| Verena Schmidt |
| 29.01.2026 11:00 Uhr |
»Da finde ich mich wieder«: Junge Erwachsene kommen heute in den sozialen Medien mit verschiedenen psychischen Diagnosen in Kontakt – und suchen dann selbst Psychologen auf, um sich ihre Selbstdiagnose bestätigen zu lassen. / © Getty Images/Finn Hafemann
Viele junge Erwachsene nutzen heute ganz selbstverständlich die sozialen Medien als Quelle für Informationen zu psychischer Gesundheit und begegnen dabei verschiedenen Diagnosebegriffen. Das Wissen rund um Mental Health kann vielfach ein Anstoß sein, sich selbst Hilfe zu holen. Für einige Nutzer würden psychische Labels jedoch Teil der eigenen Identität und ihrer Darstellung gegenüber dem Umfeld, schreiben Forschende der Karl Landsteiner Privatuniversität in Krems (KL Krems) in Österreich in einer Pressemitteilung.
Die Forschenden wollten klären, wie Experten diesen Trend sehen. In Zusammenarbeit mit der Medizinischen Universität Wien und dem Universitätsklinikum Tulln haben sie daher insgesamt 93 in Österreich zugelassene Klinische Psychologinnen und Psychologen befragt. Nach deren Einschätzung kommen Selbst- und Wunschdiagnosen heute »häufiger« oder »viel häufiger« vor als früher.
»Viele junge Erwachsene kommen heute nicht mehr mit einer offenen Frage wie: ›Was ist los mit mir?‹«, erklärt Dr. Gloria Mittmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Forschungszentrum Transitionspsychiatrie an der KL Krems, in einer Pressemitteilung der Universität. »Sie kommen mit einer sehr konkreten Diagnosevorstellung, die sie für sich bereits gewählt haben – oft ADHS oder Autismus – und mit dem starken Wunsch, diese Identität beziehungsweise dieses Label bestätigt zu bekommen.«
Die Gründe dafür sind ihr zufolge oft nachvollziehbar: Eine formale Diagnose könne Belastungen im Alltag weniger wie persönliches Versagen erscheinen lassen, sondern als etwas, das benenn- und erklärbar ist. Die vermutete Diagnose abklären zu lassen, sei daher sehr bedeutsam für die Betroffenen. »Wenn eine Diagnose zentral für das Selbstbild geworden ist, kann jede Abweichung zwischen Erwartung und klinischer Einschätzung als zutiefst bedrohlich erlebt werden«, erklärt sie.
Die häufigsten Selbst- und Wunschdiagnosen sind der Auswertung zufolge klar Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) und Autismus-Spektrum-Störungen (ASS). Als typische Patientengruppe beschreiben die befragten Psychologen vor allem junge Frauen mit höherer Bildung und intensiver Nutzung sozialer Medien. Die Betroffenen erhofften sich von einer Diagnose häufig eine Entlastung von Schuld- oder Verantwortungsgefühlen und glaubten, langjährige Schwierigkeiten dann besser einordnen zu können. Auch die Aussicht, zu einer bestimmten Identitätsgruppe zu gehören, sei für viele wichtig. Der Zugang zu einer Therapie oder zu Arzneimitteln wurden dagegen deutlich seltener als Motivation genannt.
Viele der befragten Psychologen schilderten den Studienautoren zufolge, dass Patienten »umfangreiches Halbwissen« aus Social Media, Online-Selbsttests oder Gesprächen im Umfeld mitbrächten. Die Vorstellung diagnostischer Kriterien sei häufig verengt oder verzerrt, Alltagsphänomene würden rasch pathologisiert. In Fragebögen und Gesprächen würden viele dieser Patienten »diagnosegeleitet« antworten, das heißt, sie würden Symptome, die zum gewünschten Label passen, besonders hervorheben. Für alternative Erklärungen fehle es meist an Offenheit.
Werde die erwartete Diagnose nicht bestätigt, reagierten Patienten häufig enttäuscht und traurig. Auch berichteten die befragten Psychologen von Ärger, Kritik und einer Art »Diagnose-Shopping« – dem Aufsuchen weiterer Fachleute, um die gewünschte Diagnose doch noch zu bestätigen. »Fachpersonen sollten sehr transparent erklären, wie eine Schlussfolgerung erfolgte – und zugleich anerkennen, dass die gewünschte Diagnose für manche zu einem Teil ihrer Identitätsgeschichte geworden ist«, schlussfolgert Mittmann.