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Neurodiversität & Neurodivergenz
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Wie unterschiedlich Gehirne ticken

Über Neurodiversität wird derzeit viel berichtet, besonders in den sozialen Medien. Der Begriff beschreibt die natürliche Vielfalt neurologischer Ausprägungen und macht deutlich, dass kein menschliches Gehirn dem anderen gleicht.
AutorKontaktCaroline Wendt
Datum 09.01.2026  16:00 Uhr

Die Neurodiversitätsbewegung entstand in den späten 1990er-Jahren. Geprägt wurde der Begriff von der australischen Soziologin Judy Singer, während der US-amerikanische Journalist Harvey Blume ihn in der Öffentlichkeit bekannt machte. Ihr gemeinsames Anliegen war es, neurologische Unterschiede nicht als Defekte oder Störungen zu verstehen, sondern als Teil der natürlichen menschlichen Vielfalt – ähnlich wie Haut- oder Haarfarbe. Menschen, die neurologisch anders funktionieren, sollten nicht primär als krank wahrgenommen werden, sondern als gleichwertiger Teil der Gesellschaft.

Während die Neurodiversität die Vielfalt aller neurologischen Ausprägungen beschreibt, beschränkt sich Neurodivergenz auf die Personen, deren Gehirnfunktionen von der gesellschaftlich definierten Norm abweichen und somit nicht als »neurotypisch« gelten. Sie unterscheiden sich in ihrem (sozialen) Verhalten, ihrer Entwicklung, ihren Fähigkeiten, Bedürfnissen, Emotionen, ihrem Denken oder ihrer Wahrnehmung. Dabei bringen sie oft besondere Stärken und Talente mit. Die Gruppe der Menschen mit neurodivergenten Ausprägungen ist selbst sehr vielfältig.

Zu den häufigsten neurodivergenten Ausprägungen zählen:

  • Autismus-Spektrum-Störung (ASS)
  • Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS)
  • Tourette-Syndrom
  • Dyskalkulie (Rechenschwäche)
  • Dyslexie (Lese-Rechtschreib-Störung)

Je nach Definition werden auch Hochbegabung und Hochsensibilität dazugezählt – Merkmale, die keine Störungen darstellen, sondern Persönlichkeitsvarianten.

Schätzungsweise können 15 bis 20  Prozent der Bevölkerung als neurodivergent betrachtet werden – belastbare Zahlen für Deutschland liegen bislang nicht vor. Dieser Wert ergibt sich aus der Zusammenführung internationaler Prävalenzdaten verschiedener neurodivergenter Ausprägungen wie ASS, ADHS oder Dyslexie, wobei Überschneidungen zwischen den Diagnosen nicht ausgeschlossen sind. Trotz der Unsicherheit macht die Zahl deutlich, wie wichtig das Thema Inklusion neurodivergenter Menschen ist.

Medizinisch wird der Begriff Neurodivergenz kontrovers diskutiert, da er von manchen als Verharmlosung wahrgenommen werden kann. Kritiker weisen darauf hin, dass die Neurodivergenzbewegung häufig von Menschen mit geringfügigen Einschränkungen geprägt werde. Das Leid und die Bedürfnisse von Personen mit hohem Unterstützungsbedarf dürfe nicht in den Hintergrund geraten. Es ist wichtig, neurodivergente Menschen als wertvollen Teil der Gesellschaft zu sehen – gleichzeitig darf dies nicht dazu führen, dass Menschen mit erheblichem Leidensdruck durch den Verzicht auf eine Diagnose oder die Anerkennung als Störung den Zugang zu wichtigen Hilfen und Therapien verlieren.

Eine gesicherte Diagnose kann psychische Entlastung bringen. Viele Betroffene haben lange Jahre mit dem Gefühl verbracht, »falsch« zu sein, weil sie nicht den gesellschaftlichen Normen entsprechen. Diese Erfahrung kann zusätzliche Belastungen wie Ängste, Depressionen oder Zwangsstörungen hervorrufen. Komorbiditäten – also das gleichzeitige Vorliegen weiterer psychischer oder neurologischer Erkrankungen – sind bei neurodivergenten Menschen häufig und verstärken die Herausforderungen.

Ob mit oder ohne Diagnose: Neurodivergente Menschen stoßen im Alltag immer wieder auf Hürden, Vorurteile und Grenzen. Menschen aus dem Autismus-Spektrum haben beispielsweise häufig Schwierigkeiten, in einem Großraumbüro zu arbeiten, während Personen mit ADHS bei monotonen Tätigkeiten an ihre Grenzen stoßen. Genau hier liegt die Stärke des Konzepts der Neurodivergenz: Es soll aufklären und zu mehr gesellschaftlicher Akzeptanz beitragen. Betroffene müssen sich nicht ständig maskieren, also ihre Eigenheiten verbergen, um gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen – ein Vorgang, der enorm viel Energie kostet.

Gehirne so einzigartig wie Schneeflocken

Wer sich die täglichen Herausforderungen neurodivergenter Menschen anschaut, merkt schnell: Kein Gehirn funktioniert wie das andere. Genau das untersucht die Neurodiversitätsforschung – und immer mit Blick auf die Betroffenen, erklärt Professor Dr. André Zimpel, Leiter des Zentrums für Neurodiversitätsforschung an der Universität Hamburg. »Neurodiversität bezeichnet die Vielfalt menschlicher Nervensysteme, unter denen es wie bei Schneeflocken niemals zwei sich völlig gleichende Exemplare gibt«, heißt es auf der Website seines Instituts.

Jedes Gehirn ist also einzigartig. Kein Wunder, erklärt Zimpel in einer Online-Vorlesung: Das menschliche Gehirn besteht aus etwa 86 Milliarden Nervenzellen, jede davon mit 1.000 bis 10.000 Verbindungen zu anderen Neuronen. Zimpel veranschaulicht die Zahl bildhaft: Allein in einem Kubikmillimeter Gehirn befinden sich so viele Synapsen, wie Sterne in der Milchstraße. »Es gibt keine zwei Personen, deren Gehirne sich gleichen – und genau das ist die Grundlage für Neurodiversität«, betont der Psychologe und Erziehungswissenschaftler.

»Intelligenz zeigt sich auf verschiedene Weise«
Professor Dr. André Zimpel, Leiter des Zentrums für Neurodiversitätsforschung an der Universität Hamburg

Unterschiedliches Denken

In der Schulzeit werde Mathematik oft als Intelligenztest missbraucht, ohne dass berücksichtigt werde, dass Menschen auf unterschiedliche Weise denken, erklärt Zimpel. Das Schulsystem und die gesellschaftlichen Erwartungen seien stark auf sprachliches Denken ausgerichtet. Während Sprachdenker über innere Selbstgespräche zu einem Ergebnis kommen, denken viele Menschen eher in Bildern oder Mustern – bei Lese-Rechtschreibschwäche (LRS), Menschen aus dem Autismus-Spektrum, mit ADHS oder Hochbegabung sei dieser Anteil besonders groß. »Das sollte uns zu denken geben«, so der Psychologe. In der Diversität dürfe man keine Lern- oder geistige Behinderung sehen, sondern Menschen, die einen anderen Zugang zur Welt haben.

»Intelligenz zeigt sich auf verschiedene Weise«, betont Zimpel, und es brauche viele unterschiedliche Lernwege. Entscheidend ist jedoch eine korrekte Selbsteinschätzung. »Wenn ich weiß, dass ich Sprach-, Bild- oder Musterdenker bin – und das ist nur ein kleiner Ausschnitt aus der Neurodiversität –, dann ist mein Bildungserfolg viel wahrscheinlicher«, betont Zimpel.

Seine Argumentation untermauert er mit Ergebnissen aus der Bildungsforschung: Die Hattie-Studie gibt einen Überblick über Hunderte Meta-Analysen mit insgesamt mehreren Hundert Millionen Lernenden. Darauf aufbauend betont Zimpel, dass für den Bildungserfolg eine korrekte Selbsteinschätzung entscheidend ist – die reine Intelligenz steht dabei erst an zweiter Stelle.

Aufmerksamkeitssysteme

Ein zentrales Merkmal der Neurodiversität ist die Aufmerksamkeit. Diese wird im Gehirn durch verschiedene Systeme gesteuert, so Zimpel.

  • Das erste System ist das aufsteigende retikuläre Aktivierungssystem in der Formatio reticularis. Es wird durch plötzliche, überraschende Reize aktiviert, etwa durch einen Knall oder eine unerwartete Bewegung. »Nur wenn dieses Aufwachsystem eine mittlere Erregung hat, können wir unsere Maximalleistung abrufen«, erklärte Zimpel. Es macht uns wach und sorgt dafür, dass wir konzentriert bleiben. Menschen mit ADHS benötigen in der Regel etwas stärkere Reize, um leistungsfähig zu sein. »Sie zappeln nicht, weil sie nervös sind, sondern weil sie müde werden«, so der Psychologe. Ihr Aufmerksamkeitssystem ist auf Reizsuche ausgelegt.

    Bei Menschen aus dem Autismus-Spektrum ist es hingegen oft genau umgekehrt. Sie benötigen ein Stimming-Verhalten (self stimulatory behavior, selbststimulierendes Verhalten) – also sich wiederholende und häufig rhythmische Bewegungen oder Geräusche –, um sich bei Reizüberflutung zu beruhigen. »Sie können ihre Maximalleistung eher bei innerer Entspannung abrufen«, so Zimpel.

  • Das zweite System ist das orientierende Aufmerksamkeitssystem, das im Bereich der Schläfen, des Hinterkopfs und des Hippocampus liegt. Hier werden Reizen Bedeutungen zugeordnet. »Neurotypische Menschen erfassen in 250 Millisekunden etwa vier Reize«, so Zimpel. Alles andere wird weitgehend ausgeblendet. Dabei spielt es keine Rolle, ob Mann oder Frau: Multitasking ist in jedem Fall schwierig, erklärt Zimpel.

    Patienten aus dem ASS nehmen oft deutlich mehr Reize wahr – laut Zimpel sind es häufig sechs bis sieben. »Das macht schon einen riesigen Unterschied«, informiert der Experte. So hören sie zum Beispiel Nebengeräusche wie das Summen einer Neonröhre oder das Kratzen eines Stiftes auf Papier. Dieser erweiterte Aufmerksamkeitsumfang kann leicht zu einer Reizüberflutung führen.

    Zudem bündelt das menschliche Gehirn Informationen in sogenannte Chunks – also Einheiten. Beim Lesen werden so aus Buchstaben Wörter, die wiederum Teilsätze ergeben. Für Menschen mit ASS kann Abstraktion durch die Fülle an Details oft schwierig sein. Viele Autisten lernen erst spät sprechen, da ein Wort für sie nie exakt gleich klingt. Sie nehmen zu viele Einzelheiten wahr, erkennen dadurch schwer Gleichheiten und benötigen länger, um Muster zu erkennen. »Diese Kinder fangen manchmal erst im Alter von sechs oder sieben Jahren an, sehr altkluge Sätze zu formulieren, obwohl sie vorher kein Wort gesprochen haben«, berichtet Zimpel. Wichtig sei: Diese Menschen sind nicht intellektuell zurückgeblieben, sondern haben eine Aufmerksamkeitsbesonderheit. Wenn man diese berücksichtigt, seien große Erfolge möglich. So können viele Patienten im ASS Details und Fehler erkennen, die neurotypischen Menschen entgehen.

  • Das dritte System ist das exekutive Aufmerksamkeitssystem, das für die bewusste Steuerung von Aufmerksamkeit zuständig ist und im präfrontalen Cortex verortet wird. Menschen mit ADHS haben in diesem Bereich häufig Schwierigkeiten, etwa beim Unterdrücken von Ablenkungen oder beim Aufrechterhalten der Konzentration bei monotonen Aufgaben.

Vielfalt als Ressource

Neurodivergente Menschen bringen häufig besondere Stärken mit, die – richtig erkannt und gefördert – sowohl für sie selbst als auch für die Gesellschaft eine Bereicherung darstellen können. So zeichnen sich Menschen aus dem Autismus-Spektrum oft durch Detailgenauigkeit und analytisches Denken aus. ADHS-Betroffene profitieren häufig von Flexibilität und schnellem Umdenken. Bei Dyslexie sind visuelles Denken und Kreativität oft besonders ausgeprägt, bei Dyskalkulie treten häufig sprachliche oder kreative Begabungen hervor. Auch beim Tourette-Syndrom lassen sich besondere Ressourcen wie schnelle Reaktionsfähigkeit beobachten, während hochsensible Menschen ein feines Gespür für Details und Empathie mitbringen.

Stress im Beratungsgespräch

Inklusion bedeutet nicht, dass alle Menschen allen Situationen gewachsen sein müssen. Wo möglich, sollten Brücken gebaut werden, um den Alltag zu erleichtern.

Ein Apothekenbesuch kann für neurodivergente Patienten stressig sein:

  • Tourette: Die individuellen Tics können sich verstärken.
  • ADHS: Betroffene flüchten sich oft in Aktivität, um mit der Situation zurechtzukommen.
  • Autismus: Überfordernde Reize können einen Rückzug (Shutdown) oder eine starke Überreaktion (Meltdown) auslösen.

Apothekenmitarbeitende sollten ruhig bleiben und auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Patienten eingehen:

  • Sensorische Reize wie grelles Licht, laute Geräusche oder starke Gerüche können den Stress bei Autisten oder hochsensiblen Menschen zusätzlich erhöhen. Hilfreich ist daher eine ruhige Umgebung, zum Beispiel das Gespräch im Beratungszimmer fortzuführen – ruhig und reizreduziert. Außerdem sollten PTA darauf achten, nicht mehr als eine Frage gleichzeitig zu stellen und bei Patienten aus dem Autismus-Spektrum klare Strukturen erkennbar zu machen (»Ich gehe jetzt Ihr Medikament holen«).
  • Um ADHS-Patienten den Apothekenbesuch zu erleichtern, sind kurze Wartezeiten, eine klare Struktur und prägnante Informationen hilfreich.
  • Für Patienten mit Dyskalkulie oder Dyslexie können komplizierte Dosierangaben sehr stressbelastend sein. Hier können visuelle Hilfen eine hilfreiche Unterstützung bieten.

Probleme sollten erkannt, aber die Betroffenen nicht stigmatisiert werden. Empathie und Geduld sind entscheidend – schon kleine Anpassungen können einen großen Unterschied machen.

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