| Verena Schmidt |
| 24.04.2026 08:00 Uhr |
Mit dem Start der Beikost entdecken Babys neue Geschmäcker: Schritt für Schritt ergänzen Brei und feste Lebensmittel die Milchmahlzeiten. / © Adobe Stock/luckybusiness
Seit kurzer Zeit steht in Deutschland erstmals eine evidenzbasierte S3-Leitlinie zur Stilldauer zur Verfügung. Müttern wird nun empfohlen, sechs Monate lang ausschließlich zu stillen, insgesamt soll mindestens bis zum ersten Geburtstag gestillt werden. Damit unterscheidet sich die neue Leitlinie deutlich von den bisherigen Empfehlungen der Nationalen Stillkommission: Bislang wurde in Deutschland dazu geraten, die Beikost ab dem vollendeten vierten Lebensmonat einzuführen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO allerdings hatte bereits zuvor schon sechs Monate ausschließliches Stillen empfohlen.
Dass die Beikost nun später eingeführt werden soll, kritisieren unter anderem die Kinderärzte. Dr. Anke Steuerer, Vizepräsidentin des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzt*innen, sagte laut einer Pressemeldung des Verbands: »Die starre Empfehlung, erst ab dem siebten Lebensmonat Beikost zu füttern, wird der individuellen Entwicklung der Säuglinge nicht gerecht. Manche Kinder sind im fünften Monat bereit für den Beikostbeginn – dieser sollte ihnen dann auch nicht vorenthalten werden.« Sie kritisierte auch, dass die strikte Regelung einen unnötigen psychosozialen Druck auf Familien ausübe und zu Verunsicherung beitrage.
Für volle sechs Monate zu stillen, steht auch im Widerspruch zu einer anderen Leitlinie, und zwar der S3-Leitlinie zur Allergieprävention. Diese empfiehlt, frühestens ab Beginn des fünften und spätestens ab Beginn des siebten Lebensmonats mit der Beikost zu starten. Die Beikost früh einzuführen, schade nicht, im Gegenteil: Ein Beginn der Beikostfütterung – auch von Lebensmitteln mit hohem allergenen Potenzial – zwischen etwa vier und sechs Monaten reduziere das Allergierisiko im Vergleich zu einem späteren Beginn mit einem halben Jahr, so die Leitlinienautoren.
Jede Familie muss hier wohl gemeinsam mit Kinderarzt und Hebamme entscheiden, was in puncto Stillen und Beikost das Beste für Mutter und Kind ist. Die Autoren der neuen Still-Leitlinie jedenfalls betonen auch, dass die Empfehlung als Leitfaden zu sehen ist und Orientierung bieten soll. Frauen könnten natürlich länger stillen, sie würden aber auch nicht zum Stillen gezwungen, wenn dies aus verschiedenen Gründen nicht infrage komme. Ähnlich zur Stilldauer ist übrigens auch zum Thema Beikost eine S3-Leitlinie in Planung; deren Fertigstellung ist für das kommende Jahr geplant.
Bei der Frage, wann Beikost eingeführt wird, kommt es ohnehin nicht allein auf das Alter des Kindes an, sondern vor allem auf den individuellen Entwicklungsstand. Dass es Zeit für den ersten Brei wird, erkennen Eltern an den sogenannten Beikostreifezeichen:
Ist das Baby bereit, kommt als erster Brei traditionell der Gemüse-Kartoffel-Fleisch-Brei auf den Löffel. Zur Einführung bekommt das Kind als Mittagsmahlzeit zunächst einige Löffelchen fein püriertes Gemüse angeboten. Viele Eltern starten mit Karottenmus, es kann aber auch ein anderes gut verträgliches Gemüse sein wie Kürbis, Blumenkohl, Brokkoli, Kohlrabi, Pastinake oder Zucchini. Anschließend erhält das Baby wie gewohnt Muttermilch beziehungsweise Prenahrung, bis es satt ist.
Die Menge an Gemüsebrei wird in den folgenden Tagen langsam auf 100 g gesteigert. Dann wird zunächst eine gegarte Kartoffel und ein Esslöffel Rapsöl ergänzt und zu guter Letzt kommen 30 g mageres Fleisch und 1,5 Esslöffel Obstsaft hinzu.
Bei den Breizutaten ist Variation erwünscht: Die Gemüsesorten sollten sich abwechseln, die Kartoffeln können mal durch Nudeln, Reis oder andere Getreidesorten ersetzt werden. Fisch, auch fettreicher Fisch wie Lachs, kann statt Fleisch ein bis zwei Mal die Woche gefüttert werden. Als Ersatz für den fleischhaltigen Brei kann auch ein vegetarischer Gemüse-Kartoffel-Getreide-Brei mit Zugabe eines Vitamin-C-reichen Safts oder Obstpüree gegeben werden.
Nach etwa einem Monat – die Dauer variiert von Kind zu Kind – ist idealerweise eine ganze Milchmahlzeit durch den Brei zu ersetzen. Wenn das Baby die ganze Breimenge schafft, braucht es danach nicht mehr gestillt werden beziehungsweise eine Flasche bekommen.
Nun kommt der zweite Brei ins Spiel, meist der Milch-Getreide-Brei. In vielen Familien wird er abends gefüttert, kann aber auch nachmittags oder mittags gegeben werden. Wer den Milchbrei selbst zubereiten möchte, sollte dafür pasteurisierte und ultrahocherhitzte Vollmilch, länger frische (ESL) H-Milch mit 3,5 Prozent Fett oder eine Säuglingsmilch verwenden. Roh- oder Vorzugsmilch sind keinesfalls geeignet, da sie Bakterien enthalten können, die bei Kindern teils schwere Lebensmittelinfektionen auslösen. Wer fertigen Milchbrei kauft, sollte Produkte mit möglichst wenigen Zutaten wählen. Kakao, Schokolade, Aromen und Süßungsmittel haben im Babybrei nichts zu suchen. Auch Zusätze von Vitaminen, Mineralstoffen und Milchsäurebakterien sind nicht nötig.
Nach etwa einem weiteren Monat kommt der dritte Brei hinzu, der milchfreie Getreide-Obst-Brei. Vollkorngetreideflocken für Babys (ohne Zuckerzusatz), zum Beispiel Hafer-, Dinkel-, Weizen- oder Hirseflocken, werden mit etwas Wasser verrührt, aufgekocht und quellen gelassen. Dazu kommt dann Obstpüree – gut verträglich sind etwa Apfel, Birne, Pfirsich, Aprikose, Nektarine, Banane – und etwas Rapsöl.
Bei den Zutaten ist Abwechslung wichtig, damit das Baby früh viele Geschmäcker kennenlernt. Neue Lebensmittel sollten, auch wenn sie zunächst verweigert werden, mehrmals ohne Zwang angeboten werden. Will das Kind irgendwann den Löffel selbst halten und zum Mund führen, sollten die Eltern das unterstützen – auch wenn das viel Kleckerei bedeutet.
Wenn das Baby schließlich drei Breie am Tag isst, braucht es außer Muttermilch oder Prenahrung zusätzlich Wasser zum Trinken, am besten aus Tasse oder Becher. Dauernuckeln mit einem Saft in der Flasche oder die »Flasche zum Einschlafen« mit Milch oder gar zuckerhaltigen Getränken können die Zähne schädigen. Kuhmilch eignet sich zum Trinken erst gegen Ende des ersten Lebensjahres – und zwar nur zur Brotmahlzeit aus Becher oder Tasse. Andere Milchprodukte, etwa Quark oder Fruchtjoghurt als Zwischenmahlzeit oder Dessert, werden im ersten Lebensjahr ebenfalls noch nicht gefüttert.
Auch nach dem Beikoststart wird das Kind so lange weiter zusätzlich gestillt, wie Mutter und Kind es möchten. Zum Ende des ersten Lebensjahres löst die (schwach gewürzte) Familienkost dann nach und nach die Breiphase ab.
Diese schrittweise Einführung der verschiedenen Breie und eine gleichzeitige Reduzierung der Stillfrequenz ist der klassische Weg der Beikosteinführung, der seit Jahrzehnten einem festen Schema folgt. Heute sieht man das Ganze jedoch flexibler und individueller: Je nach Vorlieben und dem Geschmack von Baby und Eltern kann man – in Absprache mit Kinderarzt und Hebamme – von diesem Plan abweichen und ihn verändern.
Eine etwas andere Methode der Beikosteinführung ist das Baby-led weaning (BLW). Das Prinzip: Das Baby isst von Anfang an selbstständig, es wird nicht mit Brei gefüttert, sondern bekommt weiche, handliche Stücke von normalen Lebensmitteln, zum Beispiel gedünstete Karotte, Avocado, weiche Süßkartoffel, Banane, weich gekochter Brokkoli, Toaststreifen oder weiches, gut durchgegartes Rührei. Dabei darf das Kind selbst entscheiden, was und wie viel es isst.
Viele Eltern und Fachleute empfinden es als Vorteil, dass das Baby beim BLW die Nahrung selbst greifen und zum Mund führen kann. Das trainiert Feinmotorik, Kauen und Koordination. Das Kind lernt früh verschiedene Geschmäcker und Texturen von Lebensmitteln kennen und entwickelt möglicherweise ein besseres Sättigungsgefühl.
Viele Eltern sorgen sich jedoch, dass sich das Kind womöglich leichter verschlucken kann. Studien zeigen aber kein höheres Erstickungsrisiko als beim Breiessen, wenn geeignete weiche Lebensmittel gegeben werden und das Baby aufrecht sitzt. Wichtig: Lebensmittel, die hart, klein und rund sind, sind aufgrund der Erstickungsgefahr tabu, beispielsweise ganze Nüsse, harte rohe Karotten, Heidelbeeren oder ganze Trauben.
Beim Baby-led weaning sei es schwieriger, sicherzustellen, dass das Baby alle nötigen Nährstoffe bekommt, schreibt das Netzwerk Gesund ins Leben. Da es sich sozusagen selbst füttert, können die Eltern schlechter nachvollziehen, was es in welcher Menge gegessen hat. Zudem hänge die Qualität der Ernährung stark von dem Angebot auf dem Esstisch sowie letztlich der Lebensmittelauswahl des Säuglings ab.
Ein häufiger ernährungsphysiologischer Fehler ist etwa, dass beim BLW zu wenig eisenreiche Lebensmittel angeboten werden. Zum Hintergrund: Ab etwa sechs Monaten sind die Eisenspeicher des Babys ausgeschöpft. Wer das Baby ausschließlich per BLW ernährt, sollte daher regelmäßig eisenreiche Lebensmittel anbieten, etwa weich gegartes Rindfleisch, Linsen, Kichererbsen, Ei oder Haferflocken.
Die beiden Konzepte schließen sich natürlich nicht aus, ganz im Gegenteil. Viele Familien nutzen heute eine Mischform: Das Baby bekommt sowohl Fingerfood als auch Brei. Nach dem Prinzip des »Responsive Feeding« – also eines Fütterns nach Bedarf – orientieren sich die Eltern dabei vor allem an den Bedürfnissen des Kindes. Wichtig ist dabei auch immer: Die Kinder sollen nicht zum Essen gedrängt werden oder durch Ablenkung oder Spielen zum Essen überredet werden. Die Atmosphäre am Familientisch sollte harmonisch und entspannt sein, das Kind soll mit dem Essen positive Erfahrungen verknüpfen.
Laut der oben bereits erwähnten, 2022 aktualisierten S3-Leitlinie zur Allergieprävention sollte die angebotene Beikost eine breite Vielfalt an Nahrungsmitteln umfassen – inklusive Fisch, Milchprodukten und vollständig durcherhitztem Ei. Neben dem Geschmack trainiert diese Vielfalt auch das Immunsystem: Säuglinge, die mit dem Start der Beikost auch allergene Nahrungsmittel wie Erdnuss (als Mus!) und Ei essen, entwickeln seltener eine Allergie. Das zeigt unter anderem eine australische Studie mit mehr als 1000 Babys, die alle ein erhöhtes Allergierisiko hatten – etwa, weil nahe Verwandte Nahrungsmittelallergiker sind.
Die Kinder, die früh allergieauslösende Lebensmittel bekamen, entwickelten seltener eine Allergie. Zum Beispiel: 3 Prozent der früh mit Ei gefütterten Kinder entwickelten eine Eiallergie – in der Kontrollgruppe waren es dagegen 12 Prozent. Bei der Erdnussallergie lag der Anteil bei den früh eingeführten Kindern bei 1 Prozent, bei den Kindern, die erst später Erdnüsse bekamen, bei 6 Prozent. Auch bei der Kuhmilchallergie zeigte sich in der Studie ein positiver Effekt, dieser war allerdings etwas schwächer ausgeprägt.
Für Babys ist eine ausreichende Jodversorgung besonders wichtig, da das Spurenelement essenziell für die geistige und körperliche Entwicklung ist. Im ersten halben Jahr versorgen Muttermilch oder Formula-Nahrung Babys mit Jod. In der darauffolgenden Beikost-Zeit ist es wichtig, dass die Breimahlzeiten genug Jod enthalten.
Da Babys Immunsystem noch nicht ausgereift ist und Keime daher schlecht abwehren kann, ist eine sorgfältige Hygiene rund um das Füttern und die Zubereitung der Beikost entscheidend. Wer fertige Gläschen verwendet, sollte das Kind beispielsweise nicht direkt daraus mit dem Löffel füttern. Besser: Eine kleine Menge in eine Schüssel füllen, damit Keime nicht aus dem Mund des Babys über den Löffel ins Gläschen gelangen. Der Breirest kann sonst nicht weiterverwendet werden. Auch sollten Erwachsene den Löffel nicht selbst ablecken, um keine Kariesbakterien auf das Kind zu übertragen.
Breireste können die Eltern prinzipiell ein bis drei Tage im Kühlschrank im geschlossenen Glas aufbewahren und weiter verfüttern. Einmal erhitzte Gläschenkost sollte aber grundsätzlich nicht aufbewahrt werden. Vor allem Gläschen, die Spinat enthalten, sollten wegen des hohen Nitratgehaltes grundsätzlich nicht noch einmal erwärmt werden. Zimmertemperatur reicht zum Füttern übrigens aus, die Breie müssen nicht zwangsläufig vor dem Essen erwärmt werden.
Wer die Breimahlzeiten selbst kocht, sollte alle Küchengeräte zuvor in der Spülmaschine bei 65 °C oder mit heißem Wasser und Spülmittel gründlich reinigen und wieder gut abspülen. Der selbstgekochte Brei kann im Kühlschrank (kälteste Zone, auf der Glasplatte über dem Gemüsefach) etwa 24 Stunden lang aufbewahrt werden.
Größere Mengen können auch portionsweise eingefroren werden. Der Brei sollte dazu nach dem Pürieren möglichst schnell herunterkühlen und dann rasch in das Gefrierfach kommen, damit sich Keime nicht vermehren können. Die eingefrorenen Breie halten sich dann bei -18 °C bis zu zwei Monate.
Unmittelbar vor dem Füttern sollte der Brei schnell aufgetaut werden, entweder im Wasserbad oder in der Mikrowelle, um Vitaminverluste zu vermeiden. Vor dem Füttern gut durchrühren und die Temperatur testen! Denn gerade in der Mikrowelle wird das Essen ungleichmäßig erhitzt und das Kind könnte sich verbrühen. Einmal aufgetaute Breiportionen dürfen nicht erneut erwärmt oder tiefgefroren werden.