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Den Teufelskreis durchbrechen
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Kopfschmerzen durch Schmerzmittel

Fast 40 Prozent der Bevölkerung leiden an Migräne oder Spannungskopfschmerzen. Schnell kommt es zu einem Übergebrauch von Schmerzmitteln und einem Teufelskreis. Wie die Apotheke zusammen mit dem Hausarzt vorbeugen und unterstützen kann.
AutorKontaktJuliane Brüggen
Datum 05.09.2021  12:00 Uhr

Kopfschmerzen durch Schmerzmittel? Eigentlich ein Widerspruch, aber doch Realität: Nehmen Patienten, die an einem Kopfschmerzsyndrom leiden, zu häufig oder überdosiert Analgetika und/oder Migränemittel ein, kann es zu arzneimittelinduzierten Dauerkopfschmerzen kommen. Diese Kopfschmerzen durch Übergebrauch von Schmerz- oder Migränemitteln (engl. Medication Overuse Headache, MOH) führen Patienten in einen Teufelskreis aus Schmerzmittel-Einnahme und wiederkehrenden (»Rebound«) oder chronischen Kopfschmerzen. Nicht nur die Dauerkopfschmerzen sind ein Problem: Substanzen wie nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR) können bei unsachgemäßer Einnahme Organsysteme schädigen, zum Beispiel den Magen-Darm-Trakt, die Nieren, das Herz-Kreislauf- und Gerinnungssystem. Paracetamol kann Leberschäden verursachen.

Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) macht anlässlich des Deutschen Kopfschmerztages am 5. September auf dieses Problem und die entscheidende Rolle der Hausärzte aufmerksam. Die private und berufliche Belastung steige sprunghaft an, wenn Personen an acht oder mehr Tagen pro Monat Kopfschmerzen haben. Dadurch leide einerseits das persönliche und soziale Umfeld, andererseits komme es oft begleitend zu Angststörungen und Depressionen. Bereits ab einer regelmäßigen Einnahme an mehr als neun Tagen pro Monat liege ein schädlicher Übergebrauch vor. Die Hausarztpraxis sei ein zentraler Ort, um Patienten, die häufig an Kopfschmerzen leiden, aufzufangen.

Chronifizierung verhindern

Ziel müsse sein, dass Hausärzte differenzierte Kopfschmerzdiagnosen stellen, Patienten mit einem hohen Risiko erkennen und an einen Facharzt überweisen. Dazu sei die Kooperation zwischen Hausärzten, Neurologen und Kopfschmerzspezialisten unerlässlich. Die Hausarztpraxis könne zudem bereits eingreifen und eine gezielte Akuttherapie sowie eine medikamentöse und nicht-medikamentöse Prophylaxe einleiten.

Haben die Schmerzen sich erst chronifiziert, werde die Behandlung schwieriger und erfordere eine multidisziplinäre Zusammenarbeit von Ärzten, Psychologen und Physiotherapeuten. Zu den Risikofaktoren für eine Chronifizierung zählt die DMKG eine Kopfschmerzfrequenz von mehr als sieben Tagen pro Monat, die häufige Einnahme von Schmerzmitteln, begleitende Depressionen, Angsterkrankungen und zusätzliche Schmerzsyndrome wie Rücken- und Nackenschmerzen.

»Vor allem die vorbeugenden Therapien müssen mehr eingesetzt werden als bislang.«
Prof. Dr. med. Zaza Katsarava, DMKG-Kopfschmerzexperte

»Der Hausarzt ist meist der erste Ansprechpartner für diese Patienten. Vor allem die vorbeugenden Therapien müssen mehr eingesetzt werden als bislang«, sagt Prof. Dr. med. Zaza Katsarava, Präsident der European Headache Federation (EHF) und DMKG-Kopfschmerzexperte.

Eine paneuropäische Studie zeige, dass viele Migränepatienten nicht die geeignete Akuttherapie und zudem keine leitliniengerechte Prophylaxe erhielten. Katsarava führt dies auf den Zeitmangel zurück: »Wir wissen, dass es in der Hausarztpraxis teilweise an der nötigen Zeit fehlt, die besonders schwer betroffenen Patienten adäquat zu beraten und zu therapieren.« Die EHF habe ein Dreistufensystem entwickelt, dessen Basis die Behandlung durch Hausärzte ist. Nur komplexe Fälle sollen demnach an Fachärzte und universitäre Einrichtungen überwiesen werden.

Beratung in der Apotheke kann vorbeugen

Viele Schmerz- und Migränemittel sind in der Selbstmedikation erhältlich. Die Apotheke ist daher eine wichtige Instanz, um den Übergebrauch zu verhindern oder ihn zu erkennen. Vielen Patienten ist gar nicht bewusst, dass die Einnahme der Schmerzmittel schädlich werden und zu physischen und psychischen Gesundheitsschäden führen kann. Die S3-Leitlinie „Medikamentenbezogene Störungen“ greift das Thema auf und richtet sich unter anderem an Apotheken.

Die Leitlinienautoren empfehlen, vor der Abgabe von nicht-opioiden Analgetika und Triptanen zu fragen, wie die bisherigen Erfahrungen mit Schmerz- und Migränemitteln aussehen, insbesondere im Hinblick auf die Häufigkeit der Einnahme und die Einzeldosis. Relevant ist außerdem der Hinweis, dass Patienten die Mittel ohne ärztlichen Rat nur kurzfristig und in der niedrigst möglichen Dosis einnehmen sollten. Je nach Schmerzmittel ist die Dauer auf maximal vier Tage (bei leichten bis mäßigen Schmerzen) oder maximal drei Tage (bei Fieber) begrenzt. Ist ein Patient von häufigen Kopfschmerzen betroffen, ist besonders wichtig, dass er die Analgetika nicht häufiger als zehn Tage im Monat anwendet, da sich ansonsten ein arzneimittelinduzierter Kopfschmerz entwickeln könnte.

Was tun, bei Verdacht auf schädlichen Gebrauch?

Besteht der Verdacht, dass ein schädlicher Gebrauch oder Fehlgebrauch sowie ein resultierender chronischer Kopfschmerz vorliegt, sollte das pharmazeutische Personal den Patienten der Leitlinie zufolge an einen Arzt verweisen. Die Abgabe des Medikaments zu verweigern, sei nicht zielführend, ebenso wenig wie die Umstellung auf ein anderes Schmerzmittel.

Der Arzt kann dann gemeinsam mit dem Patienten nach Lösungen suchen, zum Beispiel eine alternative Therapie und Prophylaxe oder ein professionell begleiteter Entzug in einer ambulanten oder stationären Einrichtung. Nicht-opioide Analgetika führen zwar nicht zu einer Abhängigkeit oder Entzugssymptomen, dennoch kann sich ein starkes Verlangen nach den Arzneimitteln entwickeln.

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