| Verena Schmidt |
| 22.04.2026 08:00 Uhr |
Stillen sieht bei manchen Müttern so einfach aus – tatsächlich können aber viele Probleme die Stillbeziehung beeinträchtigen. / © Adobe Stock/Seventyfour
PTA-Forum: Was brauchen Mutter und Kind kurz nach der Geburt für einen guten Start beim Stillen und wie kann man die Entwicklung einer guten Stillbeziehung fördern?
Falter: Kinder kommen mit allem auf die Welt, was sie brauchen, um die Brust zu finden und zu stillen. Bereits in der Schwangerschaft werden die Mamille (Brustwarze) und Areola (Warzenhof) dunkler. Neugeborene sehen noch sehr unscharf, können aber Kontraste bereits gut erkennen und so die Brust besser finden. Spezielle Drüsen, die sogenannten Montgomery-Drüsen, sondern zudem Duftstoffe ab, die dem Geruch des Fruchtwassers ähneln. Durch verschiedene Reflexe können Babys sogar direkt nach der Geburt in einer primitiven »Krabbel«-Bewegung, dem Breast Crawl, selbstständig zur Brust gelangen und andocken. Während also das Stillen für Neugeborene sehr intuitiv ist, ist es das für Mütter nicht unbedingt – hier sind Unterstützung und Vorabinformationen sinnvoll.
Bei gesunden Neugeborenen ist es toll, wenn sie direkt nach der Geburt auf den Bauch oder die Brust der Mutter gelegt werden – dieser enge Haut-an-Haut-Kontakt fördert die Ausschüttung von Oxytocin, eines der Schlüsselhormone für das Stillen. In den ersten 24 Stunden sollte das Baby auch immer möglichst bei der Mutter bleiben. Ein Zufüttern sollte nur bei einer medizinischen Indikation erfolgen, zum Beispiel bei überschießender Gewichtsabnahme oder einem ausgeprägten Neugeborenenikterus. In den ersten Tagen ist der Magen des Neugeborenen circa kirschgroß – es werden also nur sehr geringe Mengen Kolostrum pro Mahlzeit benötigt.
Wichtig ist außerdem Ruhe – das Baby muss nicht sofort die Brust erfassen und saugen, sondern darf sie erst einmal erkunden und sich damit vertraut machen. Ruhe ist auch für die Mutter sinnvoll – Stress ist für die Milchbildung kontraproduktiv.
Stillen nach der Uhr wird nicht mehr empfohlen – vielmehr sollen Babys nach Bedarf gestillt werden. Bei Frühchen, Neugeborenenikterus, geringem Geburtsgewicht und unzureichender Gewichtszunahme ist es allerdings nötig, Babys zum Stillen in regelmäßigen Abständen zu wecken.
Als Faustregel gilt außerdem: Innerhalb von 24 Stunden sollte etwa acht- bis zwölfmal gestillt werden, um in die volle Milchbildung zu kommen. Kann, aus welchem Grund auch immer, diese Stillfrequenz nicht gewährleistet werden, sollte ergänzend Milch abgepumpt werden.
PTA-Forum: Falsches Saugen, wunde Brustwarzen und Co.: Vielen Müttern tut Stillen gerade zu Beginn weh. Was sind die häufigsten Probleme und was kann man tun?
Dr. Lena Falter berät Mütter zu den Themen Stillen, Beikost und Schlaf – vor Ort, telefonisch oder online. / © privat
Falter: Schmerzen und wunde Brustwarzen sind nicht normal – vor allem sind sie nichts, durch das man »einfach durch muss«. Was in den ersten Tagen und Wochen normal sein kann, ist ein unangenehmes Gefühl beim Andocken, das aber nach einigen Sekunden vergeht. Alles, was darüber hinausgeht – insbesondere wenn es mit wunden Brustwarzen, weißlichen Verfärbungen oder einer spitzen Verformung der Brust einhergeht – sollte durch eine Stillberaterin beurteilt werden. Oft reicht es aus, das Anlegen zu optimieren, indem man das asymmetrische Anlegen fördert: Brustwarze auf Höhe der Nase platzieren, eine Überstreckung des Köpfchens ermöglichen, indem man das Baby nicht am Kopf, sondern zwischen den Schulterblättern stabilisiert, und zuerst das Kinn an die Brust führen.
Ein weiterer Grund für Stillprobleme, der leider oft nicht ernst genommen oder als »Modediagnose« abgetan wird, sind orale Restriktionen wie etwa das zu kurze Zungenband. Hier ist der physiologische Bewegungsablauf eingeschränkt und es kann zu „Kaubewegungen“, Kneifen der Brust und Problemen bei der Milchentleerung kommen. Wichtig: Eine orale Restriktion sollte keine reine Blickdiagnose sein – entscheidend ist die Funktion der Zunge, die in der Untersuchung beurteilt wird.
PTA-Forum: Wann kann der Einsatz von Stillhütchen hilfreich sein? Worauf sollte man dabei achten?
Falter: In manchen Fällen kann ein vorübergehender Einsatz von Stillhütchen eine gewisse Entlastung darstellen, zum Beispiel bei echten Schlupfwarzen (die aber selten sind), starken Schmerzen oder oralen Restriktionen. In der Praxis sehe ich leider häufig, dass Stillhütchen zu früh, teilweise bereits im Kreißsaal, gegeben werden und nicht auf Ursachensuche gegangen wird, warum das Stillen ohne Hütchen nicht gelingt. Das führt dann häufig dazu, dass Babys die »echte« Brust nicht kennenlernen und ihr Saugmuster auf das Stillhütchen und nicht auf die Brust abstimmen.
Was man beachten sollte: keine Stillhütchen im Kreißsaal – gelingt das Anlegen hier nicht, kann Kolostrum per Hand gewonnen und per Spritze oder Löffel gefüttert werden. Stillhütchen sind eine rein symptomatische Behandlung – werden sie längerfristig benötigt, sollte man auf Ursachensuche gehen. Und: Stillhütchen erschweren die Milchentleerung und die Stimulation der Brust – sie können so Milchstaus und eine zu niedrige Milchproduktion begünstigen und letztendlich die Stillbeziehung gefährden.
PTA-Forum: Was kann man tun, wenn die Mutter zu wenig Milch produziert?
Falter: Als Erstes sollte eine Stillberaterin prüfen, ob wirklich zu wenig Milch das Problem ist oder andere Ursachen etwa für kindliche Unruhe oder eine unzureichende Gewichtszunahme vorliegen. Soll die Milchmenge gesteigert werden, dann ist das Wichtigste eine regelmäßige und effektive Stimulation und Entleerung der Brust – ob durch häufiges und effektives Anlegen, Handentleerung oder Pumpen. Gleichzeitig ist es wichtig, Stress zu reduzieren – das ist oft leichter gesagt als getan, wenn man zwischen Stillen, Wiegen, Pumpen und Zufüttern wechselt. Unterstützung von Freundinnen, Familie oder auch Mütterpflegerinnen kann hier ein wichtiges Puzzleteil sein.
Kindliche und mütterliche Ursachen sollten ausgeschlossen werden – so können zum Beispiel eine Hypothyreose oder Plazentareste die Milchbildung beeinträchtigen. Beim Stillen kann ein häufigerer Seitenwechsel, eine Brustkompression während des Stillens und eine anschließende Handgewinnung die Milchproduktion steigern; Ähnliches gilt für das Pumpen.
Was man sich sparen kann: Malzbier, Bockshornklee und Co. – teilweise ist die Studienlage zwar nicht ganz eindeutig, die effektive Brustentleerung und -stimulation sind aber entscheidend.
PTA-Forum: Und das Gegenteil: Manche Mütter produzieren zu viel Milch. Wie geht man hier am besten vor? Was hilft bei Milchstau und Mastitis?
Falter: Eine ganz wichtige Frage – diese sogenannte Hyperlaktation wird oft als »Luxusproblem« dargestellt, kann aber durchaus sehr belastend sein. Hier ist es sinnvoll, das Stillmanagement zu betrachten: Wird sehr häufig die Seite gewechselt? Wird zusätzlich gepumpt oder ein Vakuum-Milchauffänger benutzt? Kann das Baby zum Beispiel aufgrund einer oralen Restriktion den Milchfluss nicht steuern und stimuliert die Brust zu stark?
In vielen Fällen hilft hier das sogenannte Blockstillen – dabei wird über mehrere Stunden immer nur eine Brust angeboten. Das sollte aber immer fachlich begleitet werden, um Milchstaus oder eine zu starke Reduktion der Milchmenge zu verhindern. Reichen die genannten Maßnahmen nicht aus, kann eine medikamentöse Therapie erwogen werden.
Tritt ein Milchstau auf, sollte die Brust nach Bedarf des Kindes gestillt werden. Eine übermäßige Entleerung durch zusätzliches Pumpen oder häufigeres Anlegen sollte man vermeiden, um die Milchproduktion nicht unnötig zu steigern und das Gewebe zu schonen. Eine sanfte Handentleerung kleiner Milchmengen kann bei Schmerzen das Wohlbefinden steigern. Da bei einem Milchstau ein Gewebeödem mit Entzündung vorliegt, ist eine sanfte, oberflächliche Massage von der Mamille in Richtung Axilla sinnvoll, um den Lymphabfluss zu fördern. Kräftige Massagen oder Vibration hingegen werden nicht mehr empfohlen, da sie das Gewebe verletzen und die Entzündung verstärken können.
Zur Linderung sind Kühlen nach dem Stillen und antiinflammatorische Schmerzmittel wie Ibuprofen indiziert. Sie reduzieren die Schwellung und fördern so indirekt den Milchfluss. Unterstützend kann Lecithin eingenommen werden, um die Flusseigenschaften der Milch zu verbessern. Wichtig ist zudem Ruhe und Stressvermeidung, um die Regeneration zu fördern.
Bei einer Mastitis zeigen sich zusätzlich Symptome wie Rötung, Abgeschlagenheit und Fieber. Hier kann bei milden Symptomen zunächst ein Therapieversuch mit den genannten Maßnahmen erfolgen. Bleiben die Symptome länger als 24 Stunden, sollte jedoch eine ärztliche Vorstellung erfolgen. Gegebenenfalls ist eine antibiotische Therapie indiziert.
PTA-Forum: Manche Babys tun sich schwer, Milch an der Brust zu trinken oder verweigern gar die Brust, wenn sie auch Schnuller oder Flasche bekommen. Wie kann man dieser Saugverwirrung vorbeugen? Sind manche Sauger hier besser geeignet als andere?
Falter: Die Saugverwirrung ist wissenschaftlich nach aktuellem Wissensstand nicht eindeutig belegt – es gibt Daten, die zeigen, dass die Nutzung künstlicher Sauger die Stilldauer verkürzen kann, aber auch Studien, die nahelegen, dass Schnuller bei Frühchen die Mundmotorik fördern können. Ein Grund, warum eine Saugernutzung das Stillen möglicherweise gefährdet, könnte das deutlich unterschiedliche Saugmuster sein. Möglicherweise ist es aber auch so, dass die Schnullernutzung dazu führt, dass Babys nicht schon bei frühen Hungerzeichen angelegt werden und später zu unruhig sind, um die Brust gut zu erfassen. Die Beratungspraxis zeigt: Gerade wenn Sauger häufig genutzt werden und der Milchtransfer einfacher ist als an der Brust, kann es zu Problemen kommen.
Immer wieder wird mit besonders brustähnlichen, »stillfreundlichen« Saugern geworben – ein geringeres Risiko für Stillprobleme ist hier aber nicht erwiesen und auch bei »brustähnlichen Saugern« liegt ein anderes Saugmuster als beim Stillen an der Brust vor. Zudem handelt es sich bei künstlichen Saugern um einen Fremdkörper im Mund, der sich anders verhält als die Brust. Bei längerer Nutzung kann es dazu kommen, dass der Gaumen sich nicht physiologisch abflacht, sondern hoch und spitz bleibt. Auch Zahn- und Kieferfehlstellungen werden begünstigt.
Was man beachten sollte, wenn man Sauger einsetzen möchte: beim kleinsten Sauger bleiben, damit Kiefer, Zungenruhelage und weitere Folgen möglichst wenig beeinträchtigt werden, beim Schnuller einen möglichst schmalen Steg wählen und auf schwere Schnullerketten verzichten (besser sind etwa Schnullerbänder, maximale Länge 22 cm). Sauger sollten außerdem bewusst eingesetzt und im Schlaf entfernt werden. Bei der Flaschenfütterung sollte unter anderem auf eine kleine Saugeröffnung geachtet werden.
PTA-Forum: Welche Ernährungstipps kann man Müttern für die Stillzeit geben?
Falter: Stillende sollten 100 bis 150 µg Jod/Tag supplementieren, bei Schilddrüsenerkrankungen sollten sie ärztliche Rücksprache halten. Während die grobe Milchzusammensetzung (Eiweiß-, Kohlenhydrat- und Fettgehalt) weitgehend unabhängig von der mütterlichen Ernährung ist, Hungerzustände und Adipositas ausgenommen, scheint aber die Fettsäurezusammensetzung der Milch mit der der Ernährung zu korrelieren. Eine ausgewogene, energiereiche Ernährung ist dennoch sinnvoll, um die Stillende gut mit Nährstoffen zu versorgen. Der Körper priorisiert bei Nährstoffmangel in der Regel die Milchzusammensetzung zulasten der mütterlichen Gesundheit.
Dass Stillende blähende Lebensmittel wie Kohl, Hülsenfrüchte oder Zwiebeln meiden sollten, ist immer noch ein weit verbreiteter Mythos und pathophysiologisch wenig sinnvoll – die im Darm entstehenden Gase gelangen nicht in die Muttermilch. Ein Sonderfall ist die Kuhmilcheiweißallergie des Säuglings – hier sollte die Stillende auf Kuhmilchprodukte verzichten.
PTA-Forum: Wie kann man die neuen Empfehlungen zum Stillen – Beikoststart nach sechs Monaten und insgesamt mindestens zwölf Monate stillen – einordnen? Setzt das Mütter nicht noch mehr unter Druck als ohnehin schon?
Falter: Meine persönliche Erfahrung zeigt, dass die Empfehlung zur Stilldauer viele Mütter entlastet, da sie weniger kompliziert ist als die bisherige Empfehlung zum Beikoststart, wo verschiedene Faktoren beachtet werden mussten. Auf der anderen Seite sind Eltern, die bereits früher mit der Beikost gestartet sind, nun verunsichert – und Eltern, die Formulanahrung füttern, finden sich in der neuen Empfehlung ebenso wenig.
Wichtig ist mir hier, zu betonen, dass es sich um eine Leitlinie handelt – nicht um ein Gesetz – und dass auch hier die individuelle Reife des Kindes betont und Abweichungen explizit »erlaubt« werden. Und natürlich ist es weiterhin eine legitime Entscheidung, wenn eine Mutter sich dafür entscheidet, nicht oder weniger lang zu stillen. Gleichzeitig finde ich es wichtig, über die positiven Effekte des Stillens wertungsfrei aufzuklären.
PTA-Forum: Vielen Dank für das Gespräch!