| Barbara Döring |
| 02.03.2026 12:00 Uhr |
Nicht nur wählerisch: Bei der Essstörung ARFID besteht Ekel vor bestimmten Lebensmitteln oder Angst vor dem Essen. / © Adobe Stock/Prostock-studio
Ob Rosinen, Fisch oder saure Nierchen: Wenn Menschen bestimmte Lebensmittel nicht mögen, ist das erst mal nicht ungewöhnlich. Schon bei Kleinkindern kennt man das Phänomen »Picky Eating«: Sie sind beim Essen wählerisch und verweigern bestimmte Lebensmittel etwa wegen der Konsistenz, der Farbe oder einfach, weil sie neu für sie sind. In der Regel hat das »Rosinenpicken« keine Auswirkung auf Gewicht oder Wachstum. Während sich jedoch die meisten Kinder mit zunehmendem Alter dann deutlich abwechslungsreicher ernähren, kann in seltenen Fällen die Aversion gegen das Essen krankhaft und mit gesundheitlichen Risiken verbunden sein.
Von ARFID (englisch: Avoidant/Restrictive Food Intake Disorder) ist die Rede, wenn Essen mit Angst, Stress oder Ekel verbunden ist und dadurch ein Risiko für körperliche Beeinträchtigungen wie Mangelernährung, Wachstumsstörungen oder psychosoziale Probleme bestehen. Die Essstörung wurde erst 2013 als eigenständiges Krankheitsbild im Diagnosemanual DSM 5 definiert und findet sich auch in der ICD 11 wieder, die seit 2022 in Kraft ist. ARFID ist jedoch kein neues Phänomen. Die Diagnose ersetzt vielmehr die Ess- und Fütterstörung im frühen Kindesalter, die damit auf das gesamte Lebensalter erweitert wurde.
»Etwa die Hälfte der Essstörungen bei Kinder- und Jugendlichen war früher einer Restkategorie zugeordnet, nicht einer Volldiagnose«, erläutert Dr. Ricarda Schmidt von der Universitätsmedizin Leipzig gegenüber PTA Forum. Darunter fielen auch Fälle von ARFID. Mit der Diagnoseerweiterung hat die spezielle Form der Essstörung nun einen Namen.
»ARFID beschreibt ein Essverhalten, das zum Beispiel durch sensorische Besonderheiten, Ängste vor dem Essen oder ein ausgeprägtes Desinteresse am Essen gekennzeichnet ist«, erläutert die Wissenschaftlerin für Verhaltensmedizin. Betroffene lehnen im Gegensatz zum Picky Eating, bei dem das Kind heute mal das eine und morgen wieder ein anderes Lebensmittel verweigert, meist ganze Lebensmittelgruppen ab. Häufig ist es der Geruch oder die Beschaffenheit, die als unangenehm empfunden wird. Betroffene haben mitunter auch Angst, etwas zu verschlucken oder daran zu ersticken. Dadurch schränken sie ihre Nahrungsvielfalt deutlich ein.
»ARFID hat viele Gesichter«, sagt die Psychologin. Die Essstörung kann von Fall zu Fall sehr unterschiedlich ausgeprägt sein. Häufig würden Betroffene die Vielfalt ihrer Nahrungsmittel einschränken, indem sie bestimmte Produkte ablehnen. Dies seien oft Lebensmittel wie Obst, Gemüse und Milchprodukte, aber auch Fleisch, Wurst oder Fisch, die von Natur aus in Aussehen und Geschmack variieren, so wie etwa Äpfel sich von Sorte zu Sorte geschmacklich unterscheiden.
Hoch verarbeitete Lebensmittel wie Süßigkeiten, deren Geschmack vorhersehbar ist, oder auch Getreideprodukte würden dagegen eher akzeptiert. Andere Betroffene wiederum essen einfach zu wenig, weil sie keinen Appetit haben, schnell abgelenkt sind oder weil sie schnell ein Völlegefühl entwickeln. Beide Faktoren – zu wenig oder zu eingeschränkt essen – können einzeln bestehen oder in Kombination auftreten.