Die genauen Ursachen für den Anstieg bleiben auch mit den neuen Daten aus Deutschland unklar, wie das Team um Sven Voigtländer vom Bayerischen Krebsregister in Nürnberg und Hiltraud Kajüter vom Krebsregister Nordrhein-Westfalen in Bochum erläutert. Vermutlich gebe es einen Zusammenhang mit Lebensstilveränderungen seit den 1950er Jahren. »Dazu zählen Adipositas im Kindes- und Jugendalter, Antibiotikaeinnahme, Bewegungsmangel, ungesunde Ernährung und Reproduktionstechnologien, die potenziell zu frühkindlichen physiologischen oder metabolischen Veränderungen führen und das Darmmikrobiom beeinflussen.«
Generell hingen Darmerkrankungen mit Faktoren wie Bewegungsmangel und ungesunder Ernährung zusammen, erläutern die Experten. Adipositas stelle einen Zustand chronischer Entzündung dar und gelte als wahrscheinlichste Ursache für den Anstieg der Fälle von frühem kolorektalem Karzinom (Early-Onset Colorectal Cancer, EO-CRC). So wird ein Tumor des Dickdarms (Kolon) oder Mastdarms (Rektum) bezeichnet, der vor dem 50. Lebensjahr diagnostiziert wird.
Bisherige Studiendaten zeigen den Forschenden zufolge, dass Fettleibigkeit – insbesondere, wenn sie schon in jungen Jahren auftritt – mit einem höheren Risiko für frühen Darmkrebs verbunden ist. In Deutschland ist der Anteil Fettleibiger bei den 25- bis 34-Jährigen demnach zwischen 1990/1992 und 2008/2011 bei Männern von 11 auf 17 Prozent und Frauen von 9 auf 14 Prozent gestiegen.
In den USA stieg der Anteil bei den 20- bis 39-Jährigen zwischen 2007/2008 und 2015/2016 von 31 auf 36 Prozent und in der Altersgruppe der 2- bis 19-Jährigen von 17 auf 19 Prozent, wie die Experten erläutern. Die Zahlen seien nicht direkt vergleichbar, belegten aber eine deutlich geringere Adipositashäufigkeit in Deutschland als in den USA. Möglicherweise sei das der Grund für den hierzulande merklich geringeren Anstieg früher Darmkrebs-Fälle. Der Bremer Chefarzt Pox plädiert dafür, die Gründe weiter zu untersuchen – die höhere Übergewichtsrate scheine als alleiniger Grund zu vereinfacht.