| Verena Schmidt |
| 23.09.2026 08:00 Uhr |
Fluorid ist wichtig für einen konsequenten Schutz vor Karies. Doch rund um das Spurenelement sind viele Falschinformationen im Umlauf, die Verbraucher immer wieder verunsichern. / © Getty Images/Daniel Day
Fluorid würde die äußere Schutzschicht der Zähne angreifen und sie porös machen, heißt es auf manchen Kanälen in den sozialen Netzwerken. Das ist falsch: Fluorid gehört zu den am besten untersuchten Substanzen in der Zahnmedizin, die Wirksamkeit bei der Kariesprophylaxe ist schon lange gut belegt. Laut Bundeszahnärztekammer gehört es neben dem täglichen Zähneputzen unverzichtbar zu einer modernen Kariesprophylaxe. Fluorid fördert die Remineralisierung des Zahnschmelzes, macht ihn widerstandsfähiger gegenüber Säuren und hemmt den Stoffwechsel kariesverursachender Bakterien.
In Beiträgen wird oft behauptet, Fluorid sei extrem toxisch, könne Organe zerstören oder werde offiziell als Ratten- oder Umweltgift eingestuft. Im Rahmen einer 2024 im Fachjournal »BMC Oral Health« veröffentlichten Studie etwa hatten iranische Wissenschaftler Beiträge zu Fluorid auf der Plattform Instagram ausgewertet. Demnach berichten einige Nutzer über die angeblicheToxizität von Fluorid im menschlichen Körper, unter anderem mit Aussagen wie »Die Verwendung von Fluorid ist sogar gefährlicher als die von Uran«, »Fluorid ist in Kakerlakengift enthalten« und »Fluorid wurde vor 150 bis 200 Jahren zur Bekämpfung von Mäusen eingesetzt«.
Hintergrund ist wohl eine Verwechslung mit dem gasförmigen, hochgradig giftigen Element Fluor. Bei Fluorid handelt es sich dagegen um das Salzanion, das in gebundener Form vorliegt. Hier gilt: Die Dosis macht das Gift. Um eine akute Vergiftung mit Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen und Durchfall zu erleiden, müsste ein Erwachsener mehrere Tuben Zahnpasta auf einmal herunterschlucken. In den üblichen Mengen in Zahnpasta oder fluoridiertem Speisesalz ist Fluorid sicher.
Hier hat eine Uneinigkeit unter Ärzten tatsächlich lange für Verwirrung gesorgt: Zwar war immer unstrittig, dass Kinder im ersten Lebensjahr gezielt Fluorid bekommen sollen. Uneinig waren sich die Mediziner aber darin, in welcher Form das Spurenelement verabreicht werden sollte. Kinderärzte empfahlen früher Tabletten plus Putzen mit fluoridfreier Zahnpasta, wenn der erste Zahn da ist. Zahnärzte sprachen sich hingegen für das Zähneputzen mit fluoridierter Zahncreme aus. Denn entscheidend für den Kariesschutz ist die Wirkung an der Zahnoberfläche, so ihr Argument. Viele Eltern waren verunsichert – manche setzten gar kein Fluorid ein oder machten vorsorglich beides.
Seit rund fünf Jahren gibt es nun eine gemeinsame einheitliche Empfehlung von Kinder- und Zahnärzten und Ernährungswissenschaftlern für Kinder von null bis sechs Jahren: Säuglinge sollen von Geburt an bis zum Durchbruch des ersten Milchzahns täglich 400 bis 500 I.E. Vitamin D und 0,25 mg Fluorid in Tablettenform erhalten. Ist der erste Zahn da, geben die Eltern entweder weiter das Supplement und putzen die Zähne mit einer fluoridfreien Zahnpasta oder ganz ohne Zahncreme. Oder sie geben täglich eine Tablette mit 400 bis 500 I.E. Vitamin D und putzen bis zu zweimal täglich mit einer reiskorngroßen Menge (0,125 g) Zahncreme mit 1000 ppm Fluorid. Ab dem Alter von zwölf Monaten bis unter 24 Monaten sollen die Eltern mit dem Kind dessen Zähne zweimal täglich mit jeweils bis zu 0,125 g (reiskorngroße Menge) Zahnpasta mit 1000 ppm Fluorid putzen. Fluoridhaltige Zahnpasta und Fluoridtabletten sollen nicht in Kombination verwendet werden, das wäre zu viel.
Eine dauerhaft überhöhte Aufnahme von Fluorid kann während der Zahnentwicklung bei Kindern zu Dentalfluorosen führen. Auf den Zähnen erscheinen dann weißliche bis gelblich-braune Verfärbungen. Bei einer über viele Jahre andauernden sehr hohen Fluoridzufuhr steigt die Gefahr einer Skelettfluorose, die zu erhöhter Knochenbrüchigkeit und Gelenkveränderungen führen kann.