PTA-Forum online Avoxa
instagram facebook

Raffinierte Streptokokken
-
Bakterien von harmlos bis lebensgefährlich

Streptokokken sind Meister der Vielfalt. Sie besiedeln völlig unbemerkt Haut und Schleimhäute. Gleichzeitig gehen zahlreiche, teils schwerwiegende Erkrankungen auf ihr Konto – etwa Lungenentzündungen, Scharlach oder Blutvergiftung. Ihre Superpower: eine Vielzahl von Strategien, das Immunsystem zu umgehen oder für ihre eigenen Zwecke zu missbrauchen.
AutorKontaktClaudia Wildenrath
Datum 06.02.2026  16:00 Uhr

Borkenflechte und Wundrose

Relativ häufig führt S. pyogenes darüber hinaus zu Hautinfektionen wie der ansteckenden Borkenflechte (Impetigo contagiosa). Sie tritt vor allem bei Kleinkindern auf. Der pustelige Ausschlag beginnt in der Regel rund um Mund und Nase und verkrustet rasch. Auch das Erysipel, eine schmerzhafte, nicht eitrige Hauterkrankung von Erwachsenen, wird meist durch S. pyogenes verursacht. Als Eintrittspforte nutzt das Bakterium zum Beispiel kleine Verletzungen, Insektenstiche oder chronische Geschwüre.

Selten, aber sehr gefährlich ist eine Weichteilinfektion durch toxinbildende A-Streptokokken: Die nekrotisierende Fasziitis schreitet sehr schnell voran und lässt das Gewebe absterben. Oft hilft nur eine großflächige operative Entfernung des Entzündungsherds. Breiten sich die Bakterien weiter im Körper aus, droht eine Blutvergiftung (Sepsis) und/oder ein Multiorganversagen.

Gefahr fürs Baby

Ebenfalls zu den beta-hämolysierenden Streptokokken zählt S. agalactiae. Diese Art bezeichnen Mediziner auch als B-Streptokokken. Sie finden sich bei vielen Menschen auf Haut und Schleimhäuten, vor allem im Urogenitaltrakt – können aber bei älteren und immungeschwächten Personen einen Harnwegsinfekt, eine Wundinfektion oder sogar eine Hirnhautentzündung (Meningitis) auslösen. Gefürchtet sind sie vor allem in der Geburtshilfe: B-Streptokokken können bei der Entbindung von einer asymptomatischen Trägerin auf das Kind übergehen und eine Neugeborenen-Sepsis verursachen. Betroffen ist etwa eines von 1000 Neugeborenen. Mögliche Symptome sind Atemnot, Krämpfe, Apathie und eine bläuliche Hautverfärbung.

Wird die Blutvergiftung zu spät erkannt und behandelt, sterben bis zu 50 Prozent der betroffenen Babys.

In früheren Zeiten und unter schlechten Hygienebedingungen spielten B- und A-Streptokokken außerdem eine Rolle als Verursacher des Kindbettfiebers. Bis ins 19. Jahrhundert war es eine der häufigsten Todesursachen von Wöchnerinnen. Heute kommt es zum Glück nur noch sehr selten vor.

Pneumokokken zählen dazu

Auch Pneumokokken (eingedeutschte Bezeichnung für die Spezies S. pneumoniae) verursachen bei den meisten Menschen keine Symptome. Nach Schätzungen der ECDC (European Centre for Disease Prevention and Control) besiedeln sie bei 20 bis 40 Prozent der Kinder und 5 bis 10 Prozent der Erwachsenen völlig unbemerkt den Nasen-Rachen-Raum. Übertragen werden sie durch Tröpfcheninfektion, also etwa beim Niesen oder Husten. Unter bestimmten Umständen können Pneumokokken aber so schwerwiegende Erkrankungen wie eine Lungen- oder Hirnhautentzündung hervorrufen. In Deutschland sterben Schätzungen zufolge daran jedes Jahr über 5000 Menschen.

Ob Pneumokokken zum Krankheitserreger werden oder nicht, hängt maßgeblich von der Dicke ihrer Schleimkapsel ab, die sie vor dem Angriff des Immunsystems schützt. Darüber hinaus spielt die Fitness der Abwehrkräfte ihres Wirts eine wichtige Rolle. Besonders gefährdet sind daher kleine Kinder und ältere Erwachsene, deren Immunsystem noch nicht oder nicht mehr seine volle Leistungsstärke besitzt. Aber auch bei Vorerkrankungen wie Diabetes, Asthma oder chronisch-obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) steigt das Erkrankungsrisiko.

Experten gehen davon aus, dass die Hälfte aller ambulant erworbenen Pneumonien durch Pneumokokken verursacht werden. Meist beginnt die Erkrankung mit hohem Fieber und Husten mit manchmal blutigem Auswurf. Bleiben die Erreger auf die oberen Atemwege beschränkt, können sie beispielsweise eine Mittelohr- oder Nasennebenhöhlenentzündung (Otitis media oder Sinusitis) auslösen. Besonders gefährlich sind sogenannte invasive Pneumokokken-Erkrankungen, bei denen Pneumokokken in das Blut oder den Liquor (Gehirnflüssigkeit) vordringen. Sie können eine lebensbedrohliche Sepsis oder Meningitis verursachen.

Alarmzeichen sind beispielsweise hohes Fieber, plötzliche Verwirrtheit, Atemnot, extremes Krankheitsgefühl oder die typische Nackensteife und Kopfschmerzen bei Hirnhautentzündung. Invasive Pneumokokken-Erkrankungen sind in Deutschland seit 2020 meldepflichtig. Nach dem Ende der Coronapandemie verzeichneten die Register in Deutschland und anderen europäischen Staaten besonders bei Kindern einen anhaltenden Anstieg. Experten vermuten, dass daran ein Trainingsrückstand des Immunsystems schuld sein könnte: Durch die Schutzmaßnahmen während der Pandemie kamen viele Menschen nicht in Kontakt mit Pneumokokken und konnten deshalb keinen Schutz aufbauen.

TEILEN
Datenschutz

Mehr von Avoxa