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Mangelernährung im Alter
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Wenn Hunger und Durst schwinden

Appetitlosigkeit, weniger Durst, Muskelschwund und Vitaminmangel: Mit zunehmendem Alter verändern sich Stoffwechsel, Körperzusammensetzung und Nährstoffbedarf. Das macht Senioren besonders anfällig für eine Mangelernährung, welche wiederum das Risiko etwa für Frailty, Infektionen und damit eine Pflegebedürftigkeit erhöht. Mit einer gezielten, nährstoffdichten Ernährung lässt sich gegensteuern.
AutorKontaktEgid Strehl
Datum 26.01.2026  08:00 Uhr

Untersuchungen belegen, dass die Ernährungssituation älterer Menschen vielfach zu wünschen übrig lässt. Senioren sind überdurchschnittlich häufig von Mangelernährung betroffen, besonders kranke und pflegebedürftige sowie hochbetagte Personen. Der Ernährungszustand im Alter wird außerdem beeinflusst durch altersbedingte physiologische Veränderungen, das soziale Umfeld sowie durch verschiedene Erkrankungen und die Einnahme von Medikamenten.

Die Ursachen der sprichwörtlichen »Altersanorexie« sind vielschichtig. Eine wesentliche Bedeutung scheint dabei dem gastrointestinalen Sättigungshormon Cholecystokinin zuzukommen, dessen Konzentration im Alter zunimmt sowie vermutlich der abnehmenden Geschmacks- und Geruchswahrnehmung. Ferner dürfte – neben etlichen weiteren Faktoren – die im Alter häufig geringere körperliche Aktivität und der insgesamt verlangsamte Stoffwechsel für die häufig anzutreffende Appetitlosigkeit mitverantwortlich sein. Auch das Durstempfinden ist bei älteren Menschen erheblich reduziert. Selbst bei gravierender Dehydrierung verspüren Senioren mitunter kein Verlangen nach Flüssigkeit. Letzteres könnte an einer Regulationsstörung im Zentralnervensystem liegen.

Körperfettanteil steigt

Mit zunehmendem Alter sinkt der Anteil der fettarmen, stoffwechselaktiven Körpermasse (engl. Lean Body Mass, LBM) wie etwa der Skelettmuskulatur sowie die Knochenmasse, deren Dichte auch bedingt durch weniger körperliche Aktivität in der fortgeschrittenen Lebensphase abnimmt. Die schwindende fettarme Körpermasse wird durch eine Zunahme des Körperfettgehalts nachteilig kompensiert. Es erfolgt eine Umverteilung zugunsten viszeraler Fettdepots, aber zulasten des peripheren Fettgewebes. Für Männer über 65 Jahren wird deshalb eine Energiezufuhr von lediglich 2100 kcal/d, für Frauen über 65 Jahren eine von 1700 kcal/d empfohlen.

Im Muskelgewebe steigt der Anteil an Fett und Bindegewebe. Ein abnorm gesteigerter Abbau an Muskelmasse und -kraft wird als Sarkopenie bezeichnet. Eine gleichzeitige Adipositas kann dann zu einer sogenannten »sarcopenic obesity« bei alten Menschen führen, die folglich durch eine erhöhte Fett- und eine verminderte Muskelmasse in Erscheinung tritt. Die katabolen Veränderungen des Muskelgewebes bei einer Sarkopenie gehen zurück auf Veränderungen von Hormonkonzentrationen (vermindertes IGF-1, Testosteron) und des Immunsystems sowie auf chronische Entzündungsprozesse. Einige Zytokine wie TNF-α, IL-6 und CRP (C-reaktives Protein) deuten sowohl auf eine verminderte Muskelmasse als auch auf einen sich anbahnenden Diabetes mellitus Typ 2 hin. Eine verminderte Insulinsensitivität findet sich bei etwa 43 Prozent der Über-60-Jährigen; sie mündet bei circa 16 Prozent in einen manifesten Diabetes.

Genug trinken und die Nieren unterstützen

Mit steigendem Lebensalter durchlaufen auch die Nieren strukturelle und funktionelle Veränderungen. Die altersbedingte Atrophie des Organs führt zu einer Verminderung der renalen Durchblutung und zur Abnahme der glomerulären Filtrationsrate, sodass Stoffwechselendprodukte langsamer aus dem Blut eliminiert werden. Gleichzeitig ist die Fähigkeit zur Harnkonzentrierung deutlich vermindert. Es kommt folglich vielfach zu erheblichen Wasserverlusten. Darum kann eine zu geringe Flüssigkeitszufuhr und eine hohe Protein- oder Elektrolytaufnahme kritische Folgen für Senioren haben.

Senioren können die täglich notwendige Trinkmenge sicherstellen, wenn sie:

  • gut auf ihr körperliches Befinden achten, beispielsweise auf ungewöhnliche Symptome wie Schwindel, Schwäche, Kopfschmerz, Unruhe, Pulsjagen, Desorientiertheit oder Verwirrtheit.
  • ihren Urin inspizieren, dieser sollte durchgehend hellgelb erscheinen.
  • sich durch Apps oder Wecker an ihre vorausgewählten täglichen Trinktermine erinnern lassen.
  • ihren Durst zwischendurch mit salzigen Snacks stimulieren.
  • Saftschorlen, ungesüßte Früchte- oder Kräutertees für den ganzen Tag zubereiten und eventuell gleich in geplante Portionen aufteilen.
  • wasserreiches Obst und Gemüse (wie Melone, Gurke) zusätzlich auf ihren Speiseplan setzen.

Ältere Menschen leiden häufig auch unter Kau- und Schluckbeschwerden. Zudem verstärken Bewegungsmangel, geringe Flüssigkeitszufuhr und ballaststoffarme Kost eine ausgeprägte Obstipationsneigung. Als problematisch ist ferner die altersbedingte Veränderung der Magenschleimhaut mit Resorptionsminderung anzusehen. Nicht unerwähnt bleiben darf auch der von der reduzierten Säuresekretion des Magens abhängende Anstieg des gastralen und intestinalen pH-Wertes. Dieser vermindert nicht nur die Verfügbarkeit von Eisen und Calcium, sondern steigert auch das Wachstum pathogener Keime und damit die Wahrscheinlichkeit von Infektionen entlang des Verdauungstrakts.

Bei der Energiezufuhr muss berücksichtigt werden, dass sowohl der Grund- als auch der Leistungsumsatz bei älteren Menschen im Vergleich zu jüngeren Erwachsenen verringert ist. Der sinkende Grundumsatz geht konform mit der sich verändernden Körperzusammensetzung. Durch den herabgesetzten Energiebedarf ergibt sich die Notwendigkeit einer höheren Nährstoffdichte der Nahrung: Süßigkeiten, Kuchen und stark verarbeitete Produkte sollten reduziert werden. Eine abwechslungsreich gestaltete Kost mit ausreichend Gemüse und Obst sowie Milch- und Vollkornprodukten sichert die Versorgung des Körpers mit allen essenziellen Nährstoffen.

Fokus auf die Proteine

Sarkopenie und Frailty lassen sich durch eine ausreichend hohe Proteinzufuhr bei älteren Menschen weitestgehend vermeiden. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) gibt für normalgewichtige ältere Menschen einen täglichen Richtwert von 1,0 g Protein pro kg KG an. Eine erhöhte tägliche Zufuhr von 1,2 bis 1,5 g/kg KG – tunlichst mit einem hohen Leucinanteil – kann bei akuten oder chronischen geriatrischen Erkrankungen sowie bei Mangelernährung einem katabolen Stoffwechsel sowie Sarkopenie und Frailty vorbeugen. Allerdings liegt die tatsächliche Zufuhr bei einem Großteil der älteren Menschen unter 0,8 mg/kg KG.

Proteinreiche Lebensmittel sollten gleichmäßig auf die Hauptmahlzeiten verteilt werden, um so den Erhalt der Muskelmasse zu unterstützen. Zudem steigert ein höherer Leucingehalt des Proteins die muskuläre Proteinbiosynthese. Diskutiert wird eine Zufuhr von 2,5 bis 3,0 g Leucin pro Mahlzeit, um dem Muskelabbau entgegenzuwirken; Molkenprotein gilt hierfür als besonders geeignet. Abgesehen von Maisprotein weisen tierische Proteine höhere Leucingehalte als pflanzliche auf. Vorzugsweise sollten für den Speiseplan ferner stets Nahrungsproteine mit hoher biologischer Wertigkeit (Beispiel: Kartoffel-Ei-Muster) ausgewählt werden, da davon verhältnismäßig weniger zugeführt werden muss (Nierenschutz!), um eine Proteinkatabolie zu vermeiden.

Besonders günstige Effekte auf die Muskelmasse ergeben sich durch eine gesteigerte Proteinzufuhr nach körperlicher Aktivität. Eine höhere Proteinzufuhr könnte bei älteren Menschen auch das Osteoporoserisiko senken sowie Immunstatus und Wundheilung günstig beeinflussen. Die vermehrte Aufnahme der schwefelhaltigen Aminosäuren Cystein und Methionin – insbesondere wieder aus tierischen Proteinen – hat zwar eine höhere Säureausscheidung zur Folge, führt bei ausreichender Calciumaufnahme jedoch nicht zu negativen Effekten auf die Knochendichte. Studienberichten zufolge kann eine erhöhte Absorption von Calcium dem entgegenwirken.

Dennoch sollte auf eine ausreichende Calciumversorgung in Verbindung mit Vitamin D sowie auf einen reichlichen Verzehr von Obst und Gemüse geachtet werden, um die Säurelast der Nahrung insgesamt zu begrenzen. Bei älteren Menschen mit chronischen Nierenerkrankungen könnte ein hoher Proteinanteil die Nierenfunktion beeinträchtigen, sodass bei erheblich reduzierter glomerulärer Filtrationsrate (< 30 ml/min) ein Verzehr von lediglich 0,8 mg/kg KG pro Tag empfohlen wird.

Mit fortgeschrittenem Alter sinkt die Glucosetoleranz. Nahrungsmittel mit einem hohen glykämischen Index sollten daher eingeschränkt, die Aufnahme von ballaststoffreichen Lebensmitteln dafür erhöht werden. Das wirkt gleichzeitig einer Obstipation entgegen, besonders wenn auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr geachtet wird. Beim Fettverzehr können die Empfehlungen für jüngere Erwachsene übernommen werden, solange keine Dyslipidämie oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen bekannt sind.

Modifizierter Vitaminbedarf

Der Vitaminbedarf älterer Menschen bleibt im Wesentlichen unverändert. Viele Senioren, insbesondere alleinstehende Männer, zeigen eine deutliche Unterversorgung bei einzelnen Vitaminen. Vor allem betrifft dies Folat und Vitamin D. Ein größerer Anteil älterer Menschen erreicht auch die Zufuhr-Empfehlungen für Thiamin (B1) Riboflavin (B2) und Vitamin C nicht. Auch die ungenügende Versorgung mit den Vitaminen B12 und D wird inzwischen als ein zentrales geriatrisches Problem betrachtet.

Die Zufuhr von Folat mit der Nahrung ist bei älteren Menschen häufig nicht sichergestellt. Allgemein werden nur etwa zwei Drittel der empfohlenen Zufuhr von mindestens 300 μg pro Tag erreicht. Zudem führen gastrointestinale Dysfunktionen zu einer Erhöhung des pH-Werts und damit zu einer schlechteren Folatresorption. Auch viele Arzneistoffe (zum Beispiel Phenytoin, Phenobarbital, Methotrexat) beeinträchtigen die Folataufnahme. Derartige Risikokonstellationen lassen sich über eine gezieltere Nahrungsaufnahme allein in der Regel nicht auffangen. Folsäure leidet durch lange Steh- und Warmhaltezeiten der Speisen ebenso wie vor allem durch das Weichkochen.

Neben einer im Alter verminderten endogenen Vitamin-D-Synthese tragen verschiedene Medikamente, insbesondere barbituratanaloge Antiepileptika wie Phenobarbital und Primidon zu einer unzureichenden Versorgung mit Vitamin D bei. Zur Verbesserung der Calciumabsorption und zur Reduktion des Knochenabbaus sind tägliche Vitamin-D-Dosen von mindestens 20 μg erforderlich.

Oft kritisch im Alter: Vitamin B12

Die Versorgung mit Vitamin B12 lässt generell zu wünschen übrig. Dies geht allerdings nicht auf eine zu geringe Zufuhr mit der Nahrung, sondern vielmehr auf eine verminderte Verwertung zurück. Atrophische Veränderungen der Magenschleimhaut sind zu circa 15 Prozent für den klinisch relevanten Vitamin-B12- Mangel bei Senioren verantwortlich. Möglicherweise werden dadurch neuropsychiatrische Ausfallserscheinungen begünstigt, die sich dann vorwiegend durch auffallende Vergesslichkeit und eine depressive Stimmungslage zu erkennen geben. Besonders bei älteren Personen mit atrophischer Gastritis sind deshalb kontinuierliche hoch dosierte Vitamin-B12-Supplemente erforderlich, mindestens 100 μg pro Tag.

Bei den Mineralstoffen muss vor allem für die suffiziente Versorgung mit Calcium und Jod gesorgt werden. Für die bestmögliche Funktion des Immunsystems spielt auch eine ausreichende Versorgung mit Zink, aber auch mit Selen und Kupfer eine wichtige Rolle. Entsprechende Studien wiesen bei Senioren positive Effekte einer Supplementierung mit physiologisch dosierten Multivitamin-/Mineralstoff-Präparaten auf die Immunkompetenz und die Anfälligkeit für Infektionskrankheiten auf.

Zink scheint dabei, wegen seiner Bedeutung für die Aktivierung der T-Lymphozyten und für die Zytotoxizität der natürlichen Killerzellen, einen gesteigerten positiven Effekt auf die Immunantwort zu besitzen. Eine Studie mit Bewohnern eines Altenheims ergab, dass bei diesen eine Supplementierung von Zink zu Verbesserungen der zellvermittelten Immunreaktion führte. Ebenso erbrachte die Ergänzung von Zink in Supplement-Kombination zur Erhöhung der Zufuhr an Energie, Protein und Spurenelementen sowie die simultane Anwendung von Arginin und Antioxidanzien eine signifikante Abnahme von Druckgeschwüren (Dekubitus).

Zusammen mit einer verminderten Immunantwort bei älteren Menschen und altersbedingten Erkrankungen zeigen sich oft gleichzeitig chronische Entzündungsprozesse. Altersbedingte Veränderungen im Intestinaltrakt werden als Risikofaktor dafür diskutiert. Die Inflammationen-fördernden Effekte können anscheinend durch eine diätetische Beeinflussung der mikrobiellen Besiedelung vermindert werden.

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