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Corona? War da was?
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Vergessen erwünscht

Menschen feiern dicht gedrängt, Freunde umarmen sich ungeniert, niemand fragt nach einem Impfausweis: Das Leben ist zurück, Corona scheint fast vergessen. Dabei hatten Umfragen ergeben, dass wir uns nie wieder die Hände schütteln. Viele konnten sich nicht vorstellen, sich je wieder in einer Menschenmenge wohlzufühlen. Doch diese Empfindungen gingen bei den meisten fast so schnell wie sie gekommen waren. Wie kann das sein?
AutorKontaktdpa
Datum 06.07.2023  13:15 Uhr

Vergessen ist lebenswichtig, sagen Hirnforscher und Psychologen. Wenn wir immer alles speichern würden und immer alles gleich wichtig wäre, wären wir handlungsunfähig. Der Animationsfilm »Inside Out« (»Alles steht Kopf«) erklärt die Abläufe sehr anschaulich: Wie in einer Eier-Sortieranlage werden die bunten Erinnerungskugeln im Kopf der Hauptfigur in einem gigantischen Röhrensystem ständig aus- und umsortiert. Was in welcher Form wieder ans Tageslicht kommt, hängt auch damit zusammen, welche Emotion gerade dominiert.

Verarbeitet statt vergessen

Vergessen im Sinn von gelöscht haben wir Corona sicher nicht, sagt die Psychologin Susanne Spieß vom Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen. Die Frage ist weniger, woran wir uns erinnern, als wie wir uns daran erinnern. Spieß vergleicht das mit einem Trauerprozess, bei dem es verschiedene Phasen gibt. »Wir können in dem Gefühl bleiben, das wir damals damit verbunden haben. Oder wir können uns mit den Gefühlen, den Gedanken, der Situation an sich auf verschiedene Weise auseinandersetzen. Dann beginnt die Heilung.«

Die vermeintliche »Vergessensleistung« sei eigentlich eine »Verarbeitungsleistung«, sagt Spieß. Wie gut das gelinge, hänge auch davon ab, »wie gut ich bewusst entspannt im Hier und Jetzt sein kann«. Außerdem liefen bei jedem Menschen andere Selektionsprozesse ab, abhängig von den Vorerfahrungen, Vorlieben, Ängsten und Einstellungen: Wer sich schon immer in Menschenmengen unwohl fühlte, wird dieses – in der Pandemie verstärkte – Gefühl der Vorsicht vermutlich länger haben als jemand, der sich schon immer auf Straßenfesten pudelwohl fühlte.

Gegen Ende der Coronazeit sei es vielleicht zu einer Art Desensibilisierung gekommen, sagt Spieß. Die erste Umarmung nach den Lockdowns fühlte sich noch seltsam an, vor allem, weil man immer die Perspektive des anderen mitdachte: Ist das ok für sie oder ihn? Aber mit jeder Umarmung verschwand die Irritation ein bisschen mehr. Bei Menschen, die immer allen um den Hals fielen, ging das vermutlich schneller als bei Menschen, die Körperkontakt lieber meiden.

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