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Das Energiefeuer in uns
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Schlanker und gesünder mit mehr braunem Fett

Der Organismus des Menschen hat großes Schlankmacher- und Schlankhalter-Potenzial in einem Gewebe, das noch immer ein Schattendasein führt: das braune Fettgewebe. Forscher wie der Endokrinologe und Stoffwechselforscher PD Dr. med. Tim Hollstein haben sich dem kleinen Bruder des weißen Fettes verschrieben und erkennen dessen großes Potenzial. 
AutorKontaktIsabel Weinert
Datum 13.03.2026  10:00 Uhr

PTA-Forum: Was unterscheidet braunes von weißem Körperfett?

Hollstein: Weißes Fett ist dazu da, Energie zu speichern, ich nenne das die Batterie unseres Körpers. Und das braune beziehungsweise beige Fettgewebe, das speichert keine Energie, sondern verbrennt sie, um Wärme zu erzeugen. Das ist die Heizung unseres Körpers. Richtiges braunes Fettgewebe stammt übrigens von Muskelzellen ab, die beige Variante eher von Fettvorläuferzellen.

Der Mensch hat generell mehr beiges als braunes Fettgewebe. Ersteres ist eine Mischform aus ganz braunem und weißem Fettgewebe. Es kann sich entsprechend auch verändern, abhängig davon, ob es benutzt wird oder nicht. Wenn es benutzt wird, wird es brauner und wenn nicht, dann wird es eher weißer und speichert Energie.

PTA-Forum: Wie sind Sie zum braunen Fett und den sich daraus abgeleiteten Stoffwechseltypen gekommen?

Hollstein: Wir haben uns immer gefragt, warum manche Menschen bei einer Diät viel Gewicht verlieren, warum manche wenig verlieren, warum manche so viel essen können, wie sie wollen, ohne dick zu werden. Deshalb haben wir in den USA dazu Studien gemacht, indem wir den Energieverbrauch von Menschen in einer Stoffwechselkammer gemessen haben. Dabei haben wir gesehen, dass die Menschen sehr unterschiedlich auf Stoffwechselstresstests reagieren. Wir haben die Leute für einen Tag fasten lassen und ihnen für einen weiteren Tag die doppelte Menge dessen gegeben, was sie brauchen. Beides ist Stress für den Stoffwechsel.

Die meisten Menschen haben ihren Energieverbrauch beim Fasten abgesenkt und bei der Überernährung kaum erhöht. Und dann gab es welche, die sich genau anders verhalten haben. Die haben den Energieverbrauch beim Fasten stabil gehalten und bei der Überernährung sehr stark erhöht. Anhand dieser beiden Muster haben wir zwei Stoffwechseltypen bestimmt: den sparsamen Typ, der immer versucht, Energie zu sparen, und den verschwenderischen Typ, der Energie schnell verbrennt.

Dann haben wir weitere Studien gemacht, mit denen wir beweisen konnten, dass unser Stoffwechsel vorausssagen kann, wer bei einer Diät am meisten Gewicht und Fett verliert und wer nicht und wer einen Jojo-Effekt entwickelt. Wir konnten zeigen, dass es immer die sparsamen Leute sind, die wenig Gewicht und Fett verlieren und in den Jojo-Effekt kommen. Das ist bei den Verschwendertypen nicht der Fall.

In einer anderen Studie haben wir die Leute für sechs Wochen in der Klinik »eingesperrt« und sie überernährt. Sie mussten 50 Prozent mehr essen als sie benötigten. Alle haben zugenommen, aber manche hatten fünf Kilo mehr auf der Waage und andere nur eineinhalb. Letztere waren die Verschwendertypen. Im Nachhinein haben wir gezeigt, dass diese Typen mehr braunes Fett besitzen. 

PTA-Forum: Was hat es mit der braunen Farbe auf sich?

Hollstein: Die braune Farbe entsteht durch die sehr eisenreichen Mitochondrien in den braunen Fettzellen. Diese Mitochondrien sind besonders kraftvoll. Je mehr Mitochondrien in das Fettgewebe eingebaut werden, zum Beispiel durch Kälte als typischem Reiz, desto brauner wird das Fett. Dieser Prozess heißt auch »Browning« oder »Bräunung«. Man bräunt also wortwörtlich von innen.

PTA-Forum: Wie ist das, wenn ein Mensch einen Eisenmangel hat, kann er dann an braunem Fettgwebe verlieren?

Hollstein: Nicht verlieren, aber bei Eisenmangel wird weniger braunes Fettgewebe aufgebaut. Das heißt, man sollte einen guten Eisenstatus haben, um mehr braunes Fett aufzubauen.

PTA-Forum: Ist Menschen mit viel braunem Fettgewebe eher wärmer als Menschen mit weniger dieses Gewebes?

Hollstein: Ja. Wir konnten zeigen, dass Menschen mit viel braunem Fett einen verschwenderischen Stoffwechseltyp haben. Das bedeutet, dass sie eher Kalorien verbrennen, auch beim Essen. Forscher aus München haben nachgewiesen, dass braunes Fett auch nach Nahrungsaufnahme aktiviert werden kann. Und das erklärt, dass manchen Menschen nach dem Essen besonders warm wird.

PTA-Forum: Wie kann man herausfinden, wieviel braunes Fett man selbst hat?

Hollstein: Das geht leider nicht so einfach. Es gibt keine Blutmarker. Sichtbar machen können wir das braune Fett aktuell nur mithilfe eines PET-CT-Scans. Das ist eine Positronen-Emissions-Tomographie (PET) kombiniert mit einer Computertomographie (CT). Man spritzt quasi radioaktiv markierten Zucker und schaut, welches Gewebe im Körper den Zucker verbennt. Das Gewebe leuchtet im Scan dann schwarz auf.

PTA-Forum: Gibt es Geschlechtsunterschiede in der Menge an braunem Fett?

Hollstein: Frauen haben in den PET-CT-Scans etwas mehr braunes Fett als Männer. Es scheint, als sei die Menge an braunem Fett auch von Östrogen abhängig. Dass Frauen nach den Wechseljahren oft an Gewicht zulegen, könnte unter anderem auch damit zu tun haben, dass die Menge an braunem Fett durch die geringere Menge an Östrogen abnimmt. Wir wissen, dass das braune Fett im Alter zurückgeht und auch nach der Menopause nicht mehr richtig aktiviert wird.

PTA-Forum: Wie verändert sich die Menge an braunem Fett im Laufe des Lebens?

Hollstein: Der Anteil an braunem Fett nimmt mit zunehmendem Alter ab. Bei Babys sind das bis zu vier Prozent der Körpermasse, weil sie das brauchen, um Wärme zu erzeugen, denn sie können noch nicht so gut zittern. Bei Erwachsenen macht es noch 0,5 Prozent der Körpermasse aus, im Schnitt 100 bis 300 Gramm. Dass es im Alter zurückgeht, kann ein Grund dafür sein, dass viele Menschen mit dem Älterwerden an Gewicht zunehmen.

PTA-Forum: Welchen Einfluss nimmt die Ernährung auf das braune Fettgewebe?

Hollstein: Fehlernährung und Übergewicht sind Faktoren, die braunes Fett verdrängen können. Es gibt Hinweise darauf, dass vor allem Fructose einen negativen Einfluss auf das braune Fett hat. Damit meine ich nicht die Fructose im Obst, sondern die in Softdrinks und hochverarbeiteter Nahrung. Das braune Fett reagiert darauf sehr sensibel. Das gilt auch für Alkoholkonsum.

PTA-Forum: Beeinflussen auch Genetik und/oder Epigenetik die Menge an braunem Fett?

Hollstein: Ja, da gibt es sehr spannende Daten aus Zürich und Japan. Die haben gezeigt, dass das braune Fett in den Babys epigentisch auch dadurch festgelegt wird, ob sich der Vater vor der Zeugung in einer kalten Umgebung aufgehalten hat. In Tierversuchen mit Mäusen konnten Forscher zeigen, dass diejenigen Nachkommen von einem Vater, der vor der Befruchtung des Weibchens in einer kalten Umgebung gehalten wurde, mehr braunes Fett hatten. Weiterhin hatten die Mäuse vom »kalten Vater« bei Überernährung zwar mehr gefressen als Kontrollmäuse, aber deutlich weniger Gewicht zugenommen. Auch vor Stoffwechselerkrankungen wie einem Typ-2-Diabetes waren sie besser geschützt.

Zürcher Wissenschaftler haben sich zudem PET-CT-Aufnahmen von Menschen angeschaut und das mit deren Geburtsurkunden abgeglichen. Dabei kam heraus, dass diejenigen, die sehr viel braunes Fett im PET-CT haben, eher im Winter gezeugt und im Sommer geboren wurden. Und diese Menschen hatten nicht nur mehr braunes Fett, sondern waren auch tendenziell schlanker als diejenigen, die im Sommer gezeugt wurden.

Kollegen aus Japan haben das im vergangenen Jahr noch genauer analysiert, indem sie die Wetterdaten zum Zeitpunkt der Zeugung berücksichtigt haben und einen klaren Zusammenhang gefunden zwischen der Umgebungskälte bei der Zeugung und der Menge an braunem Fett bei den Nachkommen.

PTA-Forum: Nehmen Menschen von verschiedenen Nahrungsmitteln unterschiedlich zu?

Hollstein: Wir sind dabei, herauszufinden, welcher Stoffwechseltyp von welcher Ernährung am besten profitiert. Generell brauchen aber Verschendertypen nicht so sehr darauf zu achten, was sie essen, weil sie generell sehr gut Gewicht verlieren können.

Für die Sparertypen sieht das anders aus. Ihnen empfehlen wir viel unverarbeitete Nahrung, denn dabei muss der Körper mehr Energie aufwenden, um sie zu verdauen. Außerdem sollten sie proteinreich essen, weil Proteine sehr viel Energie benötigen, um verdaut zu werden. Auch das Mahlzeitentiming ist wichtig: Frühstück statt Abendessen. Das heißt, am besten isst man zum Frühstück die größte Mahlzeit, denn wir haben sehr gute Belege, dass der Stoffwechsel eine Lerche ist und morgens am besten funktioniert.

Ich empfehle außerdem Intervallfasten. Dabei verlieren die Leute zwar nicht mehr Gewicht als bei einer »normalen« Diät, aber das ist auch gar nicht das Ziel des Intervallfastens, sondern es hat metabolische Vorteile. Die metabolische Flexibilität wird gefördert, also wie schnell der Körper von Kohlenhydrat- auf Fettverbrennung umstellen kann. Außerdem wird die Autophagie durch die Fastenzeiten unterstützt, ebenso antientzündliche Prozesse. Ein weiterer großer Vorteil: Intervallfasten kann man sein ganzes Leben lang machen. Eine Diät hingegen hält man vielleicht drei Monate durch und will dann so nicht weiterleben. 

PTA-Forum: Was können Menschen selbst tun, damit aus weißem Fettgewebe mehr braunes oder beiges entsteht?

Hollstein: Der wichtigste Tipp ist: mehr Kälte wagen! Wir haben uns in unserer Komfortzone eingerichtet, das warme Auto, die warme Wohnung, das warme Büro – wir geben dem braunen Fett gar keine Möglichkeit mehr, aktiv zu werden, obwohl wir wissen, dass es auf Temperaturreize gut reagiert. Dadurch lassen wir unser braunes Fett verkümmern, womit unser Krankheitsrisiko steigt.

Deswegen ist mein Tipp, Kältesnacks in den Alltag einzubauen. Man kann zum Beispiel in einem kalten Raum schlafen, ohne Heizung, das Fenster geöffnet und mit einer dünneren Decke. Es gibt auch eine Studie, die gezeigt hat, dass Menschen, die in kalten Räumen schlafen, ihren Stoffwechsel und ihr braunes Fett aktivieren. Dafür reichen schon 19 Grad Celsius aus.

Als nächstes kann man kalt duschen. Hier reicht schon eine Minute täglich kalt zu duschen, am besten den ganzen Körper und wenn möglich mit einem weichen Strahl aus einem Schlauch statt einer Duschbrause. Das benetzt die Haut noch besser mit Kälte. Alternativ eignen sich auchWechselduschen oder Kneippsche Güsse – das alles aktiviert braunes Fett. Ich sage den Leuten immer: Zieht Euch auch bei kalten Außentemperaturen leichter an und schaut, wie Euch das bekommt. Das ist alles eine kontrollierte Exposition. Für die Hartgesottenen würde ich kalte Bäder empfehlen oder Eisbaden. Einen Effekt hat auch Mentholcreme, die man auf Beine und Bauch auftragen kann, denn sie aktiviert die gleichen Kälterezeptoren wie kaltes Wasser oder kalte Luft.

PTA-Forum: Wer muss mit kaltem Wasser aufpassen?

Hollstein: Menschen mit hohem Blutdruck, Herzrhythmusstörungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen sollen vorher ärztlich abklären, ob sie Kälte anwenden dürfen und wenn, dann langsam dosiert anfangen.

PTA-Forum: Gibt es auch einen medikamentösen Ansatz?

Hollstein: In Deutschland gibt es einen Sonderforschungsbereich, der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wird. Dort sucht man nach molekularen Targets, um braunes Fett zu aktivieren. Spannend ist, dass auch die Abnehmspritzen braunes Fett zu aktivieren scheinen. Der größte Effekt läuft hier aber über die Sättigung, doch die nächste Generation dieser Medikamente aktiviert das braune Fett wahrscheinlich noch besser und trägt damit zum Gewichtsverlust bei.

Getestet werden Medikamente mit Amylin, einem Hormon, das neben Insulin in der Bauchspeicheldrüse ausgeschüttet wird und braunes Fett aktiviert. Das ist in einer der Abnehmspritzen, die gerade entwickelt werden. Von Bedeutung ist außerdem Glukagon. Es kann den Appetit über die Leber-Vagusnerv-Hypothalamus-Achse unterdrücken und fördert die Aktivierung von braunem Fettgewebe. Und dann gibt es noch ein Medikament gegen Fettleber, ein FGF21- Analogon. FGF21 kann ebenfalls braunes Fett aktivieren. Generell sehe ich die medikamentösen Ansätze als Add-on-Therapie für den eigenen Lebensstil.

PTA-Forum: Welche positiven Wirkungen hat braunes Fett noch?

Hollstein: Es wirkt gegen Arteriosklerose und kann einen Prädiabetes zurückdrängen. Menschen mit reichlich braunem Fett erkranken zudem seltener an Typ-2-Diabetes, hohem Blutdruck und Fettstoffwechselstörungen. Das gilt auch für diejenigen, die mehr wiegen, aber reichlich braunes Fett haben. Das sind dann die soenannten »gesünderen Dicken«.

PTA-Forum: Vielen Dank für das Gespräch.

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