entzündlichen Prozesse, die für die psychische Gesundheit entscheidend sind.
PTA-Forum: Gibt es einzelne Lebensmittel, die nachweislich für bessere Stimmung sorgen oder ist es eher das Gesamtpaket an Ernährung?
Riedl: Es gibt keine einzelnen Lebensmittel, die allein zuverlässig die Stimmung verbessern. Studien zeigen, dass einzelne Nährstoffe wie Omega-3-Fettsäuren, Vitamin B12, Folat, Zink oder Magnesium eine Rolle für die Funktion des Nervensystems und die Bildung von Neurotransmittern spielen, die für Stimmung und Antrieb wichtig sind. Auch Lebensmittel wie fetter Fisch, Nüsse, Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte, Obst und Gemüse liefern solche Nährstoffe.
Der wissenschaftliche Konsens geht jedoch davon aus, dass vor allem die Gesamtqualität der Ernährung entscheidend ist. Eine ausgewogene, nährstoffreiche Kost wirkt über mehrere Mechanismen gleichzeitig, darunter die Versorgung mit essenziellen Nährstoffen, die Förderung eines gesunden Darmmikrobioms, die Reduktion von Entzündungen und die Stabilisierung des Blutzuckerspiegels. Epidemiologische Studien und Interventionsstudien zeigen, dass Menschen, die regelmäßig eine solche ausgewogene Ernährung einhalten, seltener depressive Symptome entwickeln und eine stabilere Stimmung haben
PTA-Forum: Warum fühlen sich viele Menschen in dem Moment, indem sie ungesund essen, seelisch so wunderbar und wie kann man dieses ungesunde Verhalten ersetzen?
Riedl: Viele Menschen empfinden beim Essen von stark verarbeiteten, zucker- oder fettreichen Lebensmitteln wie Schokolade oder Chips kurzfristig ein starkes Wohlbefinden. Studien zeigen, dass dies vor allem durch die Wirkung auf das Belohnungssystem im Gehirn passiert. Zucker und Fett aktivieren die Ausschüttung von Dopamin, einem Botenstoff, der Freude, Motivation und Belohnung signalisiert. Gleichzeitig werden kurzfristig Stresshormone wie Cortisol gesenkt, und die Ausschüttung von Serotonin steigt leicht an, was zu einer schnellen Stimmungsaufhellung führt.
Auch die sensorische Erfahrung von Geschmack, Geruch und Textur trägt zum positiven Gefühl bei. Dieses Verhalten kann langfristig problematisch werden, weil es zu Gewohnheiten führt, die psychische Gesundheit und Stoffwechsel belasten. Um es zu ersetzen, empfehlen Psychologen und Ernährungswissenschaftler, alternative Strategien zu nutzen. Dazu gehören achtsames Essen, bei dem man langsam und bewusst isst und sich auf Geschmack und Sättigung konzentriert, sowie der gezielte Einsatz von gesunden Snacks, die ebenfalls Nährstoffe für das Nervensystem liefern, wie Nüsse, Obst, Gemüse oder dunkle Schokolade in kleinen Mengen. Weitere Ansätze sind regelmäßige Mahlzeiten, ausreichend Schlaf und Bewegung, da sie das Belohnungssystem stabilisieren und das Verlangen nach kurzfristigem Trostessen verringern.
Langfristig zeigt die Forschung, dass ein schrittweiser Ersatz ungesunder Snacks durch nährstoffreiche Alternativen das Belohnungssystem neu trainiert, ohne dass das Wohlgefühl vollständig verloren geht. So kann das kurzfristige Hochgefühl durch gesunde Ernährung und Lebensstil nachhaltig unterstützt werden.
PTA-Forum: Welche Rolle spielt in gewissem Umfang Selbstdisziplin und warum kann auch sie dazu beitragen, sich seelisch gut zu fühlen?
Riedl: Selbstdisziplin spielt eine wichtige Rolle für die psychische Gesundheit, weil sie es ermöglicht, langfristig gesunde Entscheidungen zu treffen und kurzfristige Versuchungen bewusst zu steuern. Studien zeigen, dass Menschen mit höherer Selbstkontrolle seltener zu stark verarbeiteten, zucker- oder fettreichen Lebensmitteln greifen und häufiger ausgewogene, nährstoffreiche Mahlzeiten wählen.
Gleichzeitig kann Selbstdisziplin das seelische Wohlbefinden direkt verbessern. Wer regelmäßig gesunde Routinen umsetzt, erlebt ein stärkeres Gefühl von Struktur und Sicherheit im Alltag. Dieses Gefühl, den eigenen Lebensstil aktiv gestalten zu können, senkt das Stressniveau und stärkt das Selbstwertgefühl. Langfristig fördert es ein stabileres emotionales Gleichgewicht, weil gesunde Gewohnheiten körperliche Prozesse verbessern und gleichzeitig die mentale Resilienz unterstützen.
Selbstdisziplin ist aber kein starres Verhalten, sondern ein trainierbarer Prozess. Wer Schritt für Schritt gesunde Routinen etabliert und kleine Belohnungen bewusst einplant, kann körperlich und seelisch profitieren, ohne dass dies zu Druck oder negativen Essmustern führt.
PTA-Forum: Vielen Dank für das Gespräch.