Der Beipackzettel von Statinen listet zahlreiche Nebenwirkungen – viele von ihnen treten einer Untersuchung zufolge nicht häufiger als unter Placebo-Einnahme auf. / © Getty Images/Vladimir Vladimirov
In Fachkreisen ist hinlänglich bekannt, dass die Gefahr von unerwünschten Arzneimittelwirkungen (UAW) bei Statinen in der Bevölkerung größtenteils stark überschätzt wird. Weil die Statine aber für die Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen unentbehrlich sind, sollte in der Beratung von Patienten alles daran gesetzt werden, diese Bedenken zu zerstreuen.
Mit gut gemachten Studien zur tatsächlichen Häufigkeit von UAW der Statine möchte dies das internationale Wissenschaftlerkonsortium »Cholesterol Treatment Trialists’ (CTT) Collaboration« tun. Die Gruppe fokussierte sich zunächst auf die berühmteste UAW der LDL-Senker: Muskelschmerzen beziehungsweise Muskelschwäche. 2022 veröffentlichte sie im Fachjournal »The Lancet« die Ergebnisse einer Metaanalyse, wonach Statine in Wirklichkeit nur für weniger als 10 Prozent der Muskelsymptome unter einer Statintherapie ursächlich sind.
2024 folgte dann, wieder in »The Lancet«, eine Metaanalyse zur UAW Diabetes. Das Ergebnis: Statine führen dosisabhängig zu einem leichten Anstieg des Blutzuckers und dadurch zu häufigeren Diabetes-Diagnosen – die jedoch vor allem jene Patienten betreffen, deren Blutzucker bereits vor der Statintherapie nah am Schwellenwert war. Insgesamt sei jedoch mit Blick auf das kardiovaskuläre Risiko des Patienten der Vorteil durch die LDL-Senkung größer einzuschätzen als das Risiko durch diesen geringfügigen Blutzuckeranstieg.
Jetzt legt die CTT Collaboration erneut nach und wendet sich allen anderen UAW der Statine zu. Auch diese Arbeit wurde wieder in »The Lancet« publiziert und stellt wie die anderen beiden Arbeiten eine Metaanalyse von patientenindividuellen Daten aus doppelblinden, randomisierten Studien dar, was eine sehr hochwertige Evidenz bedeutet.
Die Autoren gingen folgendermaßen vor: Anhand der Produktinformationen von Präparaten mit Atorvastatin, Fluvastatin, Pravastatin, Rosuvastatin und Simvastatin erstellten sie zunächst eine Liste aller UAW mit Ausnahme von muskelbezogenen Symptomen und Diabetes. Anschließend überprüften sie anhand von Studiendaten, ob diese UAW tatsächlich auf das jeweilige Statin zurückzuführen waren oder ob sie nicht vielleicht in der Placebogruppe mit ähnlicher Häufigkeit aufgetreten waren.
Studien wurden nur dann berücksichtigt, wenn sie randomisiert waren, mindestens 1000 Teilnehmende einschlossen, eine Behandlungsdauer von mindestens zwei Jahren umfassten und einen doppelblinden Vergleich eines Statins mit Placebo (19 Studien, insgesamt 123.940 Teilnehmende) oder von zwei unterschiedlich stark wirksamen Statinen (vier Studien, insgesamt 30.724 Teilnehmende) beinhalteten.
Die Auswertung der placebokontrollierten Studien ergab, dass von ursprünglich 66 UAW lediglich vier tatsächlich auf die Statintherapie zurückzuführen waren: abnormale Leberenzymwerte und Abweichungen in der Leberfunktion (relatives Risiko 1,41 und 1,26), Veränderungen der Urinzusammensetzung (relatives Risiko 1,18) sowie Ödeme (relatives Risiko 1,07). Aus der Analyse der Studien, in denen Statine unterschiedlicher Wirkstärke miteinander verglichen worden waren, ließ sich für die leberbezogenen UAW ein dosisabhängiger Effekt ableiten, nicht jedoch für die beiden anderen UAW.