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Warum längere Arbeitstage ein Irrweg wären
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Streit um Arbeitszeitgesetz

Die Bundesregierung plant, die tägliche Höchstarbeitszeit zu lockern. Künftig soll diese Grenze nicht mehr pro Tag, sondern nur noch pro Woche gelten. Was als Modernisierung verkauft wird, könnte sich als gefährlicher Rückschritt erweisen: Forschende der Hans-Böckler-Stiftung warnen eindringlich vor gesundheitlichen, sozialen und gleichstellungspolitischen Folgen.
AutorKontaktMichael van den Heuvel
Datum 29.10.2025  08:00 Uhr

Union und SPD wollen das Arbeitszeitgesetz reformieren. Sie begründen ihre Pläne mit dem Ziel, Unternehmen mehr Spielraum zu geben und gleichzeitig wirtschaftliche Impulse zu setzen. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sollten ebenfalls profitieren – durch mehr Selbstbestimmung bei der Arbeitszeit. Doch eine Analyse der Hans-Böckler-Stiftung zeigt: Schon heute erlaubt das Arbeitszeitgesetz erhebliche Flexibilität. Arbeitgebende können die tägliche Arbeitszeit auf bis zu zehn Stunden verlängern, solange innerhalb von sechs Monaten ein Ausgleich erfolgt.  Was mit der geplanten Reform möglich würde, geht weit darüber hinaus: Nach Abzug der vorgeschriebenen Ruhezeiten könnten Arbeitstage von über zwölf Stunden zulässig sein. Arbeitsmedizinisch gilt das als hochriskant. Eine derart weitgehende Deregulierung, so die Forscherin Dr. Amélie Sutterer-Kipping vom Hugo Sinzheimer Institut der Hans-Böckler-Stiftung, »würde die gesundheitlichen und sozialen Probleme in der Erwerbsbevölkerung verschärfen, statt sie zu lösen«.

Die meisten dagegen

Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sehen in der Reform keine Chance, sondern eine Bedrohung. Laut einer Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Böckler-Stiftung befürchten knapp drei Viertel der Befragten negative Folgen für ihre Erholung, Gesundheit und Familie, wenn künftig Arbeitstage von mehr als zehn Stunden möglich werden. Frauen äußern diese Sorge sogar noch häufiger als Männer – vor allem, weil sie zusätzlich zum Erwerbsjob mehr unbezahlte Sorgearbeit leisten.

Bereits jetzt arbeiten 12 Prozent aller Beschäftigten regelmäßig länger als zehn Stunden am Tag. Fast 40 Prozent nehmen ihre Erwerbsarbeit am Abend noch einmal auf – häufig, weil sie tagsüber wegen familiärer Verpflichtungen unterbrechen müssen. Die Folgen sind spürbar: weniger Schlaf, mehr Stress und ein steigendes Risiko für psychische Erkrankungen. Arbeitsmedizinische Erkenntnisse bestätigen die Sorgen: Das Unfallrisiko steigt nach der achten Arbeitsstunde exponentiell, nach zwölf Stunden ist es doppelt so hoch wie bei einem Achtstundentag. 

Ein Rückschritt

Für die Geschlechtergerechtigkeit hätte eine Lockerung der Arbeitszeitregeln fatale Folgen. »Frauen leisten im Schnitt acht Stunden mehr unbezahlte Arbeit pro Woche als Männer«, erklärt WSI-Expertin Dr. Yvonne Lott in einer Presseinformation. Wenn Arbeitstage noch länger und unplanbarer werden, bleibt ihnen noch weniger Zeit für Familie und Erholung. Das erschwert nicht nur den Alltag vieler Mütter, sondern auch ihren beruflichen Aufstieg.

Besonders problematisch ist, dass Überstunden künftig steuerlich begünstigt werden sollen – eine Maßnahme, die Lott zufolge »alte Rollenbilder verfestigt und die Gleichstellung zurückwirft«. Wenn der vollzeitbeschäftigte Partner noch länger arbeitet, sinkt die Chance, dass Frauen ihre Arbeitszeit ausweiten können. Der Fortschritt der letzten Jahrzehnte, wonach immer mehr Frauen in den Beruf zurückkehren, geriete ins Stocken. Hinzu kommt: Schon heute leiden viele Familien unter unzureichender Kinderbetreuung. Rund 60 Prozent der Eltern berichten laut Böckler-Daten, dass ihre Kitas verkürzte Öffnungszeiten oder temporäre Schließungen haben. Jede dritte Mutter musste deshalb zeitweise ihre Arbeitszeit verringern. 

Mythos der Minderarbeit

Befürworter der Reform verweisen gern auf internationale Vergleiche und behaupten, in Deutschland werde zu wenig gearbeitet. Daran zweifeln Böckler-Experten mit Blick auf statistische Daten. Tatsächlich erreichen Erwerbstätigkeit und Arbeitsvolumen seit Jahren Rekordwerte. Im Jahr 2024 arbeiteten in Deutschland über 46 Millionen Menschen – mehr als je zuvor. Das Gesamtarbeitsvolumen lag bei über 61 Milliarden Stunden.

Dass die durchschnittliche Jahresarbeitszeit pro Kopf niedriger ist als in manchen anderen Ländern, liegt vor allem an der hohen Teilzeitquote: Fast jede zweite erwerbstätige Frau arbeitet in Teilzeit, oft unfreiwillig. Vollzeitbeschäftigte in Deutschland arbeiten dagegen im Schnitt 40,2 Stunden pro Woche – praktisch genauso viel wie im EU-Durchschnitt. Zudem werden jährlich hunderte Millionen Überstunden geleistet, viele davon unbezahlt.

Auch die Lebensarbeitszeit ist im internationalen Vergleich hoch: Mit durchschnittlich 40 Jahren liegen Beschäftigte in Deutschland weit über dem EU-Mittel von 37,2 Jahren. Wer also behauptet, die Deutschen müssten mehr arbeiten, um die Wirtschaft anzukurbeln, ignoriert die Fakten.

Faire Vorschläge

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Hans-Böckler-Stiftung machen darüber hinaus konkrete Vorschläge, wie die Arbeitswelt fairer und zugleich produktiver gestaltet werden könnte, ohne den Gesundheitsschutz auszuhöhlen. Entscheidend sei mehr Arbeitszeitsouveränität, also tatsächlicher Einfluss der Beschäftigten auf Beginn und Ende ihrer Arbeitszeit. Zudem müsse die Kinderbetreuung ausgebaut und verlässlicher werden, um Müttern und Vätern gleichermaßen Erwerbschancen zu eröffnen. Reformen wie die Brückenteilzeit seien ein wichtiger Schritt, müssten aber deutlich erweitert werden. Auch die Einführung einer bezahlten zehntägigen Freistellung für Väter nach der Geburt sowie zusätzliche Partnermonate beim Elterngeld könnten die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessern.

Nicht zuletzt braucht es eine lückenlose Erfassung der Arbeitszeiten, wie sie der Europäische Gerichtshof bereits 2019 verlangt hat. Viele Unternehmen, auch Apotheken, ignorieren diese Pflicht, ohne dass sie mit Folgen zu rechnen hätten.

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