Dass ein Mensch spontan nicht weiß und sagen kann, wie es ihm eigentlich geht, ist kein Einzelfall. / © Adobe Stock/New Africa
»Wie geht’s dir?« als leichter Einstieg ins Gespräch? Sollte man meinen. Doch während die Lippen »Gut – und dir?« formen, sagt der Kopf vielleicht etwas ganz anderes: »Mist, keine Ahnung, wie ich mich gerade fühle.« Oft begleitet von Selbstvorwürfen – denn sollte man nicht eigentlich wissen, was bei einem emotional los ist?
Wer sich damit ganz allein fühlt, täuscht sich. »Es passiert ganz häufig, dass Menschen nicht wissen, wie es ihnen geht«, sagt die Ärztin und Therapeutin Mirriam Prieß. Das ist ein Signal dafür, dass wir mit uns selbst nicht richtig in Verbindung stehen.
Die Ursachen können unterschiedliche sein: Sie können etwa in der Kindheit liegen, in der wir vielleicht nie richtig gelernt haben, auf uns selbst zu achten, weil das Erfüllen der Erwartungen anderer immer wichtiger war. Dazu kommt: »In einer Gesellschaft, die oft nicht hinter die Fassade schauen möchte, wird natürlich auch weniger der Impuls gesetzt, sich selbst zu fragen: Wie geht es mir?«, sagt Prieß. Ob im Gespräch mit dem Kollegen oder der Bekannten: Oft haben wir den Eindruck, dass das Gegenüber gar nicht offen für eine ehrliche Antwort ist.
Wer spürt, dass die Verbindung zu den eigenen Gefühlen abhandengekommen ist, kann einen Dialog mit sich selbst aufnehmen. Heißt: »Ich frage mich selbst mit interessierter Offenheit ›Wie geht es mir?‹ und fühle in mich hinein. Und wenn da erstmal Stille ist, respektiere ich das«, sagt Prieß.
Fühlt sich erstmal ungewohnt an, mit sich selbst ins Zwiegespräch zu gehen? Keine Sorge: »Das kann man richtig üben«, sagt die Expertin. Aber bitte nicht mit Druck, sondern mit einer großen Portion Sanftheit und Geduld. Wichtig ist auch, dieses Einchecken mit sich selbst immer wieder zu wiederholen – bis sich mit der Zeit ein Gefühl für die eigenen Gefühle einstellt.
Kritisch hinterfragen kann man auch, ob man sich in Sachen Gefühle selbst Tabus auferlegt. Zum Beispiel: »Ich bin doch gerade im Urlaub, da muss es mir gutgehen.« Vielleicht hat man auch die Überzeugung, dass man in der eigenen Rolle – etwa als Mutter – bestimmte Gefühle nicht haben darf.
Wer sich allerdings Angst, Traurigkeit, Wut und Co. innerlich verbietet, verliert den Anschluss zu sich selbst. Denn diese Gefühle tragen eine wichtige Botschaft in sich. »Sie zeigen uns, dass wir nicht im Gleichgewicht sind«, sagt Prieß. Grund genug, sie ohne Bewertung anzuschauen, statt wie einen Ball unter die Wasseroberfläche zu drücken. Denn dann brechen sie irgendwann unkontrolliert heraus.
Das Schöne: Wenn wir auch schwierige Gefühle zulassen und zu verstehen versuchen, verlieren sie ihre Wucht und fühlen sich für uns weniger schlimm an.