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Pflege, Prävention und Praxis
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Neurodermitis beim Baby

Neurodermitis beginnt häufig früh: Schon im Säuglingsalter zeigen sich bei vielen betroffenen Kindern erste Hautveränderungen. Eine konsequente Basispflege und eine individuell angepasste Therapie können den Krankheitsverlauf entscheidend beeinflussen. Worauf es dabei ankommt, erläutert Professor Dr. Regina Fölster‑Holst im Gespräch mit PTA Forum.
AutorKontaktCaroline Wendt
Datum 24.04.2026  16:00 Uhr

Bei Neurodermitis – auch atopische Dermatitis (AD) oder atopisches Ekzem genannt – ist die Hautbarriere von Grund auf gestört. Ursächlich hierfür ist in vielen Fällen die Genetik. Konkret spielen Mutationen im Filaggrin-Gen eine zentrale Rolle, erläuterte Fölster-Holst, ehemalige Oberärztin der Hautklinik des Universitätsklinikums Kiel. Filaggrin ist ein Strukturprotein, das für die Stabilität der obersten Hautschicht essenziell ist. Fehlt es oder liegt es nur in verminderter Menge vor, mangelt es an interzellulären Lipiden zwischen den Hornzellen (Corneozyten) des Stratum corneum.

 

»Das kann man sich vorstellen wie bei einer Backsteinmauer, bei der der Mörtel fehlt«, veranschaulichte die Fachärztin für Dermatologie und Allergologie, die außerdem eine zweijährige Erfahrung in der Pädiatrie aufweist. Die Hornzellen, also die Steine, sind zwar da, doch ohne den lipidreichen Mörtel bilden sie keine stabile Mauer, die Haut kann ihrer Schutzfunktion nicht richtig nachkommen. Die Folge: Die Haut kann Feuchtigkeit schlechter speichern und trocknet aus, gleichzeitig können Erreger, Allergene sowie Schad- und Reizstoffe leichter eindringen: »Da sind Tür und Tor offen, für das, was draußen ist.«

Diese gestörte Hautbarriere ist ein zentrales Merkmal der Neurodermitis. Die Erkrankung verläuft chronisch entzündlich und ist neben trockener, schuppiger und geröteter Haut typischerweise mit starkem Juckreiz verbunden – ein Symptom, das gerade bei Säuglingen und Kleinkindern für erhebliche Belastungen sorgt. Kratzen verschärft die Barrierestörung und begünstigt Entzündungen, wodurch sich ein Teufelskreis aus Juckreiz, Hautschädigung und Entzündung entwickelt.

Doch nicht allein die defekte Hautbarriere ist für das Auftreten einer Neurodermitis verantwortlich; sie wird im Krankheitsverlauf durch eine chronische Entzündung zusätzlich verstärkt. Betroffene weisen ein fehlgeleitetes Immunsystem auf, das auf eigentlich harmlose Umweltstoffe mit einer überschießenden allergischen Reaktion vom Typ 2 reagiert. Dabei sind vor allem T-Helferzellen vom Typ 2 (Th2-Zellen) überaktiv.

Familiäres Risiko

Berichten Eltern davon, dass ihr Baby unter trockener Haut leidet, lohne sich zunächst ein Blick in die Familienanamnese, so Fölster-Holst. »Wenn in der Familie atopische Erkrankungen wie Neurodermitis, Asthma, Heuschnupfen oder Nahrungsmittelallergien vorkommen, ist das Risiko für ein Kind deutlich erhöht, selbst eine Neurodermitis zu entwickeln«, erklärte die Expertin. So liegt das Erkrankungsrisiko für ein Kind mit einem betroffenen Elternteil bei etwa 20 bis 40 Prozent; sind beide Eltern erkrankt, kann es auf bis zu 80 Prozent steigen.

Bei Säuglingen manifestiert sich eine Neurodermitis in der Regel ab dem dritten bis vierten Lebensmonat. Typisch sind entzündliche, teils stark nässende Ekzeme, die vor allem im Gesicht – insbesondere an den Wangen –, am Hals sowie an den Streckseiten von Armen und Beinen auftreten.

Der sogenannte Milchschorf – gelblich verkrustete Ekzeme auf der Kopfhaut – könne ein Frühsymptom sein, sei für sich genommen aber kein eindeutiges Indiz für eine Neurodermitis, schränkte Fölster-Holst ein. »Man muss sich immer das ganze Kind anschauen«, betonte sie. Ein wichtiger diagnostischer Hinweis könne sein, dass der Windelbereich weitgehend ausgespart bleibt. Die Erklärung dafür liege im feuchten Milieu unter der Windel. »Diese Feuchtigkeit braucht die Haut«, hob die Expertin hervor.

Cremen, cremen, cremen

Wenn Feuchtigkeit der Haut hilft – was bedeutet das therapeutisch? Die Auswahl an Pflegeprodukten ist groß, umso wichtiger ist es, für jede Situation das passende Emolliens zu finden. Trockene Haut braucht Pflege. »Doch für Patienten mit Neurodermitis ist das tägliche Eincremen jedoch eine Substitution, also eine Therapie«, betonte Fölster-Holst. »Glycerin ist ein ganz toller Inhaltsstoff«, betonte die Dermatologin. Als Feuchthaltefaktor bindet es Wasser in der Hornschicht und hilft so, die Hautbarriere zu stabilisieren »Und es hat praktisch keine Nebenwirkungen – damit können bereits Neugeborene ab dem ersten Lebenstag behandelt werden.«

Ein vergleichbarer feuchtigkeitsspendender Effekt lasse sich grundsätzlich auch mit Harnstoff (Urea) erzielen. Bei der noch sehr empfindlichen Haut von Säuglingen und Kleinkindern kann Urea jedoch den sogenannten Stinging‑Effekt auslösen: Die Haut brennt. Entsprechend ist der Einsatz von Urea erst für Kinder ab einem Alter von etwa drei Jahren sinnvoll. Zudem soll Urea nicht auf akuter oder subakuter Haut angewendet werden, denn auch hier kann es sonst empfindlich brennen.

Die Haut von Neurodermitis‑Patienten benötigt sowohl Lipide als auch Feuchtigkeit. Ob jedoch eine Öl‑in‑Wasser‑ (O/W‑) oder eine Wasser‑in‑Öl‑Emulsion (W/O‑) zum Einsatz kommt, hängt vom jeweiligen Hautzustand ab. Befindet sich die Erkrankung in einer akuten Phase mit nässenden Ekzemen, rät die Dermatologin zu Öl‑in‑Wasser‑Emulsionen. »Dann darf da kein Fett drauf«, hob sie hervor. Geeignet sind etwa O/W‑Emulsionen mit hohem Wasseranteil. Ist die Haut hingegen trocken und schuppig, seien lipidreiche Wasser‑in‑Öl‑Emulsionen besser geeignet.

Auch äußere Faktoren spielen eine Rolle. So beeinflussen Wetter und Jahreszeit die Wahl der Basispflege. »Im Winter ist die Haut eher trocken und braucht Pflegeprodukte mit einem höheren Fettanteil«, erklärte Fölster‑Holst. Im Sommer hingegen solle der Wasseranteil überwiegen.

Eine bewährte Option bei starkem Juckreiz, nässenden oder krustösen Ekzemen sowie ausgeprägtem Milchschorf sind zudem sogenannte Wet-Wraps (feuchte Umschläge). Dabei wird zunächst eine pflegendes Externum auf die betroffenen Hautareale aufgetragen. Anschließend werden diese mit einem feuchten Verband – etwa mit in Wasser oder Schwarztee getränkten Mullbinden – abgedeckt und darüber ein trockener Verband angelegt. Die feuchten Umschläge kühlen die Haut, lindern den Juckreiz und verstärken die Wirkung der aufgetragenen Pflege- oder Wirkstoffe.

Klotzen statt kleckern

Doch auch bei konsequenter Basispflege kann es zu akuten Neurodermitis-Schüben kommen. In der Behandlung von Kindern sollen dann gemäß der S3‑Leitlinie zur atopischen Dermatitis vor allem schwache (zum Beispiel Hydrocortison) bis mittelstarke topische Glucocorticoide (zum Beispiel Prednicarbat oder Triamcinolon) eingesetzt werden, angepasst an Alter, Lokalisation und Schweregrad der Erkrankung. Eine zu lange oder zu niedrig dosierte Behandlung gilt als häufiger Grund für Therapieversagen. »In 40 Jahren Praxis habe ich gelernt, dass hier die Devise klotzen statt kleckern hilfreich ist«, erklärt Fölster-Holst. Gemeint ist: Lieber für wenige Tage ein höherpotentes topisches Glucocorticoid einsetzen, anstatt mit einem schwach wirksamen Präparat zu beginnen und die Entzündung nur unzureichend zu dämpfen.

Als steroidfreie Alternative stehen topische Calcineurin‑Inhibitoren zur Verfügung. Das Immunsuppressivum Pimecrolimus (1-prozentige Creme) ist in der EU ab einem Alter von drei Monaten zugelassen, die 0,03-prozentige Tacrolimus-Salbe ab zwei Jahren. Sie werden insbesondere für empfindliche Hautareale wie Gesicht, Hals, Genitalregion und Körperfalten empfohlen, wo der Einsatz von Corticoiden nur eingeschränkt erfolgen sollte. Sie eignen sich auch für die längerfristige Anwendung.

Neben der Akuttherapie hat sich zudem eine proaktive Behandlung bewährt. Hintergrund ist, dass auch in erscheinungsfreien Phasen unterschwellige Entzündungsprozesse in der Haut fortbestehen. Konkret bedeutet das: Über einen Zeitraum von drei bis vier Wochen werden die zuvor betroffenen Hautareale zweimal wöchentlich mit einem niedrigpotenten Corticosteroid oder einem Calcineurin‑Inhibitor behandelt, begleitend zur täglichen Basispflege. Im weiteren Verlauf kann die Anwendung auf einmal wöchentlich reduziert werden. Ziel ist es, neue Schübe hinauszuzögern und die krankheitsfreien Intervalle zu verlängern.

Gamechanger Dupilumab

Die Einführung der Biologika in die Therapie der atopischen Dermatitis war für Fölster-Holst eine kleine Revolution. »Ich habe früher so viele Kinder mit schwerer Neurodermitis gesehen, die wirklich schlimm dran waren«, erinnert sie sich. Diese Kinder hatten nicht nur einen ausgeprägten Leidensdruck, sondern auch ein erhöhtes Risiko für schwere Infektionen – etwa durch Staphylococcus aureus (S. aureus) oder Herpes-simplex-Viren –, die im Extremfall zu einer Sepsis führen können.

Seit 2023 steht mit Dupilumab erstmals ein Biologikum zur Langzeittherapie von Kindern mit moderater bis schwerer atopischer Dermatitis bereits ab einem Alter von sechs Monaten zur Verfügung. Der monoklonale Antikörper blockiert die Signalwege von Interleukin‑4 und Interleukin‑13, zwei zentrale Treiber der Typ‑2‑Entzündung. »Das Einzige, das ein wenig blöd ist: Das Arzneimittel muss gespritzt werden«, räumt Fölster‑Holst ein. Die subkutane Injektion sei jedoch nur alle zwei Wochen notwendig und mit der Anwendung eines Insulinpens vergleichbar. »Nach einer Schulung in der Praxis können die Eltern das auch selbst zu Hause durchführen.«

Andere Biologika wie Lebrikizumab oder Tralokinumab sind derzeit erst ab zwölf Jahren zugelassen. Gleiches gilt für die Januskinasehemmer (JAK‑Inhibitoren) Abrocitinib und Upadacitinib. Baricitinib kann hingegen bereits ab zwei Jahren eingesetzt werden. Der Vorteil der JAK‑Inhibitoren: Sie werden oral eingenommen, dafür aber täglich. Zudem muss bei ihnen im Gegensatz zu Biologika ein Monitoring zur Untersuchung des Blutes erfolgen.

Zu sauber

Neurodermitis gilt als Zivilisationskrankheit. Während im Jahr 1960 lediglich 3 bis 5 Prozent der Kinder betroffen waren, zeigen heute deutlich mehr Kinder Symptome: Laut Robert-Koch-Institut (RKI) weisen rund 14 Prozent der Kinder mindestens einmal Zeichen einer atopischen Dermatitis auf. Jungen und Mädchen sind dabei etwa gleich häufig betroffen.

Als mögliche Ursache für diesen Anstieg gelten unter anderem verbesserte hygienische Bedingungen. Diese sogenannte Hygienehypothese wird durch Beobachtungen gestützt, wonach Kinder, die in der Stadt aufwachsen, häufiger an atopischen Hauterkrankungen leiden als Kinder vom Land. »Das Immunsystem braucht seine Aufgaben, sonst wendet es sich blödsinnigen Dingen zu, wie atopischen Erkrankungen«, so Fölster-Holst.

Vor diesem Hintergrund rät die Mitautorin der S3-Leitlinie »Atopische Dermatitis« werdenden Eltern mit erhöhtem Atopierisiko zu mehr mikrobieller Vielfalt im Alltag. Wer die Möglichkeit hat, dem empfiehlt sie: »Legen Sie sich einen Hund zu – möglichst schon vor der Geburt des Kindes.« Das Mikrobiom von Hunden erhöhe die Diversität an Mikroorganismen in der Umgebung, was sich als protektiv erwiesen habe. Katzenhaarallergene seien hingegen zu stark; von der Anschaffung einer Katze werde daher abgeraten.

Das Mehr an Keimen hat einen weiteren Vorteil: Potenziell pathogene Erreger wie S. aureus, der bei Neurodermitis eine zentrale Rolle spielt, können sich weniger leicht durchsetzen. Denn bei Kindern mit Neurodermitis ist die Haut häufig verstärkt mit S. aureus besiedelt. Das Bakterium findet auf der geschädigten Hautbarriere ideale Bedingungen vor und kann sich dort leichter vermehren. Seine Stoffwechselprodukte und Toxine fördern Entzündungsreaktionen, verstärken den Juckreiz und können Ekzemschübe auslösen oder verlängern. Zugleich trägt die Besiedlung mit S. aureus weiter zur Störung der Hautbarriere bei – ein Teufelskreis, der insbesondere bei der noch unreifen Babyhaut rasch an Bedeutung gewinnt. Ziel der Therapie ist daher nicht die vollständige Keimfreiheit, sondern ein stabiles mikrobielles Gleichgewicht auf der Haut.

Ein weiterer zentraler Rat der Dermatologin lautet: »In dem Haushalt sollte auf keinen Fall geraucht werden« – sowohl vor als auch nach der Geburt des Kindes. Daneben spielt auch die Ernährung des Säuglings eine wichtige Rolle. »Es gibt nichts Besseres als Muttermilch«, betont Fölster-Holst. Entsprechend der aktuellen Atopie-Leitlinie empfiehlt sie, Säuglinge in den ersten vier Lebensmonaten voll zu stillen und anschließend mit der Einführung der Beikost zu beginnen. »Forschungen haben gezeigt, dass es ein bestimmtes Zeitfenster gibt, in dem Beikost gegeben werden sollte, um späteren Nahrungsmittelallergien vorzubeugen«, stellt die Expertin klar.

Einen Widerspruch zur aktuellen Still-Leitlinie, die empfiehlt, Säuglinge bis zum sechsten Lebensmonat voll zu stillen, sieht Fölster-Holst darin nicht. Stillen könne selbstverständlich länger fortgeführt werden – entscheidend sei jedoch, dass das Immunsystem des Darms ab dem fünften, spätestens jedoch ab dem sechsten Lebensmonat mit verschiedenen Nahrungsmitteln in Kontakt komme.

Die Dermatologin hatte noch eine weitere, eher unkonventionelle Empfehlung, aus einer Publikation des Fachjournals »European Academy of Allergy and Clinical Immunology«: Lebensmittel vorzukauen und anschließend dem Säugling zu geben. Dieses Procedere wird in vielen Ländern traditionell praktiziert und fördert die Vielfalt des kindlichen Mikrobioms, da über den Speichel früh Mikroorganismen übertragen werden, die zur Reifung des Immunsystems beitragen können. Voraussetzung ist allerdings eine gute Mundgesundheit der Eltern.

Ein Hoffnungsschimmer zum Schluss: Die atopische Dermatitis hat gute Chancen, in oder nach der Pubertät »auszuwachsen«. So geht die Neurodermitis laut dem Allergie-Informationsdienst bei 60 bis 80 Prozent der erkrankten Säuglinge und Kleinkinder spätestens zum Schulbeginn zurück oder hat sich bis dahin zumindest stark gebessert. Bis zum frühen Erwachsenenalter sind etwa 60 Prozent der Kinder symptomfrei.

Woran liegt das? Mit zunehmendem Alter reift das kindliche Immunsystem und lernt, angemessener auf Umweltreize zu reagieren. Überschießende Immunantworten, die bei der atopischen Dermatitis eine zentrale Rolle spielen, treten dadurch seltener auf. Gleichzeitig stabilisiert sich die Hautbarriere: Die Haut kann Feuchtigkeit besser halten, ist weniger durchlässig für Allergene und Mikroorganismen und damit insgesamt widerstandsfähiger. Auch das Hautmikrobiom verändert sich im Laufe der Jahre. Während bei Säuglingen und Kleinkindern noch eine vergleichsweise geringe Vielfalt vorherrscht, nimmt diese mit der Entwicklung zu. Das erschwert es problematischen Keimen wie S. aureus, dauerhaft die Oberhand zu gewinnen.

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