PTA-Forum online Avoxa
instagram facebook

Stiftung Warentest
-
»High Protein«-Produkte mehr Schein als Sein

Proteine sind gerade die Stars unter den Makronährstoffen. Doch längst nicht alles, was mit »High Protein« gekennzeichnet ist, ist auch gesund. Der neueste Ratgeber der Stiftung Warentest fasst zusammen, welche und wie viele Aminosäuren und Proteine wirklich wichtig sind, um im Alter oder bei der Gewichtsabnahme zu profitieren.
AutorKontaktElke Wolf
Datum 23.01.2026  12:00 Uhr

Shakes, Pulver und Riegel mit einer Extradosis Protein sind längst nicht mehr nur in Fitnessstudios und in der Bodybuilder-Szene zu finden. Kollagendrinks für den jugendlichen Glow der Haut oder Kreatin-Tabs für starke Muskeln stehen mittlerweile in jedem Supermarktregal oder sind über diverse Onlineshops zu beziehen. Lebensmittel wie Skyr, Nudeln aus Hülsenfrüchten wie Linsen oder Kichererbsen sowie Produkte aus Insekten und Algen gab es vor ein paar Jahren noch gar nicht. Und – was fast schon grotesk anmutet - ein mit Käse belegter Burger kommt heutzutage kaum ohne das Label »proteinreich« aus.

Lebensmittelhersteller dürfen ein Produkt nur dann mit dem Hinweis »Proteinquelle« ausloben, wenn mindestens 12 Prozent des Energiegehalts des Lebensmittels aus Proteinen stammen. »High Protein« oder »reich an Protein« sind Lebensmittel dann, wenn mindestens 20 Prozent des Energiegehalts aus Proteinen bestehen. »Protein«-Käse oder »Protein«-Fisch wecken aber die Erwartung, dass diese Produkte mehr Eiweiß als ein vergleichbarer gewöhnlicher Käse beziehungsweise Fisch enthalten. Das ist ziemlich irreführend, weil die meisten Käsesorten ohnehin eiweißreich sind. Die Hersteller verweisen oftmals auf die Fußnote »von Natur aus«, um die Werbung mit Selbstverständlichkeiten zu umgehen.

»Der Protein-Hype führt oft zu falschen Informationen und überzogenen Erwartungen«, schreibt die Ernährungswissenschaftlerin Dr. Angela Bechthold im Ratgeber (siehe Buchtipp) über das falsch positive Gesund-Image. Hinter dem guten Ruf, den Proteine genießen, stecke nicht allzu selten wenig belegte Wirkung. Sie erklärt dagegen in gut verständlicher und übersichtlicher Art und Weise, was bei der Ernährung tatsächlich wichtig ist, um mehr Vitalität, Muskelerhalt im Alter oder eine Gewichtsabnahme zu erzielen.

Ohne Frage ist der Organismus auf die regelmäßige und ausreichende Versorgung mit Proteinen angewiesen, weil er sie nicht speichern kann. Aber kein biologischer Prozess kommt ohne sie aus. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt für Frauen und Männer zwischen 25 und 65 Jahren eine tägliche Proteinzufuhr von 0,8 g/kg Körpergewicht. Das ist zwar nicht wenig. Allerdings gibt es in der Ernährungsmedizin keine One-fits-all-Regeln.

Elementar, aber …

Viele – etwa Schwangere, Sporttreibende, Frauen im Klimakterium und ältere Erwachsene – brauchen deutlich mehr, meint Bechthold. Die DGE-Angaben gelten unter vielen Medizinern und Ernährungsexperten heute als zu knapp bemessen. So werden häufig 1 – 1,5 g/kg empfohlen. Laut DGE fehlen noch Studien dazu, ob ein langfristig hoher Eiweißverzehr das Risiko einer Niereninsuffizienz begünstigt. Eine Proteinzufuhr in doppelter Höhe des Referenzwertes wird jedoch für Erwachse als sicher angesehen. Wer viel Eiweiß isst, sollte in jedem Fall auch genug trinken.

Ab dem 30. Lebensjahr baut der Organismus pro Jahr 0,3 bis 1,3 Prozent der Muskulatur in Fettgewebe um. Was bedeutet, dass bis zu einem Alter von Mitte 60 bis zu 20 Prozent der Muskelmasse verloren ist – wenn nicht mit genügend körperlicher Aktivität und der passenden proteinreichen Ernährung – Proteine sättigen gut und beugen Heißhungerattacken vor – gegengesteuert wird. Übrigens: Weniger Muskelmasse, absinkende Hormonwerte und ein damit veränderter Stoffwechsel sind die Hauptursache, weshalb Frauen in den Wechseljahren im Durchschnitt 10 kg zunehmen. Die Ernährungsexpertin gibt zu Bedenken, dass es sich bei vielen der mit »Protein« beworbenen Produkte um hoch verarbeitete Lebensmittel handelt – und diese seien schließlich der Gesundheit der Menschen und unseres Planeten nicht gerade zuträglich. Zudem führt sie ins Feld, dass Proteinprodukte bezüglich Nährstoffgehalten, Zusatzstoffen und Allergien schlechter zu bewerten sind als herkömmlich Produkte, wie viele Studien zeigten.

Natürlich ist besser

Sie setzt sich für eine abwechslungsreiche, nachhaltige Ernährung ein, bei der Proteine in Form weitgehend naturbelassener oder wenig verarbeiteter Lebensmittel verwendet werden. Ihr Tipp: »Als Snack anstelle eines Proteinriegels ›ganze‹ Lebensmittel wie Nüsse zu essen, bringt außer Proteinen gleich noch andere wertvolle Nährstoffe wie Vitamine Mineralstoffe und Spurenelemente, Ballaststoffe und sekundäre Pflanzenstoffe mit sich.« Tipp: Die Tabelle zur Proteindichte, also das Verhältnis von Proteingehalt zu Kalorien, führt eindrucksvoll vor Augen, welch großen Einfluss man mit der Auswahl der richtigen Lebensmittel auf seine Gesundheit hat.

Sie betont jedoch, dass einzelne Trendprodukte durchaus sinnvolle zusätzliche Alternativen für Menschen mit bestimmten gesundheitlichen Problemen sein können. Sie nennt etwa Nudeln oder Mehl aus Hülsenfrüchten für Menschen mit Zöliakie oder aus Algen für vegan lebende Menschen. Auch für Ältere, die aus verschiedensten Gründen keinen großen Hunger haben, bieten High-Protein-Produkte eine gute Gelegenheit, den Proteinbedarf mit kleinerer Essmenge zu decken.

TEILEN
Datenschutz

Mehr von Avoxa