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mRNA-Technologie
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Impfen, heilen, therapieren

Die neuartigen Vakzinen waren die Retter in der Pandemie und sind nun auch für die Krebstherapie und die Behandlung genetischer Erkrankungen interessant. PTA-Forum erklärt, wie die Hoffnungsträger aus mRNA funktionieren.
AutorKontaktNicole Schuster
Datum 13.11.2025  12:00 Uhr

Krebs im Fokus

Ein weiteres vielversprechendes Anwendungsfeld, das allerdings noch keine marktreifen Arzneistoffe zutage gebracht hat, sind therapeutische Krebsimpfstoffe. Im Gegensatz zu den oben genannten Schutzimpfungen sollen diese Impfstoffe nicht primär vor einer Infektion schützen, sondern das Immunsystem gezielt auf vorhandene Tumorzellen ansetzen. Das Prinzip beruht dann auf Neoantigenen – also Tumor-spezifischen Oberflächenproteinen.

Krebszellen entstehen bekanntlich durch genetische Veränderungen, die dazu führen, dass sie sich unkontrolliert teilen und vom Immunsystem oft erst spät entdeckt werden. mRNA wird nun gezielt so konstruiert, dass sie dem Körper die Bauanleitung für bestimmte, nur auf Krebszellen vorkommende Merkmale – eben jene Neoantigene – liefert. Das Immunsystem kann diese Merkmale als fremd erkennen und daraufhin lernen, die Tumorzellen gezielt anzugreifen.

Um einen patientenindividuellen mRNA-Impfstoff herzustellen, werden nach Entfernung von Tumorproben im Labor die genetischen Unterschiede zu Normalzellen analysiert. Der mRNA-Impfstoff kodiert dann mehrere dieser Neoantigene. Nach Verabreichung der mRNA stellt der Körper die Neoantigene her und die neu produzierten Tumorproteine gelangen in die Lymphknoten. Dort aktivieren sie T‑Zellen, die lernen, genau diese Krebszellen zu erkennen und zu zerstören. Das Immunsystem wird so gezielt auf die bösartigen Zellen trainiert.

Erste klinische Studien sind vielversprechend. Besonders beim oft tödlich verlaufenden Pankreaskarzinom zeigten Probanden, die auf eine mRNA-Impfung ansprachen, in einer kleinen Studie keine Krankheitsrückfälle. Auch beim Melanom und anderen Tumoren liegen erste erfreuliche Daten vor. Allerdings wirkt die Impfung nicht bei allen Patienten gleich stark und mRNA-Impfstoffe sind bisher auch keine neue Wunderwaffe gegen Krebs. Zunächst einmal müssen größere Phase-3-Studien Wirksamkeit und Dauer der Immunantwort belegen.

Vakzine von der Stange

Selbst wenn die ersten mRNA-Krebsimpfstoffe in wenigen Jahren auf den Markt kommen werden: Herausforderungen bleiben die individualisierte Produktion (zeit- und ressourcenintensiv) und die hohen Kosten. Man stelle sich vor: Einzelne patientenindividuelle Impfkuren könnten weit über 100.000 Euro pro Jahr kosten. Denkbar sind auch vorgefertigte mRNA-Impfstoffe, die auf Neoantigene abzielen, die bei vielen Patienten mit einer bestimmten Krebsart auftreten. Solche Impfstoffe könnten industriell produziert und bei Bedarf unmittelbar eingesetzt werden, also als eine Art »Impfstoff von der Stange«.

Über Schutzimpfungen und Krebstherapie hinaus eröffnet die mRNA-Technologie weitere Anwendungen. So werden zum Beispiel auch mRNA-Arzneien entwickelt, um körpereigene Proteine zu produzieren und so genetische Defekte zu beheben. Bei seltenen Stoffwechsel- oder Hormonkrankheiten ließen sich so dauerhaft fehlende Enzyme oder regulatorische Proteine nachliefern. Experimentelle Therapien gegen Herzinfarkt oder Muskelschwund basieren auf demselben Prinzip. Ein Beispiel ist eine mRNA für Wachstumsfaktoren im Herzmuskel.

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