Die Zeit tickt: Treten erste Symptome auf, sind bereits 70 Prozent der Neuronen unwiderbringlich abgestorben. / © Adobe Stock/deagreez
Bisherige Therapien für die Alzheimer-Demenz – bestehend aus den Cholinesterasehemmern Donepezil und Rivastigmin sowie dem Glutamat-Antagonisten Memantin – sind laut Pharmazieprofessor Dr. Theo Dingermann bestenfalls eingeschränkt wirksam. »Sie behandeln nur Symptome, deshalb kommt ihr Einsatz viel zu spät«, sagte er bei einer Fortbildungsveranstaltung an der Universität Frankfurt am Main.
»Das Problem: Kommt es zu ersten neurokognitiven Leistungseinbußen, sind bereits 70 Prozent der Neuronen abgestorben. Die pathologischen Prozesse im Hirn gehen aber der Symptomatik um 15 bis 20 Jahre voraus«, machte Dingermann auf die Tatsache aufmerksam, dass bislang Diagnostik und Therapie den ablaufenden Ablagerungsprozessen im Hirn ziemlich hinterherhinken.
Eine Alzheimer-Erkrankung entwickelt sich kaskadenartig. Sie macht sich zunächst durch leichte Beeinträchtigungen des Denkens und Erinnerns bemerkbar und wird in diesem Anfangsstadium als leichte kognitive Störung (Mild Cognitive Impairment, MCI) bezeichnet. Bereits in dieser ersten Symptomphase der MCI sind im Gehirn der Betroffenen Ablagerungen von β-Amyloid-(Aβ-)Plaques nachweisbar. Diese sind ebenso wie Fibrillen aus hyperphosphoryliertem τ-Protein (Tau-Protein) typisch für die Alzheimer-Krankheit. Aβ und τ scheinen zusammen den fortschreitenden Gedächtnisverlust der Patienten wesentlich zu verursachen. Allerdings machte Dingermann auch klar, dass die genauen Mechanismen zwar immer besser verstanden, aber noch längst nicht aufgeklärt sind.
Statt sich bei der Alzheimertherapie nur auf Amyloid und Tau-Protein zu konzentrieren, deuten aktuelle Modelle darauf hin, dass Alzheimer vor allem auch als Störung von Systemprozessen gesehen werden muss. »Fehlregulationen der Mikroglia, die quasi als Immunsystem des Gehirns angesehen werden kann, oder die Blut-Hirn-Schranke werden bislang nicht ernst genug genommen. Auch die zentrale Insulinresistenz und damit die Entgleisung im Gehirn ist ein bisher zu wenig beachteter Player im Alzheimerprozess.«
Besondere Bedeutung misst Dingermann der Autophagie zu. »Schließlich entsteht die Alzheimer-Erkrankung nicht nur durch toxische Proteine, sondern auch durch das Versagen der Systeme, die sie abbauen sollen. Lysosomale Defekte gehören zu den frühesten pathologischen Veränderungen und fehlender Abbau fördert wiederum die Amyloidbildung und Tau-Aggregate. Das blockiert den axonalen Transport«, beschrieb der ehemalige Hochschulprofessor die Erkrankung als eine lysosomale Netzwerkstörung. »Das heißt, wir haben heute ein ganz anderes Verständnis für die Alzheimerpathologie.«