Viele – etwa Schwangere, Sporttreibende, Frauen im Klimakterium und ältere Erwachsene – brauchen deutlich mehr, meint Bechthold. Die DGE-Angaben gelten unter vielen Medizinern und Ernährungsexperten heute als zu knapp bemessen. So werden häufig 1 – 1,5 g/kg empfohlen. Laut DGE fehlen noch Studien dazu, ob ein langfristig hoher Eiweißverzehr das Risiko einer Niereninsuffizienz begünstigt. Eine Proteinzufuhr in doppelter Höhe des Referenzwertes wird jedoch für Erwachse als sicher angesehen. Wer viel Eiweiß isst, sollte in jedem Fall auch genug trinken.
Ab dem 30. Lebensjahr baut der Organismus pro Jahr 0,3 bis 1,3 Prozent der Muskulatur in Fettgewebe um. Was bedeutet, dass bis zu einem Alter von Mitte 60 bis zu 20 Prozent der Muskelmasse verloren ist – wenn nicht mit genügend körperlicher Aktivität und der passenden proteinreichen Ernährung – Proteine sättigen gut und beugen Heißhungerattacken vor – gegengesteuert wird. Übrigens: Weniger Muskelmasse, absinkende Hormonwerte und ein damit veränderter Stoffwechsel sind die Hauptursache, weshalb Frauen in den Wechseljahren im Durchschnitt 10 kg zunehmen. Die Ernährungsexpertin gibt zu Bedenken, dass es sich bei vielen der mit »Protein« beworbenen Produkte um hoch verarbeitete Lebensmittel handelt – und diese seien schließlich der Gesundheit der Menschen und unseres Planeten nicht gerade zuträglich. Zudem führt sie ins Feld, dass Proteinprodukte bezüglich Nährstoffgehalten, Zusatzstoffen und Allergien schlechter zu bewerten sind als herkömmlich Produkte, wie viele Studien zeigten.
Sie setzt sich für eine abwechslungsreiche, nachhaltige Ernährung ein, bei der Proteine in Form weitgehend naturbelassener oder wenig verarbeiteter Lebensmittel verwendet werden. Ihr Tipp: »Als Snack anstelle eines Proteinriegels ›ganze‹ Lebensmittel wie Nüsse zu essen, bringt außer Proteinen gleich noch andere wertvolle Nährstoffe wie Vitamine Mineralstoffe und Spurenelemente, Ballaststoffe und sekundäre Pflanzenstoffe mit sich.« Tipp: Die Tabelle zur Proteindichte, also das Verhältnis von Proteingehalt zu Kalorien, führt eindrucksvoll vor Augen, welch großen Einfluss man mit der Auswahl der richtigen Lebensmittel auf seine Gesundheit hat.
Sie betont jedoch, dass einzelne Trendprodukte durchaus sinnvolle zusätzliche Alternativen für Menschen mit bestimmten gesundheitlichen Problemen sein können. Sie nennt etwa Nudeln oder Mehl aus Hülsenfrüchten für Menschen mit Zöliakie oder aus Algen für vegan lebende Menschen. Auch für Ältere, die aus verschiedensten Gründen keinen großen Hunger haben, bieten High-Protein-Produkte eine gute Gelegenheit, den Proteinbedarf mit kleinerer Essmenge zu decken.