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Periphere Polyneuropathie
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Was hoher Zucker mit den Füßen macht

Ein leichtes Kribbeln in den Zehen, dann auch in den Fußsohlen spürbar – eine diabetische periphere Polyneuropathie (PNP) ist ein Krake, der vieles ergreifen und zerstören kann. Die wichtigsten Fragen und Antworten für eine gezielte Beratung.
AutorKontaktIsabel Weinert
Datum 22.06.2026  08:00 Uhr

Auf welcher Grundlage entwickelt sich eine diabetische periphere Neuropathie?

Immer wieder hohe Blutzuckerwerte, wie sie bei Menschen mit Diabetes unvermeidbar vorkommen, wirken auf verschiedenen Wegen giftig. Zum einen entsteht aus Glucose durch Aldosereduktase mehr Sorbit als bei gesunden Menschen und nur ein Teil davon wird in Fructose umgewandelt. Das überschüssige Sorbit sammelt sich in Nervenzellen und bereitet osmotischen Stress. Die Zellen schwellen an, Zellbestandteile werden geschädigt.

Zudem fördern hohe Zuckerwerte Advanced Glycation End-products (AGEs). Sie entstehen, weil Glucose in hoher Dosis Proteine und Lipide der Nerven glykiert. Das stört die Funktion der Proteine. Signale können nicht mehr ordnungsgemäß geleitet werden, das Gewebe zeigt Entzündungsreaktionen. Bei hohen Glucosewerten steigt außerdem der oxidative Stress in den Zellen, die Mitochondrien werden beeinträchtigt, DNA und Lipide geschädigt.

Nicht zuletzt schädigen hohe Glucosekonzentrationen kleine, die Nerven mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgende Blutgefäße. Deren Kapillarwände verdicken sich, weniger Blut gelangt hindurch, den Nervenzellen mangelt es an den lebensnotwendigen Substanzen. Darunter leidet ihre Funktion und sie können sich nicht mehr adäquat regenerieren.

Wie zeigen sich die Symptome der Nervenschädigungen?

Eine diabetische Polyneuropathie beginnt nicht schlagartig, sondern langsam, zunächst fast unmerklich, also so, wie auch die Schäden über einen längeren Zeitraum entstehen. Erste Symptome können sich als leichtes Kribbeln oder ein wenig pelziges Gefühl in den Zehen äußern. Weitere Symptome wie Brennen oder Stechen zeigen sich besonders nachts. Betroffene spüren Wärme und Kälte weniger gut.

Bis zu einem gewissen Grad können sich die Nerven erholen, wenn Patienten den Blutzucker streng einstellen. Geschieht das nicht, nehmen die Nerven weiteren Schaden. Das äußert sich in einem geringeren Schmerz- und Tastsinn. Die Durchblutung der Haut verändert sich, die Muskelkraft nimmt ab, die Füße können sich verformen.

Welche Folgen hat das?

Diabetiker mit Polyneuropathie spüren Verletzungen an den Füßen deutlich weniger als gesunde Menschen oder sogar überhaupt nicht mehr. Das ist besonders fatal, weil Wunden bei ihnen auch noch deutlich schlechter heilen. Besonders im Sommer müssen Diabetiker deshalb aufpassen, wenn sie barfuß laufen wollen, und jeden Abend genau ihre Füße auf Verletzungen untersuchen. Aber auch entdeckte Wunden bedeuten für Füße von Menschen mit Diabetes Gefahr. Deshalb verzichten sie am besten auf das Barfußgehen, zumindest, wenn sie bereits eine Polyneuropathie entwickelt haben.

Der Worst Case ist das diabetische Fußsyndrom. Bei dieser schwerwiegenden Folgeerkrankung münden die Schäden an Nerven und Blutgefäßen in Durchblutungsstörungen, tiefen Geschwüren und schlimmstenfalls Nekrosen. Amputationen von Zehen oder gar des ganzen Fußes sind leider auch heute keine Seltenheit. Zwar hat sich die Zahl der Amputationen oberhalb des Sprunggelenks, also sogenannter Majoramputationen, leicht verringert. Weil es aber immer mehr Menschen mit Diabetes gibt, stagniert die absolute Zahl. Kleinere Amputationen, also solche unterhalb des Knöchels, stiegen bei Männern an, während sie bei Frauen eher zurückgehen.

Wie stellen Mediziner die Diagnose PNP?

Zunächst fragt der Arzt nach der Symptomatik. Dann prüft er die Nervenfunktion in den Füßen mittels Stimmgabel auf das Vibrationsempfinden, mithilfe eines Nylonfadens auf Berührung und durch leichten Druck mit einer Nadel auf das Schmerzempfinden. Das Temperaturempfinden prüft er mit einem kalten Metallstück. Wichtig ist auch der Reflex der Achillessehne.

Aus diesen Untersuchungen lässt sich schließen, ob und in welchem Umfang bereits Schäden vorhanden sind. Zusätzlich kann ein Neurologe bei unklarem Befund oder zur genauen Dokumentation der Schäden über eine Elektroneurografie die Nervenleitgeschwindigkeit (NLG) bestimmen sowie die elektrische Aktivität der Muskeln mithilfe einer Elektromyografie.

Was ist eine Small-Fiber-Neuropathie?

Bei dieser Form erkranken die kleinsten Nervenfasern, während die großen Nervenfasern intakt sind. Deshalb kann die übliche Diagnostik diese Schädigungen nicht anzeigen. Bei Verdacht entnehmen Ärzte in der Regel am Unterschenkel eine kleine Gewebeprobe und zählen die Dichte der Nervenfasern unter dem Mikroskop aus. Eine verringerte Dichte beweist den Verlust von kleinen Fasern.

Bei einem weiteren Verfahren, der Quantitativen Sensorischen Testung (QST) ermittelt man computergestützt, ab wann ein Mensch Wärme, Kälte oder Schmerz wahrnehmen kann. Die Nervensignale für Schmerz und Temperatur können auch mittels Laser-evozierten Potenzialen (LEP) oder Kontakt-Hitze-evozierten Potenzialen (CHEP) ermittelt werden.

Was hilft gegen eine diabetische PNP im Anfangsstadium?

Essenziell ist eine gute Blutzuckereinstellung. Dazu kann es auch nötig werden, die Therapie zu verändern oder anzupassen. Besonders aufpassen müssen Menschen, die stark erhöhte Blutzuckerwerte hatten mit einer abrupten Senkung des Blutzuckers. Zum einen kann der Organismus in eine Scheinunterzuckerung geraten. Er registriert einen Normwert als zu tief, weil er nur hohe Werte gewohnt war. Das ist allerdings ein vorübergehendes Phänomen. Es braucht dann häufigere Blutzuckermessungen, um echte Unterzuckerungen von Scheinunterzucker abzugrenzen.

Eine weitere, gravierendere Folge schneller Blutzuckersenkungen ist eine mögliche Verschlechterung einer diabetischen Retinopathie. Denn eine abrupte Senkung kann den Stoffwechsel in den feinen Blutgefäßen des Auges stark beanspruchen. Sind die feinsten Blutgefäße der Netzhaut bereits vorgeschädigt, kann deshalb vorübergehend mehr Wasser eingelagert werden, das Druck ausübt, und es können minimale Blutungen auftreten. Deshalb sollten Arzt und Patient immer darauf achten, den Blutzucker behutsam zu senken.

Verschlechtert sich eine PNP auf jeden Fall?

Das lässt sich nicht vorhersagen. Es gibt Verläufe, bei denen die PNP über viele Jahre in einem leichten Stadium stagniert, und andere, die rascher voranschreiten.

Ab wann kann man nur noch Schadensbegrenzung betreiben?

Irgendwann hilft eine gute Blutzuckereinstellung zwar noch, eine weitere Verschlechterung zu verhindern, aber eine Regeneration der Nerven ist nicht mehr möglich. Neben der schon erwähnten optimierten Blutzuckereinstellung empfiehlt die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) in ihren Leitlinien die Einnahme von Alpha-Liponsäure. Als starkes Antioxidans soll es den oxidativen Stress reduzieren, der durch Diabetes entsteht. Klinische Studien belegen auch, dass sich neuropathische Symptome bessern. Die Evidenz wird jedoch nach wie vor kontrovers diskutiert. B-Vitamine sollen bei Mangel ergänzt werden.

Welche Tipps kann man Menschen mit Diabetes geben?

Wer an Diabetes erkrankt ist, muss jeden Abend seine Füße inspizieren. Wenn dazu die Gelenkigkeit fehlt, kann ein Handspiegel helfen, die Fußunterseite zu begutachten. Die Füße brauchen täglich Pflege. Entsprechende Produkte sollte am besten eine Podologin mit der Zusatzqualifikation »Diabetischer Fuß« individuell empfehlen. Die Kosten werden bei medizinischer Notwendigkeit und ärztlicher Verordnung in der Regel von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Jegliche Fußpflege sollen Diabetiker dieser Fachkraft überlassen.

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