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Ein Jahr Cannabislegalisierung
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Mehr Konsum, weniger Schutz

Seit rund einem Jahr dürfen Erwachsene ab 18 Jahren in Deutschland Cannabis zu Genusszwecken legal konsumieren. Im Herbst ist eine erste Evaluierung des Gesetzes geplant. Während Ärzteschaft und Polizei die Freigabe heftig kritisieren, spricht sich die Gesamtbevölkerung in Umfragen mit knapper Mehrheit allerdings dafür aus – trotz Gesundheitsrisiken.
AutorKontaktBarbara Erbe
Datum 02.06.2025  08:30 Uhr

Legal, aber nicht harmlos

Professor Dr. Euphrosyne Gouzoulis-Mayfrank, Psychiaterin und Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) sowie Ärztliche Direktorin der LVR-Klinik Köln, bestätigt diese Entwicklung gegenüber PTA-Forum. »Wir sehen im klinischen Alltag schon jetzt, dass sich der Konsum einzelner Personen verändert hat, dass sie mehr konsumieren. Die Einstellung, dass Cannabis harmlos sein muss, weil es ja jetzt legal ist, begegnet uns immer häufiger.« Dabei ignorierten gerade junge Menschen, dass Cannabiskonsum erhebliche Auswirkungen auf die Hirnentwicklung habe und auch der Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum und Psychosen eindeutig belegt sei. Deshalb hatte nicht zuletzt auch der UN-Drogenkontrollrat (INCB) von der neuen Gesetzgebung in Deutschland abgeraten.

Die gesundheitlichen Risiken gehen dabei deutlich über die Einschränkungen der Gedächtnis- und Aufmerksamkeitsleistung hinaus. So zeigten Studien, dass Cannabiskonsum die Myelinisierung, also die schützende Ummantelung von Nervenfasern, stört, berichtet Thomasius. Die klinische Forschung belege darüber hinaus ungünstige Einflüsse regelmäßigen Cannabiskonsums auf Gedächtnis-, Lern- und Erinnerungsleistungen, Aufmerksamkeit, Problemlösen, Denkleistung und Intelligenz. Bei vulnerablen Personen kann das zu depressiven Störungen, Suizidalität, bipolaren Störungen, Angsterkrankungen, zusätzlichem Missbrauch von Alkohol und/oder illegalen Drogen und auch zu Psychosen führen. Gleichzeitig sind kommunale Suchtberatungsstellen, die beispielsweise Frühinterventionen durchführen, aufgrund massiver finanzieller und personeller Engpässe schlechtergestellt. So zeigt eine aktuelle Befragung der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen, dass bereits Sprechzeiten reduziert und Beratungsstellen geschlossen wurden.

Keine Eindämmung der Kriminalität

Auch das Ziel, die Kriminalität einzudämmen, sei nicht erreicht worden, berichten Polizeisprecher. So urteilt ein Sprecher des NRW-Innenministeriums: »Im Kontext der geringen Strafen, der erschwerten Nachweisbarkeit, einer gleichbleibend hohen Nachfrage und einer sinkenden Hemmschwelle für den Erstkonsum ist der Tatanreiz zum illegalen Handel nach der Teillegalisierung größer als vorher.« Die bestehenden Anbauvereinigungen und der private Eigenanbau seien aktuell nicht in der Lage, den gleichbleibend hohen Bedarf an Cannabis zu decken, sodass weiterhin fast ausschließlich auf illegales Cannabis zurückgegriffen würde. Fazit: »Das Ziel der Bundesregierung, die Strafverfolgungsbehörden durch die (Teil-)Legalisierung von Cannabis zu Konsumzwecken zu entlasten, wurde nicht erreicht. Durch die (Teil-)Legalisierung lässt sich der gewerbsmäßige illegale Handel von Cannabis nur noch schwer nachweisen.«

In der Bevölkerung indes stehen laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag der KKH Kaufmännische Krankenkasse, die Mitte Februar vor der Bundestagswahl unter 18- bis 70-Jährigen erfolgte, mehr als die Hälfte der Befragten (55 Prozent) hinter der Teillegalisierung von Cannabis. Sie sprachen sich entsprechend gegen eine Rücknahme aus; unter den 18- bis 34-Jährigen sind sogar drei Viertel (75 Prozent) dagegen. Gut ein Drittel der insgesamt rund 1000 Befragten befürwortet hingegen eine Abschaffung des Cannabisgesetzes (36 Prozent). Unter den 18- bis 34-Jährigen sind es nur 19 Prozent.

Interessant dabei: Die große Mehrheit der Befragten (73 Prozent) stimmte der Aussage zu, dass der Konsum von Drogen wie Cannabis der Gesundheit schadet. Jede/r Zweite (49 Prozent) meinte, dass Cannabis eine Einstiegsdroge sei, die schnell zum Konsum anderer Drogen verführe. Gut ein Drittel (39 Prozent) ist der Ansicht, dass die Teillegalisierung dem übermäßigen Konsum von Cannabis Tür und Tor geöffnet hat. 60 Prozent der Befragten finden hingegen, dass die Legalisierung hilft, den Schwarzmarkt und damit den Konsum von verunreinigtem Cannabis einzudämmen. 43 Prozent schließlich halten Cannabis eher für eine harmlose Droge, die bei vielen gesundheitlichen Beschwerden hilft. Unter den 18- bis 34-Jährigen stimmen dieser Aussage sogar mehr als die Hälfte (53 Prozent) zu.

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