Fatigue schränkt die Betroffenen sehr in ihrer Lebensqualität ein. / © Shutterstock/VH-studio
Das Antidepressivum Fluvoxamin verbesserte im Rahmen der randomisierten, placebokontrollierten Studie »Revive together« die Fatigue bei Erwachsenen mit Long Covid signifikant im Vergleich mit Placebo, berichten kanadische Forschende im Fachblatt »Annals of Internal Medicine«. An der Studie hatten 399 Erwachsene in Brasilien teilgenommen, die nach einer Covid-19-Erkrankung mindestens 90 Tage lang unter Erschöpfung und Müdigkeit litten.
Die Schwere der Fatigue wurde anhand der »Fatigue Severity Scale« (FSS) ermittelt, die insgesamt neun Aspekte abfragt und maximal einen Wert von 7 annehmen kann. Der mediane FSS-Wert lag zu Beginn der Untersuchung in den einzelnen untersuchten Gruppen bei 5,6 bis 5,9 Punkten. Die Teilnehmenden erhielten nach dem Zufallsprinzip entweder den selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) Fluvoxamin (zweimal täglich 100 mg), das Diabetesmedikament Metformin (zweimal täglich 750 mg) oder Placebo.
Sowohl das Antidepressivum als auch Metformin gelten laut den Forschenden aufgrund mechanistischer Überlegungen als plausible Kandidaten zur Behandlung von Fatigue im Rahmen von Long Covid. Eine randomisierte Studie hatte zuletzt Hinweise geliefert, dass Metformin das Auftreten von Long Covid verhindern könnte – hier wurde das Antidiabetikum allerdings schon während der akuten Infektion eingenommen. Eine Wirkung auf Fatigue vermuteten die Wissenschaftler unter anderem aufgrund antientzündlicher Effekte und Einfluss auf die Mitochondrienfunktion. Bei Fluvoxamin könnten die zentrale Wirkung und immunmodulatorische Effekte relevant sein.
Die Studie zeigte nur für das Antidepressivum einen Effekt: Unter Fluvoxamin ging die Fatigue deutlich schneller zurück als unter Placebo. So lag der FSS-Wert nach 60 Tagen durchschnittlich 0,42 Punkte niedriger als in der Placebo-Gruppe, nach 90 Tagen um 0,58 Punkte niedriger. Auch die selbst berichtete Lebensqualität der Teilnehmenden stieg in der Fluvoxamin-Gruppe signifikant an. Für Metformin konnte hingegen keine signifikante Wirkung auf die Fatigue nachgewiesen werden.
Auch wenn Long Covid eine komplexe Erkrankung mit vielfältigen Symptomen ist, liefert die Studie im Hinblick auf das Symptom Fatigue vielversprechende Ergebnisse. »Dies ist ein wichtiger Fortschritt für Patienten, die dringend evidenzbasierte Therapieoptionen benötigen. Da Fluvoxamin bereits weit verbreitet und gut erforscht ist, besitzt es ein klares Potenzial für den klinischen Einsatz«, so Studienautor Dr. Edward Mills von der McMaster University, Ontario Kanada.
Es brauche jedoch weitergehende Untersuchungen, bemerken die Autorinnen und Autoren – zum Beispiel, um zu klären, ob die Wirkung über biologische Signalwege zustande kommt, die mit der Pathophysiologie von Long Covid zusammenhängen, oder ob die verminderte Fatigue die Verbesserung von depressiven Symptomen widerspiegelt.
In der aktuellen Studie waren Patienten mit einer diagnostizierten Depression und Patienten, die bereits Antidepressiva einnahmen, ausgeschlossen, nicht jedoch Patienten, die depressive Symptome angaben. Fatigue trete grundsätzlich auch unabhängig von Depression und psychischen Erkrankungen auf, betonen die Autoren. Zukünftige Studien sollten ihnen zufolge die standardisierte Erfassung von Depression und Angststörungen enthalten und außerdem auch Entzündungsmarker und metabolische Marker untersuchen, um den Mechanismus zu klären.
Laut Robert-Koch-Institut spricht man von »Long Covid«, wenn nach einer SARS-CoV-2-Infektion längerfristige gesundheitliche Einschränkungen bestehen, die über die akute Krankheitsphase von vier Wochen hinausgehen. Die anhaltenden oder immer wiederkehrenden Beschwerden treten entweder direkt auf oder sie entwickeln sich im Verlauf von Wochen oder Monaten. Die Symptome können körperlicher, kognitiver oder psychischer Art sein und die Lebensqualität stark beeinträchtigen. Auch Organschäden oder das Neuauftreten chronischer Erkrankungen sind möglich.
Es sei davon auszugehen, dass es sich bei Long Covid nicht um ein einheitliches Krankheitsbild handelt, schreibt das Robert-Koch-Institut. Die Mechanismen seien nur unzureichend verstanden, was Diagnostik und Behandlung erschwere.
Gut zu wissen: Der Begriff »Post-Covid-Syndrom« wird verwendet, wenn explizit Beschwerden gemeint sind, die mehr als 12 Wochen nach der akuten Infektion bestehen oder nach diesem Zeitraum neu auftreten und nicht anderweitig erklärbar sind.
Coronaviren lösten bereits 2002 eine Pandemie aus: SARS. Ende 2019 ist in der ostchinesischen Millionenstadt Wuhan eine weitere Variante aufgetreten: SARS-CoV-2, der Auslöser der neuen Lungenerkrankung Covid-19. Eine Übersicht über unsere Berichterstattung finden Sie auf der Themenseite Coronaviren.