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Warum längere Arbeitstage ein Irrweg wären
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Streit um Arbeitszeitgesetz

Die Bundesregierung plant, die tägliche Höchstarbeitszeit zu lockern. Künftig soll diese Grenze nicht mehr pro Tag, sondern nur noch pro Woche gelten. Was als Modernisierung verkauft wird, könnte sich als gefährlicher Rückschritt erweisen: Forschende der Hans-Böckler-Stiftung warnen eindringlich vor gesundheitlichen, sozialen und gleichstellungspolitischen Folgen.
AutorKontaktMichael van den Heuvel
Datum 29.10.2025  08:00 Uhr

Ein Rückschritt

Für die Geschlechtergerechtigkeit hätte eine Lockerung der Arbeitszeitregeln fatale Folgen. »Frauen leisten im Schnitt acht Stunden mehr unbezahlte Arbeit pro Woche als Männer«, erklärt WSI-Expertin Dr. Yvonne Lott in einer Presseinformation. Wenn Arbeitstage noch länger und unplanbarer werden, bleibt ihnen noch weniger Zeit für Familie und Erholung. Das erschwert nicht nur den Alltag vieler Mütter, sondern auch ihren beruflichen Aufstieg.

Besonders problematisch ist, dass Überstunden künftig steuerlich begünstigt werden sollen – eine Maßnahme, die Lott zufolge »alte Rollenbilder verfestigt und die Gleichstellung zurückwirft«. Wenn der vollzeitbeschäftigte Partner noch länger arbeitet, sinkt die Chance, dass Frauen ihre Arbeitszeit ausweiten können. Der Fortschritt der letzten Jahrzehnte, wonach immer mehr Frauen in den Beruf zurückkehren, geriete ins Stocken. Hinzu kommt: Schon heute leiden viele Familien unter unzureichender Kinderbetreuung. Rund 60 Prozent der Eltern berichten laut Böckler-Daten, dass ihre Kitas verkürzte Öffnungszeiten oder temporäre Schließungen haben. Jede dritte Mutter musste deshalb zeitweise ihre Arbeitszeit verringern. 

Mythos der Minderarbeit

Befürworter der Reform verweisen gern auf internationale Vergleiche und behaupten, in Deutschland werde zu wenig gearbeitet. Daran zweifeln Böckler-Experten mit Blick auf statistische Daten. Tatsächlich erreichen Erwerbstätigkeit und Arbeitsvolumen seit Jahren Rekordwerte. Im Jahr 2024 arbeiteten in Deutschland über 46 Millionen Menschen – mehr als je zuvor. Das Gesamtarbeitsvolumen lag bei über 61 Milliarden Stunden.

Dass die durchschnittliche Jahresarbeitszeit pro Kopf niedriger ist als in manchen anderen Ländern, liegt vor allem an der hohen Teilzeitquote: Fast jede zweite erwerbstätige Frau arbeitet in Teilzeit, oft unfreiwillig. Vollzeitbeschäftigte in Deutschland arbeiten dagegen im Schnitt 40,2 Stunden pro Woche – praktisch genauso viel wie im EU-Durchschnitt. Zudem werden jährlich hunderte Millionen Überstunden geleistet, viele davon unbezahlt.

Auch die Lebensarbeitszeit ist im internationalen Vergleich hoch: Mit durchschnittlich 40 Jahren liegen Beschäftigte in Deutschland weit über dem EU-Mittel von 37,2 Jahren. Wer also behauptet, die Deutschen müssten mehr arbeiten, um die Wirtschaft anzukurbeln, ignoriert die Fakten.

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