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Die Zeit
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Mal rast sie schnell, mal steht sie still

Zwei Wochen im Krankenhaus können sich wie eine Ewigkeit anfühlen, zwei Wochen auf Reisen vergehen dagegen oft wie im Flug. Wissenschaftler erforschen die Ursachen für die unterschiedliche Zeitwahrnehmung – und auch Methoden, sie gezielt zu verändern.
AutorKontaktBarbara Erbe
Datum 16.10.2026  12:00 Uhr

Musik, Samt und Lichtreize

Um die gezielte Beeinflussung und Wahrnehmung des subjektiven Zeiterlebens ging es auch bei dem EU-finanzierten Forschungsprojekt ChronoPilot, an dem das Fachgebiet Wahrnehmungspsychologie der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) maßgeblich beteiligt war. Professor Dr. Knut Drewing hat dabei mit seinem Team untersucht, ob und wie kognitive Prozesse der Zeitwahrnehmung gezielt manipuliert werden können, um die gefühlte Zeit zu »beschleunigen« oder zu »verlangsamen«.

Dabei sollten die freiwilligen Testpersonen beispielsweise einschätzen, wie lange verschiedene Pieptöne dauerten, die ihnen zu Gehör gebracht wurden. »Die Länge, die in 50 Prozent der Fälle als eher kurz empfunden wurde und in 50 Prozent als eher lang, entsprach der momentan als mittel empfundenen Dauer«, erklärt Drewing im Gespräch mit PTA-Forum. Hatten die Testpersonen kurz zuvor eher fröhliche Musik gehört, schätzten sie die Pieptöne kürzer ein, als wenn sie zuvor neutrale Musik gehört hatten. Umgekehrt schätzten sie die Zeitspanne als länger ein, wenn sie während des Hörens mit der Hand über eine angenehme Oberfläche wie beispielsweise Samt strichen. Im ersten Fall war also die Zeit beschleunigt, im zweiten gestreckt.

Das Team arbeitete auch mit vibrierenden Westen, die ihren Trägern durch bis zu 40 verschiedene kleine Vibrationsmotoren Reize übermittelten. Wurden die Vibrationen als angenehm empfunden, etwa weil sie den Rücken systematisch und berechenbar von innen nach außen »streichelten«, wurden Zeitspannen als länger empfunden; wurden die Vibrationsmuster dagegen als unangenehm empfunden, konnte die empfundene Zeitspanne kürzer werden. Schließlich arbeiteten die Forscher auch mit Aufmerksamkeit und stellten fest: Wenn man sich auf einen bestimmten Reiz konzentriert, scheint die Zeit langsamer zu vergehen. »Im Grunde sind das ähnliche Methoden, die auch eine Ärztin verwendet, die ihre Patienten bei unangenehmen Untersuchungen durch Gespräche ablenkt oder einem kleinen Patienten eine Puppe in die Hand drückt«, erklärt Drewing.

Gerade im Bereich medizinischer Behandlungen und der Krankenhausumgebung könne sich die Schaffung von Reizen, mit denen die Zeit schneller vergeht, vorteilhaft auf das allgemeine Wohlbefinden und die geistige Gesundheit der Patienten auswirken. Weitere mögliche Verwendungszwecke seien aber auch industrielle Arbeitsplätze: Mithilfe von Künstlicher Intelligenz könne es möglich sein, dass Kleidungstechnologie oder Roboter autonom auf gestresste Menschen reagieren, indem sie die Zeit strecken, ohne dass das Sehen oder Hören gestört wird. Getestet wurde etwa auch, wie Roboter sich in ihren Bewegungen anpassen können, wenn menschliche Kolleginnen oder Kollegen wahlweise gestresst oder gelangweilt sind.

In Zukunft sollen diese Techniken einerseits den steigenden Grad an Automatisierung für den Menschen erträglicher machen und die Gefahren durch Ablenkung und Unterforderung, etwa in autonomen Fahrzeugen, abmildern und andererseits gestressten Menschen zumindest subjektiv mehr Zeit verschaffen. Zu dem von der EU mit insgesamt rund drei Millionen Euro geförderten und in Athen koordinierten internationalen Forschungsprojekt »ChronoPilot« gehören Forschende aus Psychologie, Robotik und Informatik.

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