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Leistungsdruck, Krisen, soziale Ungleichheit
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Wann Belastungen Kinder krank machen

Psychische Belastungen gehören zur Entwicklung von Kindern dazu – doch wann können sie die mentale Gesundheit beeinträchtigen? Studien zeigen: Leistungsdruck, Krisen und soziale Ungleichheit bedeuten für viele junge Menschen Stress. Was können Eltern und Lehrer tun?
AutorKontaktJudith Schmitz
Datum 29.01.2026  08:00 Uhr

»Würden Kinder und Jugendliche emotional und mental überhaupt nicht belastet werden, dann könnten sie sich psychisch nicht entwickeln. Die Psyche braucht die Herausforderung oder Belastung, wie man es nennen mag«, sagt Dr. Claus Barkmann, Forschungspsychologe an der kinder- und jugendpsychiatrischen Klinik des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) gegenüber PTA-Forum.

Eine Belastung kann prinzipiell alles das sein, was auf das Kind einwirkt: die Schule, Klassenarbeiten, Mitschüler, die Familie, Nachrichten. Damit verbundenen Stress kann das Kind durchaus positiv erleben, etwa: »Ich kann in der Klassenarbeit zeigen, was ich alles weiß.« Oder aber überwiegend negativ: »Wenn ich jetzt eine schlechte Note schreibe, komme ich nicht aufs Gymnasium und meine Eltern sind von mir enttäuscht.«

Die Frage ist, ab wann dieser Input ins Negative kippt, wie lange er anhalten und wie stark er sein muss, dass das Kind ihn psychisch nicht mehr gut verkraften kann. Wann ist beispielsweise der Leistungsdruck so hoch, dass ein Kind verhaltensauffällig wird, etwa mit Rückzug, Essensverweigerung oder aggressivem Verhalten reagiert oder langfristig gar eine psychische Störung entwickelt? »Das ist sehr individuell und in Studien kaum abbildbar«, sagt Barkmann. Dennoch ließen sich Trends erkennen, wenn solche Belastungen in repräsentativen Gruppen wiederholt und standardisiert abgefragt würden.

So deuten aktuelle Untersuchungen darauf hin, dass der Input, also die verschiedenen Belastungen der vergangenen Jahre, wohl zu zahlreich und zu stark für viele Kinder und Jugendliche in Deutschland waren. Die COPSY-Studie des UKE ermittelte vor der Coronapandemie bei 18 Prozent der Kinder und Jugendlichen psychische Auffälligkeiten. Während der Pandemie stieg dieser Wert auf 31 Prozent, im Herbst 2024 lag er bei rund 23 Prozent. Auch laut dem Deutschem Schulbarometer 2024 berichtete jeder fünfte Schüler zwischen 8 und 17 Jahren von psychischen Problemen. Barkmann ordnet ein: Ein Mensch mit psychischen Auffälligkeiten zeigt Symptome, die ein Experte abklären sollte. Klar definiert sind diese aber nicht im Gegensatz zu psychischen Störungen, die im ICD-Katalog fixiert sind.

Kriege und Klimawandel belasten

Laut der COPSY-Studie sorgten sich im Jahr 2024 72 Prozent der Schüler wegen der aktuellen Kriege und Terrorismus, 62 Prozent wegen der wirtschaftlichen Unsicherheit, 57 Prozent wegen des Klimawandels. Das Coronavirus und die Maßnahmen zu seiner Bekämpfung standen nicht mehr im Fokus. Ein Drittel sieht zudem in sozialen Medien regelmäßig belastende Inhalte wie ungefilterte Nachrichten über Krisen. Ein Fünftel belastet die dort erfahrene Ausgrenzung und Abwertung. Kinder von Eltern mit geringem Bildungsniveau und psychischer Symptomatik, in beengten Wohnverhältnissen lebend, sind psychisch besonders gefährdet. Jene mit starkem sozialen und familiären Halt zeigen dagegen seltener Angst und depressive Symptome.

Der Psychologe, Psychologische Psychotherapeut und frühere Lehrer Klaus Seifried nennt gegenüber PTA-Forum Armut als einen Hauptgrund für psychische Auffälligkeiten und stützt sich neben der COPSY- auf die großangelegte KiGGS-Studie. Deren Daten ergaben für Minderjährige aus sozial schwachen Verhältnissen ein vierfach erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen und Verhaltensauffälligkeiten. Laut Armutsbericht 2024 des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes wächst mehr als jedes fünfte Kind in Armut in Deutschland auf.

Die Schule ist eine mögliche erste Anlaufstelle für psychisch stark beanspruchte oder verhaltensauffällige Schüler. Jedoch schätzen dem Deutschen Schulbarometer 2025 zufolge nur 61 Prozent der befragten Lehrer die psychosoziale Infrastruktur an ihrer Schule als ausreichend ein. An den restlichen Schulen fehlt es demnach mehr oder weniger an Schulpsychologen und -sozialarbeitern, Beratungslehrern, Beratungs- und Präventionsangeboten oder Anti-Gewalt-Programmen.

Drei Faktoren für seelische Gesundheit

Für die Weltgesundheitsorganisation WHO ist psychische Gesundheit mehr als die Abwesenheit einer psychischen Erkrankung: vielmehr ein Zustand des seelischen Wohlbefindens, der es den Menschen ermöglicht, mit den Belastungen des Lebens umzugehen, ihre Fähigkeiten zu entfalten, gut zu lernen und zu arbeiten sowie einen Beitrag zu ihrer Gemeinschaft zu leisten.

Drei Faktoren bestimmen demnach die psychische Gesundheit:

  • Umweltfaktoren wie Zugang zu Bildung, Gesundheitswesen, Kultur, Religion; Umwelt, Sozial- und Wirtschaftspolitik
  • soziale Verhältnisse wie sozioökonomischer Status, Lebens-, Bildungs- und Arbeitsbedingungen; Möglichkeiten der Lebensgestaltung und soziale Teilhabe
  • individuelle Merkmale, also genetische und biologische Eigenschaften, emotionale Intelligenz.

Konkret braucht ein Kind zuversichtliche und zuverlässige Menschen in seiner Nähe sowie Zeit mit der Familie. Es sollte die innere Gewissheit spüren können: Wann immer ich Hilfe brauche, ob bei Stress oder in einer Krise, in meinem Umfeld ist jemand da, der mich unterstützt und auffängt. So kann es psychisch gut gedeihen und auch mit den Widrigkeiten des Lebens gut umgehen. »Die Aufgabe von Eltern, Lehrern, Erwachsenen ist es, den Kindern Sicherheit zu geben, alles zu tun, damit es ihnen gutgeht. Das bedeutet auch zu filtern, was und wie man es den Kindern sagt«, so Seifried.

Eltern könnten ihren Kindern mehr Sicherheit geben, indem sie etwa die positiven Dinge im Leben der Familie ins Zentrum rückten und die Stärken ihrer Kinder im Blick hätten, so Seifried. Auch die Lehrkräfte in der Schule könnten viel tun, indem sie die Potenziale der Schüler förderten, ihnen Erfolge ermöglichten und mit ihnen Zukunftsvisionen erarbeiteten. Die Medien sollten auch über positive Entwicklungen in der Welt und in der Gesellschaft berichten, statt Krisen und Katastrophen in den Mittelpunkt zu stellen.

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