Im Gegensatz dazu würden Perioden, in denen irgendeine Art von Selbstregulation nötig sei, wie das Unterdrücken unangemessener Emotionen oder auch starke körperliche Anstrengung, als übermäßig lang dauernd empfunden. Winkler: »Denn dabei wird die ungenutzte Aufmerksamkeit eher auf das Vergehen der Zeit gerichtet, und man fragt sich: Wie spät ist es? Wie lange muss ich noch durchhalten?« Eine zentrale Rolle spiele auch die Erwartung über die Dauer des kommenden Zeitintervalls: »Wer etwa in einer Behörde mit 15 Minuten Wartezeit rechnet und nach 20 Minuten drankommt, empfindet diese 20 Minuten länger, als wenn er oder sie zuvor mit 30 Minuten Wartezeit gerechnet hätte.«
Ganz anders verhalte es sich mit der Erinnerung an vergangene Zeitspannen. »Da die jeweiligen Zeitspannen aus dem Gedächtnis reproduziert werden müssen, ist entscheidend, wie viele unterschiedliche Inhalte aus diesem Zeitintervall erinnert werden: Je mehr es sind, desto länger wird die Dauer der jeweiligen Zeitspanne geschätzt. Bei dieser Art von Zeitwahrnehmung bewerten Menschen ein schnelles Zeitvergehen oft als eher ungünstig«, bemerkt Winkler.
Der »Alterseffekt der Zeitwahrnehmung« gehe oft mit der Klage einher, dass eine bestimmte Zeitspanne oder überhaupt die Zeit im Laufe des Lebens »viel zu schnell vergangen ist«. Dazu trügen im Wesentlichen drei Faktoren bei. Erstens ereignet sich im Verlauf des Lebens älterer Menschen in der Regel wenig wirklich Neues, zweitens ist ihr Alltag im Vergleich zu dem junger Menschen stärker von Routinen geprägt, was ebenfalls zu weniger einzeln abgespeicherten Gedächtnisinhalten führt. Drittens kann häufiger Zeitdruck dazu führen, dass Menschen weniger Neues ausprobieren und Ereignisse insgesamt weniger intensiv wahrnehmen und entsprechend auch weniger intensiv erinnern. Alle drei Faktoren zusammen können dann die seufzende Frage auslösen: »Wo ist nur die Zeit geblieben?«
Im Gegenschluss bedeute das aber auch, dass jede einzelne Person ihr eigenes Zeitempfinden durchaus beeinflussen kann, betont Winkler. »Am effektivsten, um sowohl im momentanen Augenblick eine möglichst hohe Geschwindigkeit der Zeit zu erreichen, rückblickend aber eine lange Dauer zu erinnern, dürfte es sein, gewohnte Routinen öfter mal zu durchbrechen, aufmerksam auf Neues zu blicken, im Alltag achtsam zu sein und intrinsisch motiviert zu handeln, sodass die Dinge intensiver erlebt und entsprechend im Gedächtnis abgespeichert werden.«